Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Einer der letzten Vermesser

Das Buch trägt einen bescheidenen Titel und bietet dem Leser eine Sammlung von neun Aufsätzen zur Literatur einer deutschen Provinz, die 1945 untergegangen ist. Der Autor, der 1960 mit dem ersten Band einer dreibändigen „Geschichte der Literatur Schlesiens“ bekannt wurde, ist 1928 im oberschlesischen Beuthen geboren, im unterfränkischen Schweinfurt ist er im Herbst 2006 gestorben. Gelebt und gewirkt aber hat er ein halbes Jahrhundert im oberfränkischen Coburg als Gymnasiallehrer, als Literaturwissenschaftler und als Schriftsteller. Das zweibändige Lesebuch „Wege der deutschen Literatur“ (1961) ausgenommen, das er mit Hermann Glaser, dem späteren Kulturdezernenten von Nürnberg, und Jakob Lehmann verfaßt hat, war die schlesische Literatur der bevorzugte Gegenstand der Forschung bei Arno Lubos. So erschienen schon 1961 das Lexikon „Die schlesische Dichtung im 20. Jahrhundert“ und 1962 ein Buch über den schlesischen Pädagogen und Reformator Valentin Trozendorf.

Allein über vier schlesische Autoren hat er Monographien veröffentlicht, über Horst Lange (1967), über Hermann Stehr (1977), über Gerhart Hauptmann (1978) und über Jochen Klepper (1978). Das Verdienst der nun postum erschienenen Aufsatzsammlung ist es, auf Autoren und Literaturströmungen aufmerksam zu machen, die über ihre Verwurzelung in Schlesien hinaus Bedeutung für die deutsche Literaturgeschichte gewonnen haben.

Ein Beispiel dafür ist der im niederschlesischen Beuthen geborene Pfarrerssohn Jochen Klepper (1903–1942), der seine Romane und Gedichte nur im „Dritten Reich“ veröffentlichen konnte und dessen kurzes Leben neun Jahre lang bis zum Selbstmord im Krieg von politischer Verfolgung geprägt war, da er 1931 eine Jüdin geheiratet hatte. Trotz des überragenden Erfolgs seines zweibändigen Romans „Der Vater“ (1937) über König Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der schließlich zur Pflichtlektüre für Offiziere der Wehrmacht erklärt worden war, wurde der politische Druck, der vom nationalsozialistischen Staat auf den protestantischen Dichter, seine Frau und deren Tochter ausgeübt wurde, schier unerträglich. Die erst 1956 erschienenen Aufzeichnungen aus den Jahren 1932/42, „Unter dem Schatten deiner Flügel“, sind ein Beklemmung auslösendes Zeugnis christlicher Selbstbehauptung im totalitären Staat.

Der schlesische Mundartdichter Ernst Schenke (1896–1982), geboren in Nimptsch am Eulengebirge und gestorben in Recklinghausen/Ruhrgebiet, erfreut sich bei seinen Landsleuten bis heute hoher Wertschätzung. Allerdings mit einer Einschränkung: sofern sie, sechs Jahrzehnte nach Flucht und Vertreibung, das Niederschlesische in seinen regionalen Ausformungen zwischen Grünberg und Brieg noch verstehen. Schon der Titel seines ersten Gedichtbandes „Laba und Treiba“ (1922), der in zweiter Auflage „Schlesische Gedichte“ (1928) hieß, dürfte heutigen Lesern kaum noch verständlich sein. Als Erzähler veröffentlichte Ernst Schenke, der in diesem Band der Vergessenheit entrissen wird, seine „Zwölf Geschichten in Schlesisch“ (1928) und seinen Roman „Menschen im Tal“ (1942), der seitdem nicht wieder aufgelegt wurde.

Ein anderer Mundartdichter aus Schlesien, dem Arno Lubos einen langen Aufsatz widmete, ist Karl von Holtei (1798–1880), geboren und gestorben in Breslau. Er nahm, als Sohn eines Offiziers, 1815 an den Befreiungskriegen teil und war schon in jungen Jahren als Schauspieler, Dramaturg, Regisseur und Bühnendichter tätig. Seine Laufbahn als Schauspieler begann er 1816 in Grafenort, Grafschaft Glatz, wo er auch seine erste Frau kennenlernte, die schon 1825 starb. Über die Stationen Berlin und Riga kam er 1842 ans Breslauer Stadttheater und von dort für mehrere Jahre auf Schloß Trachenberg, wohin ihn Fürst Hatzfeld eingeladen hatte. Nach Gastspielen und Lesereisen in Wien, Prag, Dresden, Hamburg, Weimar wohnte er bis 1863 bei seiner in Graz/Steiermark verheirateten Tochter, bevor er nach Breslau zurückkehrte, wo sein 80. Geburtstag 1878 stürmisch gefeiert wurde. Daß er zwischen 1827 und 1831 viermal Goethe in Weimar besuchte, der seine Mundartgedichte lobte, daß er mit Joseph von Eichendorff und Gustav Freytag befreundet war, daß er einen Kriminalroman „Mord in Riga“ (Neuausgabe 1992) geschrieben hat, ist heute vergessen. In der Buchreihe „Deutsche Bibliothek des Ostens“ hat der Augsburger Germanist Helmut Koopmann sein autobiographisches Buch „Jugend in Breslau“ herausgegeben. Seine „Ausgewählten Werke“ erscheinen seit 2002 im Würzburger Bergstadt-Verlag. Arno Lubos behandelt den Autor hier unter einem besonderen Aspekt: „Schlesien im Leben und Werk Holteis“.

Weitere Aufsätze des Bandes sind dem „Heimaterlebnis Eichendorffs“ und „Regionaler Literaturhistorik“ gewidmet. Hier setzt sich der Autor mit den ersten Beschreibungen schlesischer Literatur im 18. Jahrhundert auseinander und führt die Interpretation fort bis in die unmittelbare Gegenwart. Zu erwähnen bleibt, daß der verstorbene Arno Lubos einer der letzten Vermesser schlesischer Literaturlandschaft gewesen ist.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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