Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1374.

Einen „seines nationalen Lebens frohen Staat“

Vor 100 Jahren proklamierten die Mittelmächte ein „Königreich Polen“ auf bis dahin russischen Territorien

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Die Proklamation des Königreichs Polen: „An die Bewohner des General-Gouvernements Warschau“, 5. Nov. 1916, Ausfertigung in dt. Sprache (Archivsign.: DSHI_170_Altplakate_80) Bild: der Autor

Die Einstellung zur „polnischen Frage“ war 1915 in Berlin nicht ungünstig, soweit sich dies auf Russisch-Polen bezog. Es sei hier nur an die Rede des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg vor dem Reichstag (19. August 1915) und an die Proklamation „An die Einwohner von Wilno“ nach Einnahme der Stadt Wilna durch deutsche Truppen im September 1915 unter Traugott Graf von Pfeil und Klein Ellguth erinnert, in der es u. a. hieß: „Wilno – eine Perle in dem ruhmreichen Königreich Polen“. Allerdings folgte daraus politisch zunächst nichts, weil Berlin und Wien Bedenken hatten, dass mit Zugeständnissen an die Polen im bisherigen Russisch-Polen sich auch die Frage der anderen Teilungsgebiete stellen konnte.
Erst als sich 1916 die militärische Lage der Mittelmächte verschlechterte und die Materialschlachten an der Westfront (Verdun!) immer größere Menschenverluste forderten, „drängte die deutsche Oberste Heeresleitung darauf, ein polnisches Staatswesen zu errichten, in der falschen Hoffnung, in ihm eine Freiwilligenarmee zum Kampf gegen Rußland anwerben zu können“ (Enno Meyer), um auf diese Weise mehr deutsche Truppen an die Westfront verlegen zu können.

Am 5. November 1916 war es soweit: Die Mittelmächte proklamierten ein „Königreich Polen“ auf bisher russischen Territorien („Kongresspolen“), die zum Teil der Verwaltung Berlins (Generalgouvernement Warschau), zum Teil jener Wiens (GG Lublin) unterstanden. Es gab Ausfertigungen der Proklamation in deutscher und in polnischer Sprache. Der deutsche Text lautet:

An die Bewohner des General-Gouvernements Warschau!

Seine Majestät der Deutsche Kaiser und Seine Majestät der Kaiser von Österreich und Apostolische König von Ungarn, […] von dem Wunsche geleitet, die von ihren tapferen Heeren mit schweren Opfern der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebiete einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen, sind dahin übereingekommen, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu bilden. Die genauere Bestimmung der Grenzen des Königreichs Polen bleibt vorbehalten. Das neue Königreich wird im Anschluss an die beiden verbündeten Mächte die Bürgschaft finden, deren es zur freien Entfaltung seiner Kräfte bedarf. In einer eigenen Armee sollen die ruhmvollen Überlieferungen der polnischen Heere früherer Zeiten und die Erinnerung an die tapferen polnischen Mitstreiter in dem großen Krieg der Gegenwart fortleben. Ihre Organisation, Ausbildung und Führung wird in gemeinsamem Einvernehmen geregelt werden.

Die verbündeten Monarchen geben sich der zuversichtlichen Hoffnung hin, dass sich die Wünsche nach staatlicher und nationaler Entwicklung des Königreichs Polen nunmehr unter gebotener Rücksichtnahme auf die allgemeinen politischen Verhältnisse Europas und auf die Wohlfahrt und Sicherheit ihrer eigenen Länder und Völker erfüllen werden.

Die großen westlichen Nachbarmächte des Königreichs Polen werden an ihrer Ostgrenze einen freien, glücklichen und seines nationalen Lebens frohen Staat mit Freude neu erstehen und aufblühen sehen.

Auf Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät des Deutschen Kaisers.

Der General-Gouverneur v. Beseler

Dass diese Gründung keine allgemeine Begeisterung auf polnischer Seite hervorrief, lag u. a. an folgendem:

1. Das neue Königreich sollte eine erbliche Monarchie werden, doch fehlte jeder Hinweis auf eine Dynastie und auf die Bildung einer handlungsfähigen polnischen Regierung.

2. Die Grenzen des Königreichs sollten später bestimmt werden, was nicht allein aus polnischer, sondern auch aus litauischer und ukrainischer Sicht unbefriedigend war. Weil die Abgrenzung gegenüber Litauen und der Ukraine im Einzelfall schwierig war, hatten Berlin und Wien gerade deshalb die Frage der Grenzen zurückgestellt, um Litauer und Ukrainer nicht zu verärgern und um nicht über preußische und österreichische Teilungsgebiete sprechen zu müssen, die für fast alle polnischen Politiker unverzichtbar Teil des ganzen Polen waren.

3. Der Zusammenhang zwischen der Gründung eines polnischen Staates und der Frage der Anwerbung von polnischen Kriegsfreiwilligen trat so überaus deutlich hervor, dass man es den Mittelmächten nicht abnahm, es ginge ihnen tatsächlich um die Wiederherstellung Polens nach 120 Jahren.

Berlin und Wien erkannten, dass nicht alle ungelösten Provisorien im Hinblick auf das neue Königreich Polen ungelöst bleiben durften. Ihr Zögern beförderte die vom polnischen Exil beeinflussten Pläne, die polnische Frage mit den Interessen der Entente-Mächte zu verbinden und gegen die Mittelmächte zu richten. Diese fanden sich daher im Oktober 1917 bereit, einen polnischen Regentschaftsrat zu bilden und mit dem Aufbau staatlicher Strukturen zu beginnen. Auch wenn nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im November 1918 die Neugründung eines polnischen Staates nach dem Willen der Siegermächte erfolgte, sind doch einige Kontinuitäten bemerkenswert, die zwischen dem von Deutschland und Österreich-Ungarn proklamierten Staatswesen und seinem Regentschaftsrat und der dann endgültig gegründeten Republik Polen bestanden. Bis heute darf das Buch von Werner Conze, „Polnische Nation und deutsche Politik im Ersten Weltkrieg“, Köln und Graz 1958, als Standardwerk zu diesem Thema gelten.

Peter Wörster (KK)

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