Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Ein rheinischer Journalist aus Schlesien

Dr. Joachim Sobotta wird 75

Man kennt Dr. Joachim Sobotta nicht nur aus seinen politischen Kommentaren und Leitartikeln in der „Rheinischen Post“, sondern auch aus dem sonntäglichen Presseclub der ARD. Nicht die drastischen Formulierungen waren in beiden Medien seine Stärke, sondern die sachlichen Hinweise auf bedeutsame Tatbestände und gelegentliche Einsprüche gegen überzogene Schlußfolgerungen seiner Kollegen. So überzeugte er in klarer Diktion auf der Grundlage historischer Kenntnisse und ausgewogener Einschätzungen politischer Kräfteverhältnisse.

Sein journalistisches Wirken spiegelte die für die Menschen an Rhein und Ruhr charakteristische Haltung, die sich nicht aus einer parteipolitischen Zugehörigkeit ergibt, sondern aus einer harten, oft aufopferungsvollen Arbeit für das eigene Leben und zugleich für das Wohl des Gemeinwesens. Hier gilt kein Egoismus, sondern Rücksicht und Mitsorge für den anderen. Diese Haltung kommt im Lande der Technologie, das ursprünglich das Land von Kohle und Stahl war, in beiden großen Volksparteien lediglich mit unterschiedlicher Ausprägung zur Geltung. So sehr groß ist der Unterschied nicht zwischen Karl Arnold, Franz Meyers und Jürgen Rüttgers auf der einen und Heinz Kühn und Johannes Rau auf der anderen Seite. Bei einer solchen politischen Kultur gibt es Kritik und Korrekturbedürfnis, aber keine Verunglimpfungen.

Am 21. März 1932 in Glatz in Schlesien, im Zentrum der Grafschaft Glatz, geboren, wuchs Joachim Sobotta unter konfessionellen Gegensätzen, aber in der Hülle der in Schlesien historisch gewachsenen Toleranz im chistlichen Geiste auf. Die drohende Gefahr der letzten Kriegsmonate und die Schrecken des ersten Jahres nach Beendigung der Kampfhandlungen erlebte der Heranwachsende hautnah. 1946 traf ihn das Schicksal der Vertreibung aus der angestammten Heimat.

Sein Weg führte wie bei so vielen Schlesiern nach Niedersachsen, wo er in Quakenbrück sein Abitur ablegte. Von 1951 bis 1954 folgte ein Volontariat bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ in Essen, wo er noch Jungredakteur wurde. Von 1955 bis 1959 studierte er Jura an den Universitäten Berlin, München und Bonn, wo er nach dem Staatsexamen mit einer presserechtlichen Arbeit promoviert wurde. Über die „Deutsche Zeitung“ in Bonn (1959–1963) kam er zur „Rheinischen Post“ und wurde schon 1963 Leiter der Bonner Redaktion. Hier stand er nun mitten im politischen Tagesgeschehen, noch dazu zu einer Zeit, als die Epoche Adenauers zu Ende ging und schließlich durch eine sozial-liberale Koalition abgelöst wurde. Die große politische Aufgabe stellte sich mit der Ernennung Sobottas zum Chefredakteur der „Rheinischen Post“ , einer der auflagenstärksten Tageszeitungen in Deutschland, im Jahr 1969, diese hat er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1997 erfüllt. Hier konnte sich sein Talent der differenzierten Darstellung von Problemen und der ausgewogenen, oft nur angedeuteten Beurteilung voll entfalten.

Auch in Düsseldorf begegnete ihm die noch mehr am Niederrhein und in Westfalen verwurzelte preußische Vergangenheit. Für den geborenen Schlesier keine fremde Atmosphäre. Wenn Goethe auf seiner Reise nach Schlesien im Jahre 1790 im oberschlesischen Tarnowitz den Fleiß und die Redlichkeit  der Menschen lobte, die wertvolle Bodenschätze ans Tageslicht befördern, so begegnete der preußische Schlesier an Rhein und Ruhr den gleichen Qualitäten. Nur daß er hier nicht wie Goethe in einem östlichen Zipfel von Oberschlesien, „fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches“, war.

Wer damals und besonders zur Zeit der sich andeutenden und schließlich vollendenden Vereinigung der beiden deutschen Nachkriegsstaaten Sobottas Leitartikel las, konnte bemerken, daß hier ein Journalist schrieb, der dem unhistorischen Geist der Gegenwart nicht anheimgefallen war. Schon sechs Stunden nach dem Fall der Mauer konnten die Leser der „Rheinischen Post“ seinen ersten Kommentar darüber lesen. Die Sorge mancher westdeutscher Zeitgenossen, es könne die nun auf uns zukommende Vereinigung mit den bisher unterdrückten Landsleuten in der DDR zu einer katastrophalen Überbelastung der so behäbig dahindämmernden Bundesrepublik führen, teilte er nicht. Und als 1991 in den Verträgen mit Polen „die von Stalin gezogene und von den Westmächten hingenommene Oder-Neiße-Linie“ als deutsche Ostgrenze akzeptiert wurde, wies er zwar darauf hin, daß sich an den Realitäten aufgrund zweier Generationen neuer polnischer Bürger in den alten Reichsgebieten unter gerechter Würdigung der menschlichen Situation nichts mehr ändern lasse, mahnte aber an, daß den Vertriebenen auch das Angebot der Rückkehr in ihre Heimat gewährt werden müsse.

So war es auch nur natürlich, daß Sobotta sich nach seinem Eintritt in den Ruhestand der Bewahrung und Pflege des Kulturerbes seiner schlesischen Heimat und den Perspektiven einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn im Osten zuwandte. Er tat dies im Rahmen der Stiftung Kulturwerk Schlesien in Würzburg, als Vorstandsmitglied im Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott, in der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf, deren Kuratorium er angehört. In der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat wirkt er seit anderthalb Jahren als Vorstandsmitglied.
Es wird eine sichtbare Klammer zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands sein, wenn am 21. März im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf unter dem Titel „Von der Glatzer Neiße an den Rhein“ eine Ausstellung aus der privaten Sammlung des Jubilars eröffnet werden wird.

Als wir uns neulich über den bevorstehenden 75. Geburtstag unterhielten, meinte Dr. Sobotta bescheiden, er möchte am liebsten als einfacher, aufmerksamer und selbständig denkender Journalist wahrgenommen werden. Tun wir dem aufrechten Demokraten diesen Gefallen. Maß und Selbstbescheidung ist auch eine der Kardinaltugenden der Alten. Möge er uns noch lange als fairer Leiter von Diskussionen und als Rat und Hilfe gewährender Gesprächspartner zur Seite stehen.

Eberhard Günter Schulz (KK)

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