Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1251.

Ein Schloß droht zum Luftschloß zu werden

Im neumärkischen Tamsel, heute Dabroszyn, verfällt mangels Nutzungskonzepts der Sitz der Familien von Schöningh und von Wreech

Verläßt man Küstrin in östlicher Richtung auf der früheren Reichsstraße 1, wird nach knapp zehn Kilometern der Ort Tamsel, heute Dabroszyn, erreicht, knapp 100 Kilometer von Berlin entfernt. Das Dorf liegt malerisch zwischen dem Warthebruch und dem steil aufragenden Hochplateau der Neumark. Im Mittelpunkt des Ortes liegen das 1680 von Hans Adam von Schöningh errichtete Barockschloß, im 19. Jahrhundert klassizistisch überformt (Palace Dabroszyn), die schon im 13. Jahrhundert bezeugte und angeblich von Schinkel umgebaute Kirche sowie der einst prächtige Park mit seinem alten Baumbestand; er ist heute eher in einem „naturbelassenen“ Zustand. Unter der Kirche befindet sich ein Gruftgewölbe mit Sarkophagen der Familien von Schöningh und von Wreech, die von polnischen Fachleuten restauriert worden sind.

Neben den zerstörten Schlössern von Küstrin und Sonnenburg gilt Tamsel als bedeutendes Schloß auf neumärkischem Boden im Gebiet der Warthemündung. Theodor Fontane in seinen „Wanderungen“ entdeckte den Ort für ein breiteres Publikum und schilderte ihn ausführlich im Band „Das Oderland“, nicht ohne Grund: „Es gibt märkische Schlösser, aus denen berühmtere Feldherren als Feldmarschall von Schöningh, schönere Frauen als Frau von Wreech und glänzendere Poeten als Graf Ludwig Wreech oder Graf Herrmann Schwerin hervorgegangen sind, aber es gibt keinen Landsitz, der, wie Tamsel durch sechs Generationen hin, in bewußter Ausübung und Pflege jeglicher Kunst sich immer gleichgeblieben wäre.“ Bekannt wurde Tamsel durch die freundschaftlichen Begegnungen zwischen dem in der Festung Küstrin inhaftierten Kronprinzen Friedrich und der Schloßherrin Frau von Wreech 1731/32, Fontane widmet dieser Episode ein ganzes Kapitel.

Das Ende des Krieges 1945 bedeutete auch das Ende von Tamsel als Sitz der Familie der Grafen von Schwerin. Im April 1945 war das Schloß Hauptquartier des sowjetischen Marschalls Shukow, das Gebäude blieb unzerstört, die Region wurde polnisches Hoheitsgebiet, ein langsames Dahinsiechen begann: Kindergarten, Krankenhaus, Wohnungen, Sitz des Gemeinderates, Verwaltung eines Agrarbetriebes, alles Funktionen, die dem inneren Ambiente nicht gut taten, die Fassade des dreigeschossigen kastellähnlichen Baus bröckelte immer stärker.

1993 erwarb die Gemeinde Vietz/Witnica das Schloß; man fragt, warum nicht Küstrin, das viel näher liegt und vor allem historische Bezüge zu Tamsel hatte. Weitere Pläne waren dann der Sitz der Euregio Viadrina, diese zog allerdings Frankfurt/Oder und Landsberg an der Warthe/Gorzow Wlkp. vor. Hervorzuheben ist das Engagement von Jutta von der Lancken, einer Nachfahrin des letzten Besitzers, in einem Schloßcafé eine deutsch-polnische Begegnungsstätte zu schaffen, was ihr in hervorragender Weise gelang, auch mit Unterstützung zahlreicher Dorfbewohner. Dies geschah von 1995 bis 2000. Wandergruppen, Einzelreisende, Bustouristen aus Deutschland zeigten, wie erfolgreich das Konzept funktionierte.

Leider mußten diese Aktivitäten beendet werden, als die Gemeinde Vietz es schaffte, Fördermittel der EU zur Instandsetzung und Restauration des Schlosses zu erlangen. Die Arbeiten wurden bis 2004 in der unteren Etage durchgeführt, sie vermitteln einen Eindruck davon, wie es vor 1945 einmal ausgesehen hat. Jetzt ist der EU-Geldhahn zugedreht, die Arbeiten sind auf halber Strecke stehengeblieben, und, was viel schlimmer und bedenklicher ist, es gibt überhaupt kein Konzept für eine Nutzung dieses Schlosses. Eine Leihbücherei und ein Kindergarten nutzen gegenwärtig das Gebäude, es steht also nicht ganz leer. Das traurige Resultat nährt die Befürchtung, daß mit der Zeit ein unaufhaltsamer Prozeß des Bröckelns und des Zerfalls an diesem historisch wichtigen Baudenkmal in der Neumark eintritt, wenn keine Lösungen zur Nutzung sich auftun. Die ganze Hilflosigkeit und Überforderung der Gemeinden Vietz und auch Küstrins zeigt sich darin, daß im Dorf ein Schild mit einem Verkaufsangebot steht. Ein Investor aus dem Bereich Gastronomie/Hotelerie wird gesucht.

Am 30. Dezember 2007 ist in der „Märkischen Oderzeitung“ folgender Satz zu lesen: „An der Oder gibt es viele historische Orte, die im heutigen Bewußtsein kaum noch eine Rolle spielen.“ Gemeint damit ist auch die Schloßanlage von Tamsel. Wem gilt aber nun diese Feststellung? Mit Sicherheit den deutschen Otto Normalverbrauchern, die in Grenznähe wohnen, von deren Desinteresse und Kenntnisdefiziten bin ich immer wieder erschüttert; das Argument Tabuisierung in der DDR ist nach fast 20 Jahren nicht mehr überzeugend, bei den jüngeren Jahrgängen sind es klare Mängel in den Lehrplänen für die Schulen.

Im Land Brandenburg findet der historische deutsche Osten in der Schule nicht statt, also auch nicht der östliche Teil der ehemaligen Mark. Das ist nicht verwunderlich, wenn eine Untersuchung der Freien Universität Berlin feststellt, daß selbst über die Geschichte der DDR große Kenntnislücken bei den Schülern bestehen. Wir sollten uns also nicht allzu laut beklagen, wenn wir bei sehr vielen Polen mangelnde Kenntnisse über ihre neue Heimat feststellen, immerhin stehen 700–800 Jahre deutscher Geschichte 60 Jahre polnischer Gegenwart entgegen. Hier wächst bei den Jüngeren erfreulicherweise das Interesse, das letztlich auch wertvollen Baudenkmälern aus deutscher Zeit zugute kommen kann.

Wenn sich polnische Denkmalpflege und interessierte polnische Bürger zusammentun mit entsprechenden Institutionen in Deutschland – hier ist das Land Brandenburg gefordert – und an der eigenen Geschichte interessierten Deutschen, dann gibt es eine Chance für das Schloß Tamsel zu beider Nutzen. Ich denke an den Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger und an den Freundeskreis Schlösser und Gärten der Mark in der Deutschen Gesellschaft in Berlin. Dieser hat begonnen, eine zweisprachige Reihe „Schlösser und Gärten in der Neumark“ unter dem Motto „Schlösser und Herrenhäuser brauchen Freunde“ herauszugeben. Die Bände Tamsel und Sonnenburg sind bereits erschienen.

Daß in Deutschland bei nicht wenigen Bürgerinnen und Bürgern Interesse vorhanden ist, zeigen nicht zuletzt die Aktivitäten von Jutta von der Lancken und der Deutsch-polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz in Görlitz oder die Exkursionsangebote z.B. der Konrad-Adenauer-Stiftung Berlin in den zurückliegenden Jahren. Die reichhaltige Bibliothek des  Hauses Brandenburg in Fürstenwalde bietet Informationen über Kulturdenkmäler aus deutscher Zeit in der Neumark etwa zur Vorbereitung solcher Exkursionen.

Karlheinz Lau (KK)

«

»