Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Ein Triumph der Freiheit

Die europäischen Versprechungen sind mit Leben zu erfüllen

Da gab es nun wirklich etwas zu feiern an den östlichen Grenzen Deutschlands und Österreichs. Grenzkontrollen fielen weg, der Verkehr von Personen und Gütern kann nun frei fließen. Die Realität der Osterweiterung der Europäischen Union wird nun im alltäglichen Verkehr erlebbar. Handel und Wandel sind befreit von zeitraubenden und kostspieligen Schranken. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat es auf den Punkt gebracht: Die Freiheit hat einen Sieg errungen.

Warum war das erst jetzt möglich, und warum muß sich der Fortschritt unter dem Aspekt der Sicherheit erst noch bewähren? Das kommunistische Zwangssystem und sein Satellitengürtel hatte Europa 45 Jahre lang geteilt. Das zeigt Wirkung bis heute. Selbst das Eingesperrtsein eines Teiles der Deutschen in einem durch Mauer, Wachttürme und Stacheldrahtzäune abgeschotteten Raum erzeugte Gewohnheiten bis zur als wohlig empfundenen Schafstallwärme, die sich noch heute in Wahlergebnissen niederschlagen. Und das Auf und Ab polnischer Zukunftssorgen bewirkt trotz der nicht geringen Popularität einer mutigen Solidaritätsbewegung, daß der Zusammenbruch der Sowjetunion in vielen Gemütern die Empfindung einer Sicherheitslücke hinterlassen hat, die selbst durch die Aufnahme Polens in die Nato immer noch nicht ganz überwunden werden konnte. Diese Hemmnisse der Freiheit in Deutschland und Polen werden nach und nach verschwinden durch die neue Bewegungsfreiheit. So ist die Öffnung der Grenzen nach Osten wirklich ein Vorgang, der auch der Festigung der politischen Freiheit in beiden Ländern zugute kommt. Die anmaßende Forderung einer political correctness zur Sicherung politischer Stabilität verliert ein weiteres Stück ihrer vermeintlichen Notwendigkeit. Wer sich näherkommt, kann erleben, daß vergangene Untaten keiner Seite das menschliche Antlitz rauben können.

Die Freiheit bedarf des Schutzes durch das Recht und seine Gewalt, nicht aber des Schutzes durch Vorurteile und eigensüchtige Überheblichkeit. Deshalb sind unbeschränkte Kontrollen Zeichen ängstlichen Mißtrauens und mühsam beherrschter Feindseligkeit. Mag es diese Folgen des fürchterlichsten aller Kriege in Europa und eines menschenverachtenden, mehr als 70 Jahre währenden Machtkomplexes in manchen Gemütern auch noch geben, so hat das äußere Zeichen dieser menschenunwürdigen Anomalität nun ein Ende gefunden. So hat Freiheit tatsächlich über den Zwang gesiegt. Aber es bleibt die Aufgabe aller Gutwilligen, diese schlichte Normalität, deren Mangel uns nun nicht mehr ununterbrochen vor Augen geführt wird, in den Köpfen und Herzen aller Europäer immer mehr zu festigen.

Was kann in Erfüllung dieser Aufgabe geschehen?

Die Städte- und Schulpartnerschaften zu Kommunen und Schulen in den polnischen und tschechischen Kerngebieten sollten gefördert werden. Warschau, Kleinpolen mit Krakau, Großpolen mit Posen und Gnesen sowie das alte polnische Gebirgsland um die Hohe Tatra in Polen und das böhmische Becken mit Prag sowie Mähren mit Brünn und Olmütz in der Tschechischen Republik sollten viel stärker als bisher in das Blickfeld des deutschen Volkes rücken. Natürlich sind die partnerschaftlichen Beziehungen zu den alten deutschen Gebieten zur Verständigung unter den Betroffenen und ihren Nachkommen weiterhin von besonderer Wichtigkeit – auch wegen der gemeinsamen Erschließung der Kulturgeschichte. Aber die Nachbarvölker im ganzen müssen miteinander bekannter werden. Dazu sollte auch ganz allgemein die polnische und tschechische Tourismuswerbung in Deutschland verstärkt werden.

Der größte Schritt aber auf dem Wege eines dauerhaften Zueinanders zwischen den Deutschen und ihren östlichen Nachbarn wäre es, wenn auf allen Ortsschildern der Städte und Dörfer, die früher jahrhundertelang deutsche Namen getragen haben, diese alten Ortsbezeichnungen in etwas kleinerer Schrift unter den heutigen angegeben würden.

Nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer sind durch Eltern und Großeltern (in den nächsten beiden Jahrzehnten noch einige deutsche Vertriebene durch ihre eigenen Kindheitserinnerungen) mit den alten deutschen Ortsnamen vertraut. Selbst die heutigen nichtdeutschen Bewohner der einst deutschen oder deutsch besiedelten Gebiete hätten einen leichteren Zugang zu Schriften (Dokumenten und Büchern) über das Land, in dem sie nun oft schon in der dritten Generation leben, wenn ihnen die alten deutschen Ortsnamen durch tägliche Anschauung vertraut wären. Keines unserer Nachbarländer würde sich damit etwas vergeben. Im Gegenteil, es bewiese damit Selbstbewußtsein, Ehrlichkeit und Weltoffenheit. Es kann dazu keine Parallele geben, weil es ein derartiges Ausmaß von Bevölkerungsveränderungen seit der (allerdings freiwilligen) Völkerwanderung im frühen Mittelalter in Europa nicht gegeben hat.

Möge also der jetzige Triumph der Freiheit zu immer neuen Siegen über allzu menschliche Beschränktheiten führen. Nur wer offen sich zur Wahrheit bekennt, kann auch frei erhobenen Hauptes seine Straße gehen.

Eberhard G. Schulz (KK)

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