Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Ein Schuh, den man sich nicht anziehen möchte

Münchner Ausstellung zeigt das mährische Zlin als „Modell der Moderne“ und zugleich Paradigma totaler, ja „totalitärer“ Architektur

Alles begann vor 115 Jahren. Der Schusterbub Tomas Bata (sprich „Batja“) gründete mit seinen Geschwistern in dem kleinen südmährischen Ort Zlin eine Schuhfabrik. Sie erhielt den Namen der Gründer und wurde ein weltweit gefragtes Unternehmen. Bata-Schuhe trug man auch in Übersee. Der Schuh wurde Zlins Markenzeichen. Ein Gemälde von Frantisek Cubr und Zdenek Pokorny („Zlin – The City of Action“) für die New Yorker Weltausstellung 1939 setzte ihn knallrot ins Zentrum eines frühlingshaft blühenden städtischen „Lifestyle“-Bildes. Entspannte Menschen in durchsonntem Grün. Die ideale Stadt? Das totale, nein: totalitäre Modell einer Stadt.

„Modellstadt der Moderne“. So nennt Architekturmuseums-Chef Professor Winfried Nerdinger von der TU München seine neueste Schau in der Pinakothek der Moderne. Sie ist übersichtlich und gut überblickbar in drei Abteilungen gegliedert. Nerdinger, immer wieder für eine Entdeckung in seinem Fachgebiet gut, übernahm eine auf 1600 Quadratmeter ausgedehnte Ausstellung von der Prager Nationalgalerie, dampfte die Exponate, die meisten Pläne, Skizzen, Entwürfe, Fotos, Videos, Lehrfilme, Leihgaben aus Tschechien, für eine um ein Viertel geringere Fläche ein, erweiterte sie dennoch glücklich um den wichtigen mährisch-französischen architekturhistorischen Aspekt „Le Corbusier und Zlin“. Dazu ließ er  einige Holzmodelle bauen, um die Utopie einer perfekt organisierten Industriestadt auch für den Laien transparent zu machen. Die Kooperation mit Prag und Zlin (Bezirksgalerie) klappte gut. Der Besucher erlebt – bewundernd, nachdenklich und bestürzt zugleich – ein Lehr-Stück europäischer, östlich-kapitalistisch und realsozialistisch geprägter Stadtkulturgeschichte.

Nach dem Tod Antonin Batas 1908 wird Bruder Tomas Firmeninhaber. In Detroit guckt er genau hin, wie Henry Ford seine effektive Autoproduktion in den Griff bekam – um dieses Modell in seiner Heimat weiterzutreiben, es zu übertreffen. Der Mähre geht weit über die Fließbandmethoden des US-Amerikaners hinaus.

Zlin, um 1900 mit 3000 Einwohnern noch ein Nest, weitet sich enorm im Flußtal aus. Die Häuser, Vorgänger der „Plattenbauten“,  wachsen nach „Schema F“ in die Vertikale. Parks, Kulturinstitutionen, Eliten-Internate und Schuhfabrik werden nicht weniger aufeinander abgestimmt als bald das Leben der aus dem Umland hereinströmenden, jobsicheren Arbeiter von der gerasterten Fabrikation diktiert wird. Zlin wird mit seinen leistungsfreudigen, weil rundum gesunden und zufriedenen Arbeitern  zum Symbol städtischer Modernität, Mobilität und Rationalität. Gleichförmiger und kontrollierter ist Stadtleben in seiner ganzen Vielfalt (mit Kinos, Bühnen, Spielplätzen, Freizeiteinrichtungen) nicht denkbar.

Zlin war Bataland. Tomas Bata hat mit seinen wilden, spleenigen Ideen weltweit auf sein Imperium aufmerksam gemacht. Bata-Schuhe waren zwar damals nicht der „dernier cri“ der Fußbekleidung, aber praktisch und preiswert. Wer weiß, daß heute im Bata-Zentrum Toronto täglich (!) eine Million Bata-Schuhe die Fabrik verlassen?

Alles war in Zlin auf Produktionssteigerung ausgerichtet. Die Eigen- und die Kollektivleistung der Menschen führten unweigerlich zu Lebensbejahung, Wohlstand und Fitneß. Funktioniert die Produktion, funktioniert auch das urbane und familiäre Miteinander – so die Philosophie Tomas Batas. Bald weitete der strikt geradeaus denkende Fabrikant sie, theoretisch und praktisch, auf andere Kontinente aus. Zwanghaftigkeit, Homogenität und Konformität, von naiver Diesseits- und Fortschrittsgläubigkeit getragen und getrieben, waren freilich die Kehrseiten jener glänzenden Medaille. Bestrickend: die einprägsamen Sprüche, die man dem Besucher in roten Lettern auf die weißen Wände schrieb: „Die Zukunft ist alles, was wir haben“ – „Gute Schuhe, gute Laune“ – „Geschäft ist Dienst am Volk“. Oder die Anweisung „Seid nicht aus Glas, sondern aus Stahl“.

Tragisch genug, daß Tomas Bata, der, eine wandelnde Videokamera, in seinem 68 Meter hohen Wolkenkratzer zur Kontrolle im raffiniert eingebauten Lift auf und ab fuhr, 1932 Opfer seiner eigenen Lebensphilosophie wurde. Nach dem Motto „Zeit ist Geld“ schlug er die Bedenken seines Piloten, bei dichtem Nebel das Privatflugzeug zu starten, in den Wind. Bata blieb am Top eines seiner Hochhäuser hängen. Sein tödlicher Absturz bedeutete allerdings nicht auch das Ende der Modellstadt Zlin. Sie überlebte den Nationalsozialismus und hielt sich bis weit nach 1989, als die Privatisierung einsetzte.

Museumsleiter Winfried Nerdinger ist es gelungen, mit der um das Kapitel „Le Corbusier“ (Urteil des Stararchitekten 1935 angesichts von Zlin: „Ich habe einen Blick in die neue Welt getan!“) erweiterten Ausstellung (bis 21. Februar) die Ambivalenz von Kapitalismus und Sozialismus, überwölbt durch eine Art Lifestyle-Diktatur, anschaulich und in manchem Detail nacherlebbar zu machen, auch für Schüler und Studierende.

Hans Gärtner (KK)

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