Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1245.

Eine starke Frau

Der Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen für das Jahr 2007 wurde der Oberschlesierin Renata Schumann verliehen

Dreißig Jahre, also eine menschliche Generation lang, wird jetzt der Kulturpreis des Landes Niedersachsen verliehen. Mit der im Jahr 1977 geschaffenen Auszeichnung sollen Leistungen von Kunstschaffenden gewürdigt werden, die entweder selbst aus Schlesien stammen oder deren auszuzeichnendes Werk Bezüge zu Schlesien aufweist. Das hatten vor 30 Jahren die beiden Initiatoren des mittlerweile renommierten und darum begehrten Preises vorgesehen, der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht und der seinerzeitige langjährige Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Dr. Herbert Hupka. Hupka selbst, als 90jähriger immer noch rege, aber als Vorsitzender zurückgetreten, hatte vor zwei Jahren im Celler Schloß einen Sonderpreis Niedersachsens für sein Lebenswerk bekommen – ein Jahr vor seinem Tode.

Unlängst nahm eine bemerkenswerte Frau den Kulturpreis Schlesien im Theater Wolfsburg entgegen, Dr. Renata Schumann, eine deutsche Oberschlesierin und Schriftstellerin, die wie kaum eine andere die Epoche seit 1945 im allgemeinen und das stets schwierige Verhältnis Deutschland–Polen repräsentiert. Als ihr der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann die Ehrenurkunde überreichte, applaudierten in Wolfsburg auch viele Polen, darunter Abgeordnete und hohe Verwaltungsvertreter aus der Woiwodschaft Niederschlesien, der deutschen Autorin, denn nach ihr wurde der polnische Sprachwissenschaftler Jan Miodek ebenfalls mit dem Kulturpreis 2007 des Landes Niedersachsen geehrt. Seit dem Jahre 1991, der politischen „Wende“ in Osteuropa und dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag (nach endgültiger Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Bundestag und Bundesrat) wird der Kulturpreis jeweils einer deutschen und einer polnischen Persönlichkeit verliehen – und zwar alternierend in Deutschland und in Polen. Voriges Jahr war die große Riesengebirgsstadt Hirschberg (Jelenia Gora) an der Reihe, dieses Jahr Wolfsburg, und 2008 wird es Liegnitz (Legnica) sein.

In der Volkswagenstadt stand, jedenfalls aus deutscher Sicht, Renata Schumann im Vordergrund, die mitunter mädchenhaft und verletzlich wirkende 73jährige aus dem oberschlesischen Hindenburg (Zabrze), die als Vollwaise des Krieges die schweren Jahre der Deutschen nach dem von Hitler vom Zaun gebrochenen und verlorenen Kriege in der polnisch gewordenen Heimat Oberschlesien erleiden mußte.

Laudator Horst Milde, einst Präsident des Niedersächsischen Land tages und ebenfalls Schlesier wie so viele Menschen an Elbe, Weser und Ems, hob vor allem hervor, wie die Preisträgerin als junges Mädchen in der Obhut einer Großmutter blieb, jedoch aus ihrer deutschen Muttersprache vertrieben wurde. Renata Schumanns Erstlingswerk „Mutterspache“, nach Einschätzung des Chronisten ihr Schlüsselwerk, beschreibt denn auch sehr plastisch jene Zeit, da die nicht vertriebenen deutschen Oberschlesier, die man ohne ihren Willen zu Polen erklärt hatte, von der nationalsozialistischen Diktatur in die kommunistische geraten waren. Da sollte die Elfjährige, die kein Wort Polnisch verstand, in der polnischen Schule die aufgezwungene Sprache lernen – und dabei kein Wort der Muttersprache verwenden.

In einer sehr einfühlsamen und anrührenden Danksagung sprach Renata Schumann einige Kernsätze: „Der Kulturpreis Schlesien, der seit einigen Jahren als Preis für deutsch-polnische Versöhnung gilt, hat für mich eine ganz besondere Bedeutung. Ich bin durch ihn in der Normalität einer Autorin angelangt, die ein schwieriges Thema zu vermitteln hat, dafür aber auch Anerkennung erfährt. Der Preis bedeutet zugleich Anerkennung dafür, daß ich mich nie mit gefälliger Versöhnungsrhetorik begnügt und mich von Anfang an um redliche deutsch-polnische Verständigung im Sinne der Losung Versöhnung in Wahrheit bemüht habe.“

Der Chronist der Preisverleihung möchte aus eigenem Wissen etwas Wichtiges hinzufügen: Er hat als gebürtiger Niederschlesier und rheinischer Chefredakteur Renata Schumann im Jahr 1983 kennengelernt, als sie gerade erst als Spätaussiedlerin aus Oberschlesien in die Bundesrepublik gekommen war, und es ihr ermöglicht, als Journalistin, also „Tages-Schriftstellerin“, an der lokalen Basis im Großraum Düsseldorf sich wieder in die deutsche Schriftsprache einzufinden, kein leichtes Unterfangen, wenn man als Wissenschaftlerin in Kattowitz und Breslau mehr oder weniger gezwungen war, nur Polnisch zu gebrauchen.

Renata Schumann fand als Schriftstellerin rasch wieder in die ihr jahrzehntelang verwehrte Muttersprache zurück und publizierte zwei historische Romane: „Ein starkes Weib“, das Leben der Patronin Schlesiens Hedwig von Andechs, und „Piastenturm“. Ist’s ungalant, wenn man die Autorin, in Anlehnung an den einen ihrer Buchtitel, eine starke Frau nennt? Sie ist es! Für den deutsch-polnischen Dialog ist sie von nun an unentbehrlich. Auch aus einem sehr praktischen Grunde: Sie braucht keinen Dolmetscher wie die allermeisten Deutschen, die gen Breslau oder Warschau reisen. Und sie ist sowohl für geschichtliche Wahrheit als auch für den Gedanken der Verständigung und Versöhnung im Verhältnis der beiden mitteleuropäischen Nachbarn kompetent.

Der zweite Träger des Kulturpreises 2007 des Landes Niedersachsen, der polnische Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Jan Miodek, dürfte kaum einer breiteren deutschen Öffentlichkeit bekannt sein, obwohl er von 1975 bis 1983 in Münster an der Westfälischen Friedrich-Wilhelms-Universität deutschen Hörern die polnische Sprache vermittelte. In Breslau, dem heutigen Wroclaw, hingegen sei er jedermann bekannt, sogar Kindern, wußte der Laudator im Wolfsburger Theater, der Generaldirektor der Breslauer Staatlichen Museen, Prof. Dr. Maciej Lagiewski, zu berichten. (Er zählt zu jenen polnischen Intellektuellen, die der von den polnischen Nationalkommunisten verbreiteten Mär beherzt entgegentreten, Schlesien sei eigentlich immer polnisch gewesen. Die Aufstellung der eindrucksvollen Büsten deutscher Breslauer vom Industriellen August Borsig bis zur Märtyrerin Edith Stein im Foyer des historischen Rathauses durch Lagiewski belegt das.)

Preisträger Jan Miodek spielte wiederum die Karte der „Multikulturalität Schlesiens durch die Jahrhunderte“, als hätte es nicht seit dem 14. Jahrundert die friedliche deutsche Besiedlung des Landes und über die Krone Böhmens frühzeitig die Hinwendung zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gegeben. Aus polnischer Sicht vorbildlich ist gewiß, daß Miodek nicht nur an der Philologischen Fakultät zu Breslau wissenschaftlich für die Bewahrung seiner polnischen Sprache kämpft, sondern auch als Journalist in Zeitungs- und Rundfunkbeiträgen in einer breiten Öffentlichkeit. So einen könnten wir auch bei uns gebrauchen, dachte sich der deutsche Chronist bei der Preisverleihung in Wolfsburg. Welcher deutsche Professor tritt als Alltagspublizist unseren deutschen „Fans“ der „Events“ entgegen?

Schließlich noch ein Wolfsburger Schlußakkord zur Verleihung eines Sonderpreises des Landes Niedersachsen an zwei Institutionen, die in Wolfsburg heimische Hoffmann von Fallersleben-Gesellschaft und das Germanistische Institut an der Breslauer Universität. Das ist nun wirklich praktisch gelebte deutsch-polnische Verständigung, auf hohem akademischen Niveau. Professoren, die diesseits und jenseits der Oder-Neiße-Grenze die deutsche Sprache pflegen, bezeugten es. Hut ab vor den polnischen Wissenschaftlern, die mit ihren Kollegen unter dem Namen des Dichters des Deutschland-Liedes zusammenarbeiten. Diese polnischen Zeitgenossen wissen offensichtlich besser, was Hoffmann von Fallersleben meinte, als er im 19. Jahrhundert dichtete: „Deutschland, Deutschland über alles“, die Eingangsworte unseres Nationalliedes, von dem nur noch die dritte Strophe gesungen wird. Gemeint war die Sehnsucht der Deutschen, der aus damaliger Sicht national Benachteiligten in Europa, nach Einheit und nicht ein verbrecherisches Weltmachtstreben, das nach 1945 die Deutschen ihr Schlesien kostete!

Joachim Sobotta (KK)

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