Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Einmal vertrieben – immer getrieben

Der 1970 geborene Historiker Andreas Kossert arbeitet am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er wurde bekannt durch seine Veröffentlichungen „Masuren, Ostpreußens vergessener Süden“ und „Ostpreußen – Geschichte und Mythos“. In seinem jüngsten Buch beschreibt er die Situation der deutschen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die am Ende des Krieges nach Deutschland strömten bzw. aus ihren Heimatgebieten im Osten unter unsäglichen Bedingungen vertrieben wurden.

Etwa 14 Millionen Deutsche aus den östlichen Provinzen des Reiches und aus den Siedlungsgebieten Ost- und Südosteuropas traf dieses Schicksal, um die zwei Millionen Todesopfer sind zu beklagen. Es war die größte „ethnische Säuberung“ der modernen Geschichte. Sie ist die Konsequenz des von den Nationalsozialisten entfesselten Zweiten Weltkrieges mit den ungeheuren Verbrechen gegen die unterdrückten Völker, aber auch  gegen die eigene Bevölkerung. Dies wird einleitend von Kossert thematisiert, worauf er die Umstände der Ankunft der ungeliebten Deutschen in den vier Besatzungszonen und dem geteilten Berlin, das allerdings zu kurz kommt, rekonstruiert.

Die Fülle der ausgewerteten Materialien, Zahlen und Zeitzeugenberichte trifft den Leser mit voller Wucht. Mir jedenfalls ist es so ergangen, im nachhinein kann ich die Beobachtungen und Bewertungen des Autors aus eignen Erfahrungen in Berlin (West) bestätigen, die im Laufe der Jahrzehnte nur zurückgedrängt wurden. Das Maß an Ablehnung und auch Haß der einheimischen Bevölkerung in allen Zonen gegenüber den mittellosen und verzweifelten Menschen aus dem Osten war ungeheuerlich und erschreckend, von einer gesamtdeutschen Solidarität nach einem von allen Deutschen verlorenen Krieg konnte kaum die Rede sein. Aus diesen Erfahrungen müssen zwei Schlußfolgerungen gezogen werden: Das Schicksal der deutschen Vertriebenen wird bis heute von der Mehrheit der Bevölkerung als eine Angelegenheit dieser Menschen und nicht als Last, die das ganze Volk zu tragen hat, angesehen. Auch der historische deutsche Osten ist schon lange nicht Bestandteil eines gesamtdeutschen Geschichtsbewußtseins.

Die Legende von der Erfolgsgeschichte der Eingliederung der Vertriebenen in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft, die jahrzehntelang bis heute die öffentliche Meinung im vereinigten Deutschland bestimmt, ist eindeutig nicht haltbar. Das eindrucksvoll deutlich zu machen ist das Verdienst dieses Buches. Wie fest diese Vorstellung die Bewußtseinslage bestimmte, zeigen beispielsweise auch die in den siebziger und achtziger Jahren in der alten Bundesrepublik kontrovers diskutierten deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen. Ich behaupte, zumindest die deutschen Teilnehmer hätten es anders wissen müssen.

Kossert schildert die einzelnen Stationen der Aufnahme der Vertriebenen in den vier Besatzungszonen und ab 1949 in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland. Breiten Raum nehmen die sozialpolitischen Fragestellungen ein sowie die konkreten Rückkehrhoffnungen bis weit hinein in die sechziger Jahre, die zusätzlich in der Bundesrepublik durch die großen Parteien CDU und SPD gestützt wurden; diese praktizierten gegenüber den Vertriebenen eine problematische Doppelstrategie: Die Hoffnung auf eine Revision der Oder-Neiße-Linie wurde wachgehalten, weil man diese Personengruppen als Wähler benötigte, in Wirklichkeit war aber die Demarkationslinie seit Beginn des Kalten Krieges die endgültige Westgrenze Polens. In der DDR war diese Frage seit dem Görlitzer Vertrag 1950 definitiv „gelöst“, jeder Widerstand dagegen galt als Verbrechen gegen den Frieden, die Millionen „Umsiedler“ in der DDR konnten sich erst nach der politischen Wende als Heimatvertriebene artikulieren.

Der Autor beschreibt ausführlich, wie ab Ende der sechziger Jahre die Verbände der Heimatvertriebenen wegen ihrer Haltung zur Grenzfrage in der Bundesrepublik allmählich in die Ecke von Revisionisten oder gar rechtsextremen Revanchisten gedrängt wurden, wo sie bis heute, etwa von Teilen der linken Szene, eingeordnet werden. An dieser Frage macht Kossert überzeugend deutlich, wie diese Leute in der Bundesrepublik Diffamierungen und Kampagnen gegen die Vertriebenen aus der DDR kritiklos übernommen haben, was auch 19 Jahre nach der Wende immer noch durchschimmert.

Diese Entwicklungen wurden begleitet – und hier hat das Buch Defizite – durch eine Veränderung des Bildes von Deutschland bei immer mehr Menschen in der Bundesrepublik. „Dreigeteilt – niemals“ (Kuratorium Unteilbares Deutschland) wurde langsam abgelöst durch „Zwischen Rhein und Oder“. Gut abzulesen ist diese Entwicklung in den Lehrplänen der Schulen sowie den Lehrangeboten der Hochschulen. War anfangs noch das Unterrichtsprinzip Ostkunde – es gab kein solches Fach, wie Kossert behauptet – konstitutiv, stammten doch zahlreiche Lehrkräfte aus der Erlebnisgeneration von Flucht und Vertreibung, wurde Deutschland in seinen Grenzen vom 31. Dezember 1937 verpflichtend behandelt, so bestimmten diese Positionen und Personalien mit wachsendem Abstand von den Ereignissen um 1945 nicht mehr Unterricht und Lehre an Schule und Hochschule.

Das Wissen über das historische Ostdeutschland schwand zusehends, eine Tatsache, die heute überall spürbar ist. Interessant wären allerdings Informationen gewesen, welche Wirkungen die Phase der Reisefreiheit zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen in den siebziger Jahren hatte. Doch auch das Faktum, daß deutsche Heimatvertriebene im vereinigten Deutschland die Bevölkerungsgruppe sind, die die intensivsten Kontakte zu den Menschen ihrer früheren Wohngebiete aufgebaut haben, wird von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Frage ist, was kommt, wenn diese Generationen einmal abgetreten sind. Kossert versucht am Schluß seines Buches, das allerdings den Schwerpunkt auf die Jahre unmittelbar nach 1945 legt, einige aktuelle Überlegungen zur Bewahrung des historischen Erbes des deutschen Ostens zur Diskussion zu stellen, die uns im Zusammenhang mit dem „Sichtbaren Zeichen“ beschäftigen werden. Fazit:  Kossert hat eine grundlegende Arbeit vorgelegt , die jeder kennen muß, der sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte beschäftigt, die immer noch ein weißer Fleck im Bewußtsein vieler Menschen ist.

Karlheinz Lau (KK)

Andreas Kossert: Kalte Heimat. Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag, München 2008, 431 S., 24,95 Euro

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