Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1268.

Eine Schreibmaschine besitzen – dürfen

Was das heißt, kann Richard Wagner sagen

In diesem Herbst ist das Buch „Es reicht: Gegen den Ausverkauf unserer Werte“ des Banater deutschen Schriftstellers Richard Wagner beim Aufbau Verlag erschienen, ebenfalls im Herbst wurde er für sein vielfältiges literarisches Schaffen mit dem Georg Dehio-Buchpreis des Deutschen Kulturforums östliches Europa ausgezeichnet (siehe KK1265).

Doch bei der Lesung im Europasaal der Deutschen Gesellschaft e. V. sind nicht diese beiden aktuellen Anlässe der Aufhänger. Richard Wagner ist da, um in der Reihe „Revolution erlesen“ Texte aus den turbulenten 1980er Jahren zu lesen. Literarische und zeitgeschichtliche Dokumente sollen in dieser Lesereihe an die friedliche Revolution in Deutschland erinnern. Ein Jahr lang, bis zum 20. Jahrestag im November 2009, sind Poeten und Schriftsteller, Künstler und Regisseure aufgerufen, sich auf ihre eigene Weise den Geschehnissen des Herbstes 1989 zu nähern. Den Auftakt hat der Filmregisseur und Publizist Konrad Weiß gemacht, Richard Wagner übernimmt die Stafette und weiß sein Publikum zu erheitern, aber auch nachdenklich zu stimmen.

Ein Auge lacht, das andere weint zwar nicht, ist aber zumindest traurig, wenn das Ohr die Geschichten vernimmt: „Wie ich Kommunist wurde und trotzdem Faschist blieb“, oder „Jemand zeigt mir die Stadt und ich zeig ihm mein Leben“, oder „Wie ich eine ‚Cerere‘ (zu deutsch: Gesuch, Antrag) schrieb, um eine Schreibmaschine besitzen zu dürfen“ …

Ob nun in veröffentlichten Texten wie „Licht“ und „Die Geschichte vom Ball“ oder in unveröffentlichten Gedankensplittern, ob in Prosa aus „einem Land, das einem Land täuschend ähnlich sah“, verfaßt vor seiner Ausreise 1987 in die BRD, oder solcher, die nach seiner Ankunft in Berlin entstanden ist, wie „Begrüßungsgeld“ oder einem taz-Artikel, in dem Wagner über die Unruhen in Kronstadt schrieb und nicht die Unruhen in Brasov, worauf eine empörte deutsche Leserin ihm revanchistische und deutsch-nationalistische Tendenz vorwarf – Wagner weist stets auf  Widersprüche und Diskrepanzen einer Zeit hin, in der auch so etwas wie eine friedliche Revolution möglich war. Sein Ton ist authentisch, der Rhythmus  gebrochen, die Lesung gelungen …

Ingeborg Szöllösi (KK)

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