Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Ein Verein, der nicht „tümelt“, sondern tut

Der Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland bündelt trotz beschränkter Möglichkeiten weiterhin einschlägige Initiativen

Die diesjährige Tagung des Vereins für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland fand am 24. November in einem prachtvollen Saal des hessischen Landtags in Wiesbaden statt. In Anwesenheit des Landtagspräsidenten und VDA-Verwaltungsratsmitglieds Norbert Kartmann gab es mehrere hochkarätige Vorträge zu einem aktuellen Thema: „Die Stellung der deutschen Sprache und Kultur in Rumänien nach dem EU-Beitritt des Landes“.

Hervorzuheben sind die Ausführungen des deutschen Unterstaatssekretärs in der Kanzlei des rumänischen Ministerpräsidenten, Dr. Zeno-Karl Pinter, sowie jene von Christine Manta Klemens, Generalschulinspektorin in Hermannstadt und Kreisrätin für die deutsche Minderheit.

Pinter wies darauf hin, daß Österreich wegen seiner umfangreichen Beteiligungen im rumänischen Öl- und Bankengeschäft quantitativ mittlerweile den ersten Platz unter den ausländischen Investoren einnehme, während die Bundesrepublik Deutschland von der Zahl der Projekte her noch immer mit weitem Abstand an der Spitze stehe. Außerdem hob er das Geschick der deutschen Minderheitenpolitiker bei der Vertretung der gemeinschaftlichen Interessen hervor. Dies wirkt sich in der überproportionalen Berücksichtigung bei der Geldzuteilung aus dem diesjährigen staatlichen Minderheitenbudget von 18 Millionen Euro für alle 20 ethnischen Minoritäten ebenso aus wie bei der Auswahl der drei Minderheitenvertreter auf Regierungsebene – eines Ungarn, eines Deutschen und eines Repräsentanten für alle anderen nicht-rumänischen Volksgruppen. Nach Aussage Pinters werden die Rumäniendeutschen politisch erheblich besser vertreten als manch andere zahlenmäßig größere ethnische Gruppe; als Beispiel nannte er die ukrainische Minderheit.

Christine Manta Klemens gab anschließend Einblick in die Situation im Schulwesen und zog eine erfreulich positive Bilanz. Immerhin 0,57 Prozent aller Schüler in Rumänien werden heute in deutschsprachigen Schulen unterrichtet, damit ist der Anteil fast doppelt so hoch wie jener der heimatverbliebenen Siebenbürger Sachsen, Banater und Sathmarer Schwaben etc. an der Bevölkerung (mit insgesamt rund 60000 Personen 0,3 Prozent). Die Quote rumänischer Kinder und Jugendlicher an den deutschsprachigen Schulen beläuft sich inzwischen auf rund 95 Prozent. Ein neu erschienenes Lehrbuch mit dem Titel „Geschichte und Traditionen der deutschen Minderheit“ erfreut sich auch bei ihnen großer Beliebtheit. Das Interesse sei in etwa gleichbleibend, so Christine Manta Klemens, wobei ein deutlicher Schwerpunkt in Siebenbürgen liege. Nicht die Schüler- und Lehrerzahlen bereiteten derzeit Sorge, sondern vor allem die sich nach dem EU-Beitritt auf die Universitätsebene verlagernde Ausbildung von Lehrern und Kindergarten-Erzieherinnen. Dabei macht sich nach Angaben der Generalschulinspektorin die verbreitete Einstellung bemerkbar, daß, wenn man schon studiere, am Ende nicht der wenig prestigeträchtige und schlecht bezahlte Lehrerberuf stehen solle. Darüber hinaus würden auch bereits im Lehramt tätige junge Leute mit guten Deutschkenntnissen häufig von der Wirtschaft abgeworben.

All diese Informationen aus dem anspruchsvollen Tagungsprogramm wurden von den nur knapp über 30 Zuhörern mit Interesse aufgenommen. Wieder einmal wurde man daran erinnert, daß es der VDA heutzutage nicht leicht hat. Schließlich liegt es kaum im Zeitgeist, sich – wie der traditionsreiche Verband, der seit Ende 1998 den Namen Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA) führt – der weltweiten Solidarität zwischen Menschen deutscher Abstammung zu widmen.

Gegründet wurde der VDA 1881 als „Allgemeiner Deutscher Schulverein“. Den Landsleuten jenseits der Reichsgrenzen sollte geholfen werden, ihre Sprache und Kultur auch in neuer Umgebung zu bewahren.

Der Verein, dem zunächst überwiegend Honoratioren angehörten, wuchs rasch zu einer Massenbewegung. Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Felix Dahn, die Historiker Theodor Mommsen und Heinrich von Treitschke oder der Komponist Franz Liszt schlossen sich an. Im Jahre 1920 zählte die Organisation, die sich seit 1908 „Verein für das Deutschtum im Ausland“ nannte, etwa 500 Ortsgruppen mit 70000 Mitgliedern. Bis 1930 wuchs die Mitgliederzahl auf über zwei Millionen. Der „Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände“ zählte 1928 allein eine halbe Million Mitglieder von VDA-Jugendgruppen. Eine ganze Generation wuchs mit diesem Verein, seinem Symbol der blauen Kornblume, den blauen VDA-Kerzen und den öffentlichkeitswirksamen Schulsammlungen für Auslandsdeutsche auf.

In der NS-Zeit konnte sich der VDA unter seinem Bundesleiter Hans Steinacher für ein paar Jahre eine vergleichsweise große Unabhängigkeit erhalten, ehe auch er 1938 gleichgeschaltet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien den alliierten Siegermächten die Interessenvertretung für auslandsdeutsche Gemeinschaften wegen ihrer „völkischen“ Grundideen nationalsozialistisch vorbelastet und wurde verboten. Erst 1955 erfolgte die Wiedergründung in München, wobei der damalige bayerische Ministerpräsident Hoegner (SPD), Bayerns Kultusminister Hundhammer und der Industrielle Rodenstock zu den Initiatoren zählten.

Als überparteiliche und überkonfessionelle Vereinigung verstand sich der VDA weiterhin als Mittler zwischen dem Vaterland und den heute schätzungsweise noch gut 14 Millionen Deutschen außerhalb des geschlossenen Siedlungsraumes in Mitteleuropa, die sich der Heimat ihrer Vorfahren kulturell verbunden fühlen. Er unterstützt deutsche Schulen und deutschsprachige Medien im Ausland, fördert in besonderem Maße den Schüleraustausch zwischen Bildungsanstalten in deutschen Siedlungsgebieten und in der Bundesrepublik, organisiert verschiedenste Tagungen und Seminare, vergibt Stipendien für junge Auslandsdeutsche, leistet Finanzhilfen für Doktorarbeiten und verleiht seit 1993 alljährlich einen Kulturpreis.

Heute ringt der VDA bei einem Altersdurchschnitt seiner Mitglieder von schätzungsweise 65 Jahren um die Existenz. Der Verein findet kaum mehr öffentliches Interesse. Bundesweit kam er zuletzt in die Schlagzeilen, als ihm in den neunziger Jahren finanzielle Unregelmäßigkeiten bei der materiellen und kulturellen Unterstützung der Rußlanddeutschen in der GUS vorgeworfen wurden. Der prestigeträchtige, kurz nach der Wende errungene Status als „Mittlerorganisation“ des Bundes ging verloren. Zum einen hatte das erhebliche finanzielle Einbußen zur Folge, andererseits machte es den Verein frei von der Konzentration auf die in der Regel zum Scheitern verurteilte Fördertätigkeit in der Russischen Föderation.
Seitdem infolge des Regierungswechsels von 1998 die zuvor geleisteten jährlichen Millionenzahlungen aus dem Etat des Auswärtigen Amtes weggefallen sind, kann der VDA sein Hauptaugenmerk wieder auf jene Arbeitsfelder lenken, die ihm durch jahrzehntelange Verbindungen am vertrautesten sind: Ostmitteleuropa, Nord- und insbesondere Südamerika, Australien und das südliche Afrika. Die Entfremdung vieler Mitglieder durch eine überhandnehmende staatliche Bevormundung gehört der Vergangenheit an. Seit Ende 2004 sind nun auch die im Raum stehenden Rückforderungen angeblich beim VDA verschlampter Millionenbeträge durch das Bundesinnenministerium vom Tisch. Heute finanziert man sich ausschließlich durch Beiträge und Spenden, den immer umfangreicheren Schüleraustausch sowie zunehmend durch die von Mäzenen ins Leben gerufenen vereinseigenen Stiftungen: die Bertha-Mechow-VDA-Stiftung und die Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland. Beide tragen schon jetzt wichtige Teile der Hilfstätigkeit und sollen auch mittels erhoffter Zustiftungen schrittweise die schwindenden Beiträge und Spenden ersetzen.

Anstelle des zeitweise zu befürchtenden plötzlichen finanziellen Endes droht jetzt das personelle Aus des mitgliederschwachen Verbandes. Neben der Überalterung stellt die starke regionale Zerstreuung ein erhebliches Problem dar. Einigermaßen funktionierende Landesverbände gibt es nur im Saarland, in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Darüber hinaus befindet sich ein Landesverband Rheinland-Pfalz im Aufbau. Wegen der mangelnden Mobilität der meisten Mitglieder existieren bloß zwei echte VDA-Ortsgruppen in Stuttgart und Verden an der Aller.

Immer wieder haben sich aktive Mitglieder über die existenzgefährdende Struktur des Vereins die Köpfe zerbrochen und Gegenmaßnahmen überlegt, die bisher aber alle verpufften. Der Schüleraustausch ist derzeit wohl die wichtigste Hoffnung des Vorstandes, an dessen Spitze Hartmut Koschyk steht, seines Zeichens parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag. Erst kürzlich wurde eine eigene Internetpräsenz speziell zu diesem Thema eingerichtet (www.vda-jugendaustausch.de). Partnerländer des Jugendaustausches sind gegenwärtig Argentinien, Brasilien, Chile, El Salvador, Namibia, Paraguay und Rußland. Darüber hinaus gelang es in den letzten Jahren gelegentlich, junge Wissenschaftler, deren Forschungen der Verband finanziell unterstützte, für eine Mitarbeit im VDA zu gewinnen.

Zu den Hoffnungsträgern gehört Frank Schüttig, der seit Juli 2005 amtierende neue Schriftleiter des vierteljährlich erscheinenden Vereinsorgans „Globus“. Dieses hat in den jüngsten Ausgaben an inhaltlicher wie optischer Qualität gewonnen und ist mit seinen aktuellen Informationen sowie den abwechslungsreichen Reise- und Hintergrundberichten ein nicht nur für Mitglieder lesenswertes Periodikum über deutsche Kulturbeziehungen.

Weitere Informationen: Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland e.V. (VDA), Kölnstraße 76, D-53757 Sankt Augustin, Telefon: 02241/21071, Fax: 02241/29241, vda.globus@t-online.de, www.vda-globus.de

Martin Schmidt (KK)

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