Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1260.

Eine Schwabinger Institution aus Ratibor

Eine Ausstellung mit Werken des schlesischen Malers Oswald Malura bereichert den Sommer seiner Geburtsstadt

Unter dem Motto „Wege zum Bild – Drogi do obrazu“ hat das Museum im fernen Ratibor (polnisch Racibórz) am 4. Juli 2008, genau fünf Jahre und fünf Tage nach dem Tod des Malers Oswald Malura in München-Schwabing, seiner langjährigen Wirkungsstätte, eine dem reichhaltigen Schaffen des Künstlers gewidmete Ausstellung eröffnet; sie ist dort sieben Wochen lang zu sehen. Das Ratiborer Museum zeigt schon zum zweiten Mal in diesem Jahr eine Ausstellung aus Deutschland – nach dem kürzlich abgebauten Faksimile der Frankfurter Präsentation zu Eichendorffs 150. Todestag nun die von dem in München lebenden (in den USA aufgewachsenen) Sohn Andrew arrangierte Ausstellung von Bildern Oswald Maluras – diese nun im Original. Die Ausstellung schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen den beiden Städten, die im Leben des Malers von besonderer Bedeutung waren. Ratibor und München – jeweils hervorgegangen aus Befestigungen eines Oder- bzw. Isarübergangs – feiern übrigens in diesem Jahr ihr 900- bzw. 850jähriges Gründungsjubiläum.

Die Ausstellung gilt einem Künstler, der 1906 in kargen Verhältnissen im oberschlesischen Boleslau, Kreis Ratibor, geboren wurde und nach einer bedrückenden Lehrzeit bei einem Dekorationsmaler in der nahen Kreisstadt wegzog, um im fernen München, der weithin bekannten Kunststadt, sein Glück zu versuchen. Als Lüftlmaler am Tegernsee verdiente er sich zunächst das nötige Geld für eine Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in München. Die Akademie nahm den talentierten jungen Mann prompt auf; in zwei Jahren brachte er es zum Meisterschüler, zum Studienabschluß wurde er mit einem Reisestipendium bedacht, das er für einen Aufenthalt in Indien und Ceylon nutzte und sich so neue Horizonte erschloß.

Mit Stolz berichtete eine Ratiborer Zeitung im Dezember 1930 über den Trip des „jungen Bauernsohn[s] aus Boleslau“ nach Indien und Ceylon und zitierte aus dort erscheinenden englischen Zeitungen: „Ein deutscher Künstler, Oswald Malura, ist ein junger Mann, dessen Name im Ausland vielleicht noch nicht bekannt, in deutschen Künstlerkreisen einen sehr guten Klang hat. Er ist nur 24 Jahre alt, schön und schlank gebaut. Er kam ruhig und unbemerkt auf dieser Insel an … Nach seinen Werken jedoch zu urteilen wird er hier bekannt werden, bevor er uns verläßt!“ Im Lauf dieser Reise begegnete Malura durch Vermittlung einflußreicher Gönner u. a. Mahatma Gandhi und dem Philosophen, Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore, den er zeichnen und sogar filmen durfte. 1948 schilderte er seine Reiseerlebnisse in dem Buch „Als Maler durch Indien“. Einiges von der künstlerischen Ausbeute dieser Reise ist im Rahmen einer ständigen Ausstellung im geräumigen Dachgeschoß des nach ihm benannten Museums in Oberdießen bei Landsberg am Lech zu sehen.

Vor und nach diesem Ausflug in die weite Welt hat es den jungen Malura immer wieder in seine Heimat zurückgezogen, wo er Impressionen von Land und Leuten im Bilde festhielt und ausstellte – zunächst in der Aula des Staatsgymnasiums Ratibor und 1935 im Museum der Stadt, in das er jetzt, postum, mit einem Querschnitt seines Schaffens zurückkehrt.

Im „Dritten Reich“, als Oswald Malura von den modernen Strömungen der Malerei weitgehend abgeschnitten war, mußte er sich in seiner Arbeit mehr oder minder dem Gefälligen, Bodenständigen anpassen und tradierter Ausdrucksformen bedienen. Aus diesen Zwängen ist er zuweilen – beispielsweise mit der 1938 entstandenen „Vorahnung“, die auch in der Ausstellung zu sehen ist – ausgebrochen.

Erst nach der Rückkehr aus dem Krieg konnte er wieder an die „spirituellen und visuellen Erfahrungen seiner Indien-Zeit“ anknüpfen und Anschluß an die Kunstströmungen der Zeit finden. Die Farbe wird zum bestimmenden Element seiner Kunst. „Die Farbe lebt durch sich selbst und braucht keinerlei Motiv aus der Welt der Dinge“, so seine in einer Schrift für die BASF zum Phänomen Farbe formulierte Auffassung.

Hinzu kamen neue Eindrücke einer Südamerika-Reise Anfang der 1950er Jahre, in deren Verlauf er mit einem 16-Meter-Boot auch den südamerikanischen Kontinent umsegelte (worüber er in Lichtbildvorträgen berichtete), sowie die aus Frankreich empfangenen Anregungen zur Abstraktion. Der Stadt München bzw. ihrem Künstlerviertel Schwabing hielt Oswald Malura zeitlebens die Treue. Hier hatte er vor und nach dem Zweiten Weltkrieg sein Atelier (in dem ihn sogar der ehemalige Bundespräsident Theodor Heuss einmal besuchte) und betrieb zum Lebensunterhalt Mal- und Zeichenschulen. Daneben schuf er sich in den späten 1950er Jahren in Gottes freier Natur außerhalb von Oberdießen bei Landsberg am Lech ein „Atelier am Hang“, und Ende der 1970er Jahre errichtete er in einem umgebauten alten Bauernhaus des Ortes ein „Haus der Begegnung“ als „Kulturtreffpunkt für Gleichgesinnte im Geist“, das seit 15 Jahren als „Malura-Museum“ der Präsentation seiner Werke und Ausstellungen anderer Künstler dient.

Zu seinem 80. Geburtstag charakterisierte ihn eine Münchner Zeitung in einem Artikel treffend als „Maler, Zeichner, Galerist, Lehrer, Autor, Weltenbummler, Weltstaatler, Traumstädter – eine Schwabinger Institution“. Mit Traumstädter ist seine Rolle als umtriebiger Gastgeber der unter dem Namen „Bürgerversammlungen der Traumstadt“ von dem Kabarettisten und Schriftsteller Peter Paul Althaus ins Leben gerufenen Künstlertreffen in der Schwabinger Wohnung des Ehepaars Malura gemeint.

In der Galerie Malura hingegen fanden die ersten Kunstausstellungen des „Seerosenkreises“, einer nach ihrem Schwabinger Stammlokal „Seerose“ benannten Künstlervereinigung, statt (die in diesem Jahr ihr 60jähriges Bestehen feiert). Aus all diesen künstlerischen Aktivitäten im Schwabing der Nachkriegszeit ist Oswald Malura nicht wegzudenken. Konsequenterweise erhielt er im Jahr 1964 den „Schwabinger Kunstpreis“ der Stadt München; 1976 folgte der „Seerosenpreis“ für bildende Kunst; und 1986, zu seinem 80. Geburtstag, wurde er mit der Medaille „München leuchtet“ in Silber sowie dem Sonderpreis des vom Land Niedersachsen verliehenen angesehenen Kulturpreises Schlesien ausgezeichnet, bei dessen Verleihung der in Ratibor aufgewachsene Dr. Herbert Hupka die Laudatio hielt.

Ein Vorhaben, das Oswald Malura besonders am Herzen lag, konnte erst sein Sohn verwirklichen: die Gründung einer Oswald-Malura-Kunststiftung. Die Ziele dieser 2003 errichteten Stiftung sind, das künstlerisches Lebenswerk des Vaters zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen sowie allgemein Kunst und Kultur zu fördern (einschließlich Veranstaltungen auf diesem Gebiet), bedürftige Künstler zu unterstützen und bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für Kunst zu wecken. So wird etwa der Schwabinger Kunstpreis seit 2004 von der Oswald-Malura-Kunststiftung mitfinanziert, und auch das in Rede stehende Ausstellungsprojekt in Ratibor ist zu einem wesentlichen Teil ihr zu verdanken.

Für die Ratiborer Ausstellung „Wege zum Bild“ (so der Titel eines Werkkatalogs aus dem Jahr 1986) hat Andrew Malura, der bei der Eröffnung selbst zugegen war, Bilder seines Vaters aus allen Schaffensperioden, von den Kindertagen bis ins hohe Alter, zusammengestellt: Ölgemälde, Aquarelle, Pastelle, Bleistift-, Kohle-, Federzeichnungen und Collagen – in allen Genres (Portraits, Stilleben, Landschaften und abstrakte Kompositionen). Schwerpunkte bilden dabei die frühen, auf die oberschlesische Heimat des Malers bezogenen Werke und sein unter der Überschrift „Wege zum abstrakten Bild“ zusammengefaßtes Spätwerk. Dazu gibt es als Begleitschrift den ins Polnische übertragenen Katalog, den das Kulturreferat der Landeshauptstadt München für eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag des Künstlers vor zwei Jahren herausgegeben hat. Die Mittel für den Druck der Begleitschrift stellte das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Breslau zur Verfügung, das auch die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat. Sie kann bis zum 24. August 2008 zu den üblichen Öffnungszeiten des Museums besucht werden.

Norbert Willisch (KK)

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