Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1268.

Entmündigung, Emanzipation, Endzeit, Erfolg

All diese Begriffe umschreiben das Schicksal von Regionalliteraturen. Begreifen wollten sie Germanisten auf dem „Heiligenhof“

Die Literaturen Ostmitteleuropas verfügen über viele gemeinsamen Anknüpfungspunkte, wie eine Tagung von Germanisten aus Polen, Rumänien, Tschechien, Ungarn und Deutschland zeigte. Es sind oftmals nicht nur ähnliche historische Ereignisse und Begebenheiten, sondern auch Systematiken und Identitätsverweise, die in fast allen deutschen Regionalliteraturen in Ostmitteleuropa anzutreffen sind.

Dies sind die Forschungsergebnisse der Tagung, zu der die Akademie Mitteleuropa e.V. in Bad Kissingen vom 17. bis zum 21. November 2008 in die Bildungs- und Begegnungsstätte „Heiligenhof“ Germanistikstudenten und -doktoranden eingeladen hatte. Der Kreis der Angesprochenen umfaßte die baltischen Staaten, Polen, Ungarn, die Slowakei, die Tschechische Republik, Slowenien, Rumänien, die Ukraine und Deutschland. In den Tagungsvorträgen reichte das Spektrum der literarischen Landschaften vom Banat über Siebenbürgen und Ungarn, Böhmen und Mähren nach Schlesien und bis nach Rußland.

Der rumäniendeutsche Schriftsteller Dieter Schlesak (Camaiore) bildete mit seiner Dichterlesung von Textstellen aus seinem Buch „Der Auschwitzapotheker“ und der anschließenden Diskussion über das Problem der literarischen Darstellung der Shoa den Auftakt der Tagung. Prof. Dr. Fred Manthey und Dr. Christine Manthey (Rothenstein) referierten über „Die Anfänge der Geschichte der Rußlanddeutschen in deren Literatur“. Im Anschluß folgte eine Lesung und Buchvorstellung zum Motiv Kindheit und Jugend Herders in Mohrungen/Ostpreußen. Dr. Zdenek Marecek (Masaryk-Universität Brünn/Brno) sprach zum Sujet „Brünn als Vorstadt Wiens. Zum literarischen Leben in der Provinz“. Prof. Dr. Klaus Hammer (Berlin) setzte sich in zahlreichen Bildbeispielen mit dem Thema „Lyonel Feininger und die Ostseelandschaft“ auseinander. Prof. Dr. András Balogh (Inhaber der Stiftungsprofessur der Bundesrepublik Deutschland in Klausenburg/Cluj) berichtete über „Fiktionalisierte Erinnerung und erinnerte Fiktion: Deutsche zeitgenössische Romane aus Südosteuropa“. Dr. Raluca Rãdulescu (Universität Bukarest/Bucuresti) begriff ihren Vortrag als „Go between“: „Die rumäniendeutsche Literatur als Minderheitenliteratur. Identitäre Selbstsuche und Kanonbildung“. Dr. Péter Varga (ELTE Budapest) berichtete über die „Deutsch-jüdische Literatur in Ungarn“. Dr. Tomasz Majewski (Breslau/Wroclaw) sprach über „Die Literatur in Schlesien in finsteren Zeiten. Der Fall Gerhart Hauptmann zwischen 1933 und 1945“. Dr. Rita Nagy (Karoly-Esterhazy-Hochschule, Erlau/Eger) legte zur Frage „Die Grenzen der Nationalliteraturen – Der Fall Ladislaus Pyrker“ ihre Erkenntnisse vor. Dr. Jens Stüben (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg) stellte in seinem Referat „Von Johanna Schopenhauer bis Günter Grass.

Literatur aus und über Danzig“ zahlreiche Autoren vor. Dr. Jozef Tancer, (Preßburg/Bratislava) berichtete über die „Deutschsprachige Literatur im Preßburg des 18. Jahrhunderts“. Prof. Dr. Anton Sterbling (Görlitz) gab „Die Entstehungsgeschichte und Wirkung der Aktionsgruppe Banat und deren Kontext in Personalunion als Literaturgruppen-Mitglied und als Wissenschaftler“ wieder. Dr. Peter Becher (Adalbert Stifter Verein, München) beleuchtete die „Deutschböhmische Literatur im Spiegel von deutschen Literaturgeschichten der Jahre 1933–1945“. Prof. h.c. Dr. Peter Motzan (Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, München) fragte nach der „Rumäniendeutschen Literatur nach 1947: Eine Entmündigungs-, eine Emanzipations- , eine Endzeit- , eine Erfolgsgeschichte?“ Prof. h.c. Dr. Stefan Sienerth (Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, München) stellte seine Erkenntnisse zu „Deutschen Schriftstellern in und aus Rumänien im Visier des kommunistischen Geheimdienstes ‚Securitate‘.

Der siebenbürgische Autor Paul Schuster (1930–2004) als Fallbeispiel“ vor. Die Bildungs- und Begegnungsstätte „Heiligenhof“ hat sich als Tagungsort etabliert, die Kontakte und der Erfahrungsaustausch unter den Germanisten, die sich mit den deutschen Regionalliteraturen in Ostmitteleuropa befassen, werden dank der Kontinuität der Tagungen und der Weitsicht der Initiatoren länderübergreifend wissenschaftliche Früchte tragen.

Dieter Michelbach (KK)

«

»