Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1216.

Eine kuriose Silvester-Fabelei

Zu den Mutmaßungen über das Käthchen von Rohrbach (KK 1212)

Das Urteil über die Bedeutung der unzweifelhaft heftigen, jedoch nur kurzen Liebesbeziehung zu Käthchen Förster, der Küferstochter aus Rohrbach, fällt recht unterschiedlich aus, und zwar über ihre Bedeutung sowohl für das Werk als auch für das Leben des Dichters. Für die Germanisten handelt es sich mehr oder minder um eine Episode, weshalb sie die Aufgabe der Identifizierung des Mädchens gleichgültig ließ, das Eichendorff in den Heidelberger Tagebuchblättern lediglich mit K. bezeichnet hat.

Es waren insbesondere der Philosoph Professor Dr. Adolf Dyroff und zwei Heimatforscher, der Justizrat Otto Michaeli und der Pfarrer Dr. Karl Otto Frey, welche sich, letztere als Pensionäre vor Ort, nicht nur der Aufgabe der Identifizierung des Mädchens, sondern auch der Erschließung seines familiären und sozialen Umfeldes annahmen, und zwar so erfolgreich, daß ihnen eine nahezu restlose Klärung aller Fragen gelang, welche die Liebesbeziehung selbst betreffen. Vor allem der seit 1936 in Rohrbach wohnende Pfarrer i. R. Dr. Karl Otto Frey, der sich von der volkstümlichen Auffassung von Dichtung als Ergebnis von jeweiligem Erlebnis, hauptsächlich Liebeserlebnis, nicht zu lösen vermochte, überschätzte bei weitem die Bedeutung seiner Forschungsergebnisse.

Zum Erstaunen der Fachwelt, insbesondere der Eichendorffkenner und -forscher, kündigte der Joumalist Dietmar Stutzer in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ (Nr. 1212 vom 30. November 2005, S. 21–23) in einem Artikel, der unter demselben Titel, „Merkwürdiges und Merk-Würdiges“ auch in „Oberschlesien“ (Nr. 23–24/2005, S. 31) erschien, neue bedeutsame Ergebnisse zu diesem Randthema an. Wir vergleichen hier lediglich die Angaben des Joumalisten zur Person von Dr. Karl Otto Frey mit dessen Lebensdaten und stellen einige der angeblich neuen Ergebnisse den hauptsächlich von Frey abschließend vorgelegten Fakten gegenüber.

Zur Person Freys schreibt Stutzer: „Frey wird … als Pfarrer in Heidelberg, gelegentlich auch als Stadtpfarrer an der Heiliggeistkirche, angegeben. Dazu soll nicht unerwähnt bleiben, daß er der Evangelischen Landeskirche in Baden nicht bekannt ist (Brief des Landeskirchlichen Archivs).“ Wir stellen fest: Die Anschrift von Frey, allen seinen Beiträgen für „Aurora“ beigegeben, war seit 1936 unverändert Heidelberg, Karlsruher Str. 94. Er wohnte also im Stadtteil Rohrbach.

Über die Kinder des Küfers Johann Georg Förster heißt es bei Stutzer: „Von den elf Kindern ist das ‚Käthchen’ 1837 als erste gestorben …“. Damit richtet er sich gegen die gesicherten Erkenntnisse der „Käthchenforschung“, nach denen ihre Schwester, das Zwillingsmädchen Maria Barbara, geb. Förster, am 9. Dezember 1831 in Heidelberg starb. Außerdem behauptet Stutzer: „Noch der letzte Sohn Johann Jacob Förster, geboren am 9. April 1799, ist am 4. Oktober 1870 im Familienhaus in Rohrbach gestorben.“ Nun war aber der Zwillingsbruder Maria Barbaras, der spätere Pfarrer Ludwig, der letztgeborene Sohn des Küfers Johann Georg. Die Zwillinge kamen nämlich erst am 15. Dezember 1800 zur Welt.

War jedoch der nach Stutzer am 9. April 1799 geborene Johann Jacob Förster überhaupt ein Sohn des Küfers Johann Georg Förster? Dieser erwarb am 12. Mai 1803 für seinen ältesten Sohn, den Bäckermeister Johann Jacob, das Anwesen Hauptstraße (heute Nr. 59) in Heidelberg. Da dieser im September 1803 heiratete und am 1. Juli 1807, als die Brüder von Eichendorff bei ihm einzogen, bereits drei Töchter hatte, wäre er nach Stutzer bei seiner Heirat vier Jahre alt gewesen und mit acht Jahren dreifacher Vater!

Stutzer schreibt ferner: „Wie sich aus den Kirchenakten ergibt, war Philipp Andreas Treiber als Bäckermeister der damalige Besitzer der Bäckerei in der Hauptstraße in Heidelberg, in der die Eichendorffs 1807/08 gewohnt haben.“ Der Bürger und Bäckermeister Philipp Andreas Treiber war, wie Frey ermittelte, ein Stiefsohn aus der zweiten Ehe des Bruders von Major i. R. Philipp Bürger. Treiber besaß die Bäckerei und Weinwirtschaft „Zur schwarzen Traube“, heute das Hotel „Schnookeloch“ in der Steingasse. Die beiden Herren von Eichendorff wohnten jedoch nicht bei ihm, sondern, was noch nie jemand bestritt, bei dem Bäckermeister Johann Jacob Förster in der Hauptstraße.

Das mag genügen, da es sich um „Käthchen-Forschung“ handelt, um Eichendorff-Forschung allenfalls in Einzelheiten am Rande. Die Eichendorff-Forscher haben sorgsam alle gesicherten Fakten, die für die Liebe Eichendorffs zu Käthchen Förster von Bedeutung sind, von den „Käthchen-Forschern“ übernommen und der Öffentlichkeit mitgeteilt. Offensichtlich kennt sie Dietmar Stutzer nicht oder will sie nicht kennen, um behaupten zu können: „Hier stellen sich noch eine Vielzahl von Forschungsfragen, die aber in den Archiven am Ort direkt gestellt und bearbeitet werden müssen.“

Der Dichter selbst sagte zu solcher Silvesterfabelei gewiß: Kurios, höchst kurios!

Franz Heiduk (KK)

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