Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1280.

Entwurzelte Statuen

Die Königsberger Standbilder Immanuel Kants und Friedrichs I. haben eine dunkle Zeitgeschichte, die im noch Dunkleren endet

Marion Gräfin Dönhoff, die in diesem Jahr 100 geworden wäre, versicherte immer wieder, daß die von Christian Daniel Rauch geschaffene und 1857 bei Hermann Gladenbeck in Berlin-Friedrichshagen gegossene Bronzestatue Immanuel Kants in Königsberg auf dem Paradeplatz vor der Neuen Universität nach dem britischen Luftangriff am 30. August 1944 von ihr „auf Wunsch des Königsberger Kulturbetreuers im Herbst 1944 ohne den Sockel in Friedrichstein in Empfang genommen und im Park an sicherer Stelle aufgestellt" worden sei.

Oberst Awenir Owsjanow, der langjährige Fahnder nach im Zweiten Weltkrieg verschollenen Kunst- und Kulturschätzen wie dem Bernsteinzimmer, besitzt einen Brief, den Gräfin Dönhoff um 1988 dem deutschsprachigen Dichter und Schriftsteller Rudolf Jacquemien (gestorben 1992) in Kaliningrad geschrieben hat. Auf einer Skizze hat sie den Standort der Kant-Statue im Park zwischen den beiden Gräben längs der linken Parkallee eingezeichnet mit dem Vermerk: „in diesen beiden Gräben muß man suchen".

Bei den Ende der 80er Jahre dort unternommenen Grabungen wurde die Statue des Philosophen jedoch nicht gefunden. So heißt es in der Dokumentation „Königsberg – Kaliningrad. Das 20. Jahrhundert im Bild der Photographie" (2000) eines russischen Autorenteams, wenn auch nicht ganz richtig: „Das Kant-Denkmal wurde von Gräfin Dönhoff noch vor dem Sturm Königsbergs auf ihrem Gutshof … vergraben. Das Denkmal bleibt bis heute verschollen trotz der mehrmaligen Suche."

Im Archiv des Museums Stadt Königsberg in Duisburg befindet sich nun allerdings ein Bericht des Schloßbaurats Hans Gerlach (gestorben 1980) vom Anfang der 50er Jahre (1970 für das dortige Haus Königsberg abgeschrieben), in dem die bedeutsamen Worte stehen: „Die Denkmäler Friedrichs I. und Kants waren nach vorübergehender Aufstellung im Park von Schloß Friedrichstein auf Anordnung von Koch im Fort Quednau in Sicherheit gebracht worden. Was dort weiter aus ihnen geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis."

Von nur vorübergehender Aufstellung der Kant-Statue in Friedrichstein ist bei der 1909 im Schloß geborenen und aufgewachsenen Herausgeberin der „Zeit" nicht die Rede, auf ihre Initiative wurde allerdings 1992 eine von dem Berliner Bildhauer Harald Haacke geschaffene Nachbildung des Rauchschen Werks gestiftet, die vor der nun nach Kant benannten Universität in Kaliningrad steht.

Bestätigt und ergänzt wird Gerlachs Bericht von der Auslagerung der Kant-Statue ins Fort Quednau am Nordrand der Stadt durch einen Brief von Josef Wilczek, dem Präparator und Magazinverwalter am Landesamt für Vorgeschichte in Königsberg, an Gerhard Knieß, den Kreisdenkmalpfleger von Neidenburg, aus dem Jahr 1967. Eine Kopie des Briefs wird im Archiv des Museums für Ermland und Masuren in Allenstein (Muzeum Warmii i Mazur, Olsztyn) aufbewahrt, wie Miroslaw Hoffmann, der Leiter der archäologischen Abteilung, mitteilt. Hier schreibt Wilczek in Zusammenhang mit der Auslagerung eines Teils der vorgeschichtlichen Studien- und Schausammlung des Prussia-Museums bzw. des Landesamtes für Vorgeschichte im Januar 1945: „Im Fort Quednau … waren bereits verschiedene Bronzedenkmäler, wie Emanuel Kant und anderes eingelagert … und der Militär-Kommandantur unterstellt worden."

Möglicherweise hat Gräfin Dönhoff, die wohl seit Oktober 1944 nicht mehr in Friedrichstein, sondern in Quittainen, Kreis Preußisch Holland, als Verwalterin der Familienstiftung lebte – hierher hatte sie bereits im August 1944 ihren Fuchswallach Alarich bringen lassen, mit dem sie im Januar 1945 ihre Flucht in den Westen antreten sollte –, den Abtransport der Statue aus dem Schloßpark nicht mehr mitbekommen. Der letzte Besitzer von Friedrichstein, Heinrich Graf Dönhoff, war 1942 durch Absturz mit dem Flugzeug bei Kowno, dem heutigen litauischen Kaunas, ums Leben gekommen, und seine Frau Dorothea, geb. Gräfin von Hatzfeldt (gestorben 1945), war mit den drei Kindern in ihre rheinische Heimat zurückgekehrt. Um das bis 1943 verpachtete Gut und Schloß kümmerte sich der in Skandau, Kreis Gerdauen, wohnende Bruder Dietrich Graf Dönhoff (gestorben 1991), der als Betriebsleiter von der Wehrmacht „uk", das heißt unabkömmlich, gestellt worden war und am 25. Januar 1945 beim Herannahen der ersten sowjetischen Panzer zu Pferde floh.

Obgleich Marion Gräfin Dönhoff die Unterbringung der von Andreas Schlüter 1697/98 in Berlin geschaffenen und von dem Hof- und Artillerie-Gießer Johann Jacobi gegossenen, 1802 am Schloßplatz in Königsberg aufgestellten Statue des ersten preußischen Königs in Friedrichstein nirgendwo erwähnt, gibt es keinen Grund, an der durch Gerlach und Wilczek bezeugten Auslagerung der beiden und weiterer Statuen auf Befehl des Gauleiters Erich Koch (gestorben 1986) Ende 1944 zu zweifeln. Vielleicht hat Gräfin Dönhoff aber – wenn es denn nicht Unwissenheit war – mit dem Schweigen bis zu ihrem Tode 2002 den Mythos von dem nach dem Inferno von 1944 im Park ihres geliebten Schlosses Friedrichstein Asyl findenden Philosophen-Denkmal erhalten wollen. Hat sie doch auch, wie man erst seit drei Jahren weiß, die wundersame Rettung eines großen Teils des Schloßinventars, der Kunstschätze und des Familienarchivs 1943/44 in den Westen geheimgehalten und in ihren Büchern und Artikeln alles Ende Januar 1945 mit dem Schloß in Flammen aufgehen lassen. Auch in dem Flyer des Deutschen Kulturforums östliches Europa zur vom 10. Mai bis zum 4. Oktober 2009 in Kooperation mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg im Schloß Caputh bei Potsdam gezeigten Ausstellung „Schloß Friedrichstein in Ostpreußen und die Grafen von Dönhoff", in der historische und neue Fotografien gezeigt werden, heißt es zwar fälschlicherweise, daß die Ruine erst „in den 1980er Jahren abgetragen" wurde (dies geschah bereits 1957, wie Owsjanow mitteilt), aber richtig: „Ein großer Teil der Ausstattung – Möbel, Tapisserien, Kunstwerke – konnte jedoch gerettet werden."

Die Statuen des Philosophen und des Königs dürften sich unter den 1968 in dem Bericht des Rotarmisten I. Altschakow über Funde im Fort 1945/46 erwähnten „Denkmälern aus gelbem Metall, die uns nicht gefielen", befunden haben. Zwei Nachgüsse der Schlüter-Statue wurden 1972 in Berlin-Köpenick angefertigt, der eine wurde im Bode-Museum in Ostberlin aufgestellt, der andere 1979 vor dem neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg in Westberlin, das der sich 1701 in Königsberg krönende Friedrich I. einst als Lustschloß Lietzenburg für seine zweite Gemahlin Sophie Charlotte errichten und nach ihrem frühen Tod 1705 in Charlottenburg umbenennen ließ. Die hervorragenden Kunstwerke teilten wohl das Schicksal der Einschmelzung der meisten Bronzedenkmäler der Stadt und des Umlandes für Krieger-, Kalinin-, Stalin- und Lenin-Denkmäler. Oder werden die Statuen des Königs und des Philosophen noch immer in einem Depot in Moskau oder St. Petersburg verwahrt?

Heinrich Lange (KK)

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