Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

Ein Prosit auf den „Durst nach Erkenntnis“

Seit 20 Jahren fördert der Bund die Arbeit junger Akademiker durch das Immanuel-Kant-Stipendium

Die zum Teil über ein Jahrtausend währende Geschichte und Kultur der Deutschen und ihrer Nachbarn in Schlesien, Pommern oder Preußen sowie in den deutschen Siedlungsgebieten etwa im Baltikum, in Siebenbürgen oder Rußland, sind Teil der deutschen wie der gemeinsamen europäischen Vergangenheit. Als Folge des von Deutschland ausgegangenen Zweiten Weltkriegs endete diese lange Tradition in den meisten dieser Gebiete bzw. veränderten sich die Bedingungen, unter denen verbliebene Minderheiten mit deutscher Kultur und Sprache lebten. Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Spätaussiedler haben seither auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland und der DDR Aufnahme gefunden.

Ihre Integration in die Gesellschaften beider politischen Systeme verlief aufgrund der abweichenden Bedingungen sehr unterschiedlich. In der jungen Bundesrepublik haben die Flüchtlinge und Vertriebenen wesentlich zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen und sich in politischen und kulturellen Vereinigungen organisiert, um ihre Identität zu bewahren. Dagegen war in der DDR jedwede Organisation und öffentliche Wahrnehmung dieser Gruppe unterbunden worden. Und schließlich stellte und stellt die Integration von Spätaussiedlern eine weitere große Herausforderung an die Gesellschaft dar.

Das sind Gründe genug für eine umfassende Auseinandersetzung mit Themen, die die historische und gegenwärtige Kultur und Geschichte der Deutschen in und aus dem östlichen Europa zum Gegenstand haben. Dies ist insbesondere auch eine wissenschaftliche Aufgabe, die nur dann kontinuierlich und stets auf dem neuesten Forschungsstand erfüllt werden kann, wenn sie den akademischen Nachwuchs einbezieht.

Seit 1987, also seit nunmehr zwei Jahrzehnten, fördert der Bund – zunächst durch das Bundesministerium des Innern, seit 1998 durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien – gezielt die akademische Behandlung entsprechender Themen durch das Immanuel-Kant-Stipendium, das an Doktorandinnen und Doktoranden vergeben wird. Geistiger Vater dieses Stipendiums war Professor Dr. Dr. h. c. Roderich Schmidt, selbst ausgewiesener Kenner der pommerschen Landes- und Kirchengeschichte, damals Direktor des Marburger Herder-Instituts. Er hat in dieser Eigenschaft von 1986 bis 2000 die Auswahljury des Stipendiums mit unermüdlichem Engagement geleitet und dabei prägend und beispielgebend gewirkt.

Seit 2000 wirkt das Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa als Geschäftsstelle des Immanuel-Kant-Stipendiums. Die Entscheidung über die Stipendienvergabe obliegt unverändert einem Auswahlausschuß von Hochschullehrern, der vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien berufen wird. Er wird zur Zeit von Professor Dr. Michaela Marek (Universität Leipzig) geleitet. Den neuen Stipendiaten wird im Jahrbuch „Berichte und Forschungen“ des Bundesinstituts eine Gelegenheit geboten, ihre Dissertationsvorhaben vorzustellen. Desgleichen finden jährlich im Bundesinstitut Tagungen statt, auf denen die Stipendiaten ihre Themen und Forschungsansätze vor Kollegen und Spezialisten zur Diskussion stellen.

So war es auch im Oktober 2007. Im Unterschied jedoch zu früheren Jahren war das Jubiläum Anlaß, eine besonders umfassende Tagung zu veranstalten. Über den Kreis der aktuell mit ihren Dissertationen befaßten Stipendiaten hinaus waren alle ehemaligen Stipendiaten und Mitglieder des Auswahlausschusses eingeladen, sich vom Erfolg und der Nachhaltigkeit der Nachwuchsförderung durch das Immanuel-Kant-Stipendium zu überzeugen. Eine Diskussionsrunde gab ehemaligen Stipendiatinnen und Stipendiaten Gelegenheit, von ihren Erfahrungen mit der Förderung und über ihren späteren beruflichen Werdegang zu berichten.

Dabei wurde deutlich, daß die Wege oft verschlungen, der erfolgreiche Abschluß eines Projektes noch nach Jahren möglich ist und, vor allem, daß viele ehemals geförderte Wissenschaftler dem Themenkomplex deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa treu geblieben sind und heute ihrerseits als Forscher und Hochschullehrer den wissenschaftlichen Nachwuchs zur Auseinandersetzung mit dieser spannenden und facettenreichen Materie anregen.

Dokumentiert ist die Erfolgsgeschichte des Immanuel-Kant-Stipendiums in der vom Bundesinstitut zum Jubiläum herausgegebenen Festschrift, die den Kantschen „Durst nach Erkenntnis“ zum Motto hat.

Dazu hat der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann MdB, in seinem Grußwort ausgeführt: „Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kulturerbe hat eine nationale und zugleich – wie das Beispiel Kants in Königsberg zeigt – eine europäische Dimension. Das Immanuel-Kant-Stipendium leistet hier einen spezifischen Beitrag, indem es die grenzübergreifende kooperative Erforschung der Kultur und Geschichte von Regionen im östlichen Europa fördert, in denen Deutsche jahrhundertelang in engem Kontakt mit anderen Völkern gelebt und gewirkt haben. … Die von uns allen gewünschte erfolgreiche Gestaltung der europäischen Zukunft ist nur auf Basis einer engagierten und vorbehaltlosen Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit möglich. Hierzu haben die durch das Immanuel-Kant-Stipendium geförderten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den zurückliegenden Jahren viel geleistet, und sie werden in den kommenden Jahren gewiß noch viel leisten. Meine besten Wünsche begleiten sie auf diesem Weg.“

Höhepunkt und zugleich Abschluß der Jubiläumstagung bildete eine öffentliche Festveranstaltung mit etwa 200 Teilnehmern im Oldenburger Stadtmuseum. Die Grüße des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien überbrachte sein Stellvertreter Professor Dr. Hermann Schäfer. Er bezeichnete das Immanuel-Kant-Stipendium als einen wichtigen Baustein der Wissenschaftsförderung des Bundes und ermunterte die Stipendiaten mit den Worten: „Widmen Sie sich Ihrem Forschungsgegenstand mit Leidenschaft und seien Sie offen für neue Blickwinkel. Tragen Sie zum Dialog unserer vielfältigen Kulturen in Europa bei!“

Die Festansprache zu Thema „Deutschlands östliche Partner in der Mitte Europas“ hielt Ministerpräsident a.D. Professor Dr. Bernhard Vogel. Er erinnerte an die entscheidende Rolle, die die Staaten Osteuropas beim Fall des Eisernen Vorhangs und der deutschen Wiedervereinigung gespielt haben. Diese Ereignisse, die 1987, als die ersten Stipendiaten gefördert wurden, nicht abzusehen, ja realistischerweise nicht einmal zu erhoffen waren, sollten, so appellierte der überzeugte Europäer Vogel, über den politischen Tagesereignissen und kurzfristigen Rückschlägen nicht vergessen werden.

Wie Vogel betonten alle Redner dieses Abends, wie sehr die Veränderungen, die Europa in den vergangenen 20 Jahren erlebt hat, nicht nur dem Frieden und der Verständigung innerhalb der europäischen Staaten dienten, sondern wie sehr sie auch die Möglichkeiten der Wissenschaft veränderten, indem sie intensive internationale Zusammenarbeit und gleichberechtigten Austausch erleichterten.

Es bleibt zu hoffen, daß auf die bisher geförderten 117 jungen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen noch viele weitere folgen werden. Denn – auch dies wurde immer wieder betont – aktuelle und unbearbeitete Fragestellungen gibt es mehr als genug. Die wissenschaftlichen Maßstäben verpflichtete Aufarbeitung der vielfältigen Aspekte deutscher Kultur, Geschichte und Politik im östlichen Europa kann einen wesentlichen Beitrag zur Akzeptanz und Verbreitung von Kenntnissen über die gemeinsame Vergangenheit der Deutschen und ihrer Nachbarn, damit zur europäischen Verständigung und Einigung leisten.

Heinke M. Kalinke (KK)

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