Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Eine Feinsinnende

Roswitha Wisniewski zum 90. Geburtstag

Natürlich ist herzlich zu gratulieren, Glück und Segen zu wünschen, auch Gesundheit und Wohlergehen, Anerkennung zu zollen und großen Dank zu sagen. Auch wenn es schon vielfältig geschehen ist, darf alles noch einmal, noch viele Male gesagt werden, ja es kann gar nicht oft genug gesagt werden, dass Roswitha Wisniewski sich verdient gemacht hat um so Vieles in ihrem langen Leben, gerade auch um den Ostdeutschen Kulturrat, der ihr mit diesem Gruß eine kleine Ovation darbringen möchte.

Als könnte der Hintergrund gar nicht anders als so blau sein: Frauenkopf, vorgebeugt, von Margarete Depner Bild: siehe Seite 19

Als könnte der Hintergrund gar nicht anders als so blau sein: Frauenkopf, vorgebeugt, von Margarete Depner
Bild: siehe Seite 19

Ihr Leben und die mit ihm verbundene Leistung sind einzigartig, bewundernswert, brillant. Ein unvergessener Freund hätte in seiner unnachahmlichen Art gesagt: Prachtvoll! Kolossal! Und das bei einer menschlich so feinen Bescheidenheit und ruhigen Zurückhaltung. Käthe Kollwitz hatte ihrer Kunst das Ziel gesetzt: „Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind!“ Roswitha Wisniewski hat diesen Vorsatz verwirklicht, in des Wortes reiner Bedeutung, in der Wissenschaft, in der Politik, in der Kultur. Mit großer Beharrlichkeit außerdem; auch das darf gesagt werden. Berühmt war und ist sie allenthalben, wenn sie auch nach Jahren an Zielen festhält, die anderen schon aus dem Blick geraten sind.

Ihr Forum war und ist die Begegnung, ihr Raum, in dem sich Menschen und Zeiten treffen, das Buch. „Bücher“, meint der italienische Schriftsteller Cesare Pavese, „sind keine Menschen, aber sie sind Mittel, zu den Menschen zu gelangen.“ Jean Améry fasst es konkreter: „Der lebenslange Umgang mit Büchern ist wesentlich ein Umgang mit Menschen.“ – Und wo, wenn nicht in der Philosophie, in der Theologie und in der Literatur ist dieser Raum der Begegnung einzigartig, gerade das richtige Ambiente für Roswitha Wisniewski.

Der römische Philosoph Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) hat ausgerechnet in seinem Traktat „De brevitate Vitae“ (Die Kürze des Lebens) über die unbegrenzten Möglichkeiten des Weisen bei seinem Gang durch die Jahrhunderte geschrieben: „Zu den schönsten Dingen, die durch anderer Menschen Mühe aus dem Dunkel an Licht geholt worden sind, werden wir geleitet; kein Jahrhundert ist uns versagt, zu allen haben wir Zutritt.“ Wir können mit Sokrates und allen anderen Philosophen sprechen, ihnen begegnen. „Weit ausgebreitet“, sagt Seneca, „ist also das Leben des Weisen; ihn umschließt nicht dieselbe Begrenzung wie die übrigen Menschen; er allein untersteht nicht den Gesetzen des Menschengeschlechtes; alle Jahrhunderte dienen ihm.“ Aus dem Kontext ergibt sich, dass hier keine elitäre Position vertreten wird, sondern eine Aufforderung an einen Freund, sich einem solchen einmaligen Weg nicht zu verschließen, auch wenn er mit Mühen verbunden ist.

Der Psalmist in der jüdischen Bibel geht noch einen Schritt weiter: Er weiß darum, dass seine Zeit in Gottes Händen steht (Ps. 31,16); er bringt ein menschliches Bewusstsein zur Sprache, das sich in seiner zeitlichen Begrenztheit im Ewigen aufgehoben weiß. Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Andachten und Meditationen des Finkenwalder Seminars 1935 bis 1937 im pommerschen Köslin und in Groß Schlönwitz seinen Vikaren die Bedeutung der Psalmen erklärt, diese Ausführungen sind 1939 in Buchform als letzte seiner Schriften zu Lebzeiten erschienen, bevor er 1941 mit Schreibverbot belegt wurde.

Überall im Alten Testament treffen wir auf Stellen, die von der Durchlässigkeit der Grenze zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit künden. Die wunderbare Geschichte von der Jakobsleiter (Gen. 28,10–19a) ist ein anschauliches Beispiel. Jesus überschreitet im Neuen Testament ebenfalls Raum und Zeit. Auf dem Berg Tabor, dem Berg der Verklärung, spricht er mit Mose und Elia, was Petrus gründlich missversteht: er will sogleich Hütten bauen – jedoch: ein zeit- und raumüberschreitendes Gespräch bedarf keiner Hütten außer der des Geistes.

Jeder Dichter kennt dieses Gespräch und diese Begegnung, wenn er vor seiner Bücherwand steht oder einen seiner Lieblingsgesprächspartner zur Hand nimmt. Und er kennt auch die zeit- und raumsprengende Kraft der Phantasie, wie sie Schalom Ben Chorin (1913–1999) in seiner „Traumgeographie“ zum Ausdruck bringt:

Es geschieht nun, dass ich ungehindert

Von Jerusalem nach Schwabing geh …

Tausend Meilen sind zum Sprung

vermindert

Tel Aviv liegt nah am Tegernsee.

Sprachen fließen seltsam bunt zusammen

Fremde Völker, Länder trennt kein Meer

Schnaderhüpferl und Makamen

Sag und sing ich durcheinander her.

Eine erfahrene Literaturwissenschaftlerin wie Roswitha Wisniewski weiß um die zahllosen Türen und Fenster, die es aufzuschließen gilt, um das Licht der Begegnung mit den Geistern der Großen zum Leuchten zu bringen. Was für eine Aufgabe! Roswitha Wisniewski hat sich ihr ein Leben lang gestellt, mündlich und schriftlich. Noch in ihren 80ern hat sie mit der „Geschichte der deutschen Literatur Pommerns“ ein Opus Magnum vorgelegt, dem alle Achtung gebührt.

Allein diesem Werk angemessen gerecht zu werden, dürfte den Rahmen dieser kleinen Würdigung sprengen (vgl. KK 1341, 25. 2. 2014). Aber die Seiten 241 f. kann ein Königsberger auch an dieser Stelle nicht übergehen. Da ist von Heinrich Ludwig Theodor Giesebrecht (1792–1873) die Rede, einem Freund des Komponisten Carl Loewe (1796–1869), vor allem aber einem Vorgänger von Roswitha Wisniewski, hat er doch 1824 eine pommersche Literaturgeschichte in lateinischer Sprache verfasst: „De Pomeranorum Historia Literaria“.

Weswegen ein Königsberger ihn erwähnen muss? Aus zwei Gründen: Die Königsberger Albertina verlieh dem Gelehrten 1862 den Ehrendoktor, und so wurde zu seiner Würdigung auch die Straße direkt hinter dem Universitätshauptgebäude am Königsberger Paradeplatz zur Giesebrechtstraße, in Blickweite von Immanuel Kant. Zusätzlich darf erwähnt werden, dass in einer Privatklinik, die in dieser Straße lag, 1941, als die Kastanien blühten, der Autor dieser Zeilen geboren wurde. – So wird aus Literaturgeschichte lebendige Begegnung über die Zeiten!

Und Immanuel Kant hat Roswitha Wisniewski gleichsam prophetisch im Blick gehabt, als er schrieb: „Das Ausfüllen der Zeit durch planmäßig fortschreitende Beschäftigungen, die einen großen beabsichtigten Zweck zur Folge haben, ist das einzige sichere Mittel, seines Lebens froh und dabei doch auch lebenssatt zu werden.“

Mit vollen Segeln Bild: OKR

Mit vollen Segeln
Bild: OKR

Wer ist Roswitha Wisniewski? Sie ist eine geniale Meisterin der Begegnung in menschlicher und in literarischer Hinsicht. Was ihr zu danken ist, das ist auch Gnade. Sie wird es wissen. Als Dienerin des Wortes hat sie an der wichtigsten und schönsten Aufgabe teil, die einem Menschen anvertraut werden kann. Am Anfang jeder Begegnung steht das Wort, und es ist wichtig, dass dieses Wort zum Menschen führt.

Hilde Domin (1909–2006) hat in ihrem erschütternden Gedicht „Unaufhaltsam“ das verletzende, das tödliche Wort, seine gnadenlose Unfehlbarkeit dichterisch gestaltet:

Besser ein Messer als ein Wort.

Ein Messer kann stumpf sein.

Ein Messer trifft oft

am Herzen vorbei.

Nicht das Wort.

Es ist eine große, eine ungeheuer verantwortungsvolle Aufgabe, mit dem Wort umzugehen, das Wort zu führen, sich von ihm führen zu lassen, auf den Menschen zu, nicht von ihm weg, gerade wenn man lebenslang in so vielen Bereichen gestaltend tätig ist.

Die Worte, die Roswitha Wisniewski in ihrem Leben gesetzt hat, waren zuverlässige Trittsteine auf den oft unwegsamen Pfaden der Politik, sie waren Wegmarken in ihrer Wissenschaft, Brückenpfeiler im kulturellen Dialog und – was für den Ostdeutschen Kulturrat über viele Jahre hilfreich und leitend war und ist – Leuchtfeuer für die ostdeutsche Kultur. Vor allem aber und immer gaben und geben Roswitha Wisniewskis Worte Einblicke in die Wahrheit, die nach dem Einmaleins von Friedrich Nietzsche aus „Die fröhliche Wissenschaft“ zu zweit beginnt:

Einer hat immer unrecht: aber mit zweien

beginnt die Wahrheit. –

Einer kann sich nicht beweisen: aber zweie

kann man bereits nicht widerlegen.

Das gilt auch für das Buch, für das Lebenselixier von Roswitha Wisniewski. Möge es noch lange so bleiben!

Klaus Weigelt (KK)

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