Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Ein Ziel, viele Zielgruppen

Deutsches Kulturerbe im östlichen Europa – Gedanken zur Zukunftsfähigkeit eines Auftrags

Dimensionen des Lichts: Dan Flavin, Untitled (for Otto Freundlich). 1990. Drei Elemente mit je fünf vertikal angeordneten Leuchtstoffröhren (L 120 cm) und im rechten Winkel dazu je eine kurze Röhre (L 60 cm) in den Farben Rosa, Gelb, Blau, Rot bzw. Grün Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 18828. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, © Dan Flavin bei Estate of Dan Flavin – VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bei der täglichen Auseinandersetzung mit dem Thema „Deutsches Kulturerbe im östlichen Europa“ ist es stets von neuem notwendig, sich selbstreflexiv der Frage nach dessen gesellschaftlicher Relevanz zu stellen – sofern man nicht im akademieähnlichen Elfenbeinturm allein der „zweckfreien“ Wissenschaft verpflichtet ist. Widmen wir uns diesem Thema also, weil vor rund 65 Jahren ein erstaunlich zukunftsorientierter und zukunftsfähiger Gesetzesparagraph geschaffen wurde und wir uns eben der Gesetzestreue verschrieben haben, oder gibt es da noch mehr, was uns Ansporn gibt und Verpflichtung ist?

Natürlich sind da in erster Linie jene Menschen, die im heutigen Deutschland leben und aus ehemals deutschen Ländern und Provinzen oder aus (teils noch bestehenden) deutschen Siedlungsgebieten stammen, deren Geschichte, Kultur, Identität es zu erhalten und anderen zu vermitteln gilt. Aber von den vielen Millionen Menschen, die durch Flucht, Vertreibung, Aussiedlung und Spätaussiedlung in die heutige Bundesrepublik gekommen sind, interessiert sich – leider – nur ein Bruchteil für diese kulturellen Aspekte ihrer Existenz. Die verbandsmäßig Organisierten haben politisch aktive und teils lautstarke Vertreter, aber kulturelle Fragen stehen für sie nur in wenigen Fällen im Vordergrund – ein gewisser Wandel mag gerade eingeläutet werden, da in diesem Kontext politische Belange allmählich an Bedeutung verlieren und die Kultur solche hinzugewinnt. Trotz allem erscheint die Zielgruppe der unmittelbar, schicksalhaft Betroffenen zu klein für die große Aufgabe, die der Paragraph 96 BVFG vorgibt.

Es rücken als nächste die Nachkommen der zuletzt Genannten, also der Vertriebenen, Flüchtlinge, Aussiedler etc. in den Blick. Schätzungen gehen davon aus, dass ein Viertel bis ein Drittel der bundesdeutschen Gesellschaft dieser Gruppe zuzurechnen ist, wohl mit steigender Tendenz. Also eine mehr als nur relevante Größe, die inzwischen sämtliche Generationen, alle Bundesländer und alle sozialen Gruppen umfasst. Und für die dieser Hintergrund in den meisten Fällen nicht mehr als eine biographische Fußnote ist und nur in wenigen Ausnahmefällen mit Vereins- oder Verbandsmitgliedschaften zu tun hat. Zumindest Teile dieses Potenzials zu aktivieren lohnt gewiss alle Anstrengungen, wobei nicht nur alle Angebotsformate von klassischen Vorträgen bis zu den sozialen Medien bedient werden müssen, sondern nicht selten hohe Vorbehaltshürden abzubauen sind.

Neben dieser zahlenmäßig in Deutschland wohl größten Zielgruppe ist über jene zu sprechen, die über eigenes Interesse zum Thema stoßen – sei es nun ein (kultur-)geschichtliches, ein geographisches oder ein touristisches Interesse am östlichen Europa. Oder das Interesse ist fachlicher Natur, wenn Menschen über Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik auf Fragen des deutschen Kulturerbes im östlichen Europa stoßen. Zusammen mit jenen, die über eine eigene, nicht-deutsche Migrationsbiographie dazukommen, kann dieser Personenkreis entscheidende inhaltliche Impulse einbringen.

Zwei weitere bedeutende Zielgruppen sind im Ausland zu suchen: Es sind einerseits die deutschen Minderheiten, die es in ganz unterschiedlicher Größe noch in nahezu allen Ländern des östlichen Europa gibt und mit denen uns ein gemeinsames Interesse am Erhalt und an der Vermittlung des deutschen Kulturerbes verbindet. Und es sind deren heutige Nachbarn – die inzwischen meist ebenfalls schon seit zwei bis drei Generationen in den uns beschäftigenden Regionen lebenden nicht-deutschsprachigen Bewohner. Denn vor allem deren jüngere Generationen entwickeln ein lebhaftes Interesse an der Vergangenheit jener Landschaften, die für sie heute ohne Einschränkung liebgewonnene Heimat sind. Dies mag die zahlenmäßig wohl größte Zielgruppe im Ausland sein, die zu bedienen mit den verfügbaren begrenzten Mitteln jedoch immer nur punktuell und beispielhaft gelingen kann. Hier aber ist in Perspektive wohl das größte Potenzial zu sehen, wenn es um die langfristige Bewahrung von Erinnerung und von Kulturerbe geht, weil der Bezug zum konkreten Ort und zur Region hier bestehen bleiben wird.

All diese Zielgruppen wird das Deutsche Kulturforum östliches Europa, das ja ausdrücklich der kulturellen Breitenvermittlung verpflichtet ist, auch bei der Fortführung der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ im Auge haben, wenn es darum geht, diese zukunftsfähig zu erhalten und als Informationsmedium über deutsches Kulturerbe im östlichen Europa weitflächig zu verankern. Dass uns künftig die Aufgabe zufallen wird, dieses traditionsreiche Medium weiterzuführen, freut uns in besonderer Weise. Es ist eine ehrenvolle Verpflichtung, die wir übernehmen, und die bisherige über fünfzigjährige Leistung im Rahmen der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat bzw. der Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR wird uns Ansporn für die eigene Arbeit sein.

Harald Roth (KK)

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