Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1275.

Er trug schwer an seinem Kulturträgertum

Und seine Texte auch: Edzard Schaper wollte so hoch hinaus, daß ihm zumindest heute kaum noch jemand folgen will

Wer war Edzard Schaper? Von den nach der Mitte des vergangenen Jahrhunderts Geborenen kennt ihn kaum jemand mehr. Seine Bücher sind heute nur noch in Antiquariaten zu finden. Dabei heißt es, kein Dichter deutscher Sprache habe ein so umfangreiches Werk geschaffen wie er. Leben und Schriften Edzard Schapers sind zudem mit einer von besonderen Umbrüchen gezeichneten Region Europas und mit der aufregendsten Epoche des 20. Jahrhunderts verbunden.

Der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen ist es zu danken, daß dieser noch in der Nachkriegszeit viel gelesene und durch Hörfunk und Fernsehen bekannte Autor 25 Jahre nach seinem Tod aus der Vergessenheit geholt wurde. Ein zweitägiges literaturwissenschaftliches Symposium mit dem Thema „Edzard Schapers Blick auf die Totalitarismen seiner Zeit" in Stuttgart-Hohenheim machte nicht nur mit dem Leben und Werk dieses Schriftstellers bekannt, sondern zeigte auch, daß seine Gedanken und Aussagen trotz der bewußt anachronistischen Sprache immer noch aktuell sind. Die vorwiegend jungen Referenten kamen aus allen Lebens- und Wirkungsbereichen Schapers, aus Polen, Finnland, Estland, Litauen, Lettland, der Schweiz und Deutschland.

Was seine Existenz und sein Werk kennzeichnete, war das Leben an und das ständige Überschreiten von Grenzen. Seine Gedanken über den Verlust der Heimat, die Heimatlosigkeit in der Heimat und die Heimat in der Heimatlosigkeit verbanden sich bei ihm mit einer christlichen Grundhaltung, mit der „Einsicht in die Nichtigkeit und Vorläufigkeit jeder Existenz", wie es die Theologin Prof. Dr. Barbara Hallensleben aus Freiburg/Fribourg (Schweiz) formulierte. Dennoch wollte Edzard Schaper nicht als „christlicher Autor" bezeichnet werden. Auch die Einordnung als „baltischer Schriftsteller" lehnte er ab, obwohl das Baltikum seine geliebte Wahlheimat war und viele seiner historischen Romane baltische Geschichtsereignisse zum Thema haben.

Einen emotionalen Einblick in das aufregende und vielseitige Leben Edzard Schapers, das in engstem Zusammenhang mit seinem schriftstellerischen Werk stand, gab der Literaturwissenschaftler Dr. Uwe Wolff, der in Helsinki (Finnland) und Dorpat/Tartu (Estland) lehrt. Edzard Hellmuth Schaper wurde am 30. September 1908 in der kleinen Garnisonsstadt Ostrowo in der Provinz Posen im heutigen Polen als elftes Kind einer Ostfriesin und eines deutschen Offiziers und Militärbeamten aus der Gegend Hannovers geboren. Er verbrachte seine Kindheit im russisch-polnisch-deutschen Grenzgebiet und wuchs durch den engen Kontakt mit seinen polnischen Spielkameraden doppelsprachig auf. Schaper litt erstmals unter dem Verlassen der Heimat, als sein Vater im Jahr 1919 in die oberschlesische Festung Glogau an der Oder versetzt wurde. Drei Jahre später erfolgte ein Umzug nach Hannover, wo er ein paar unglückliche Gymnasialjahre, ein Musikstudium am Konservatorium und einen ersten Nervenzusammenbruch durchlitt. Danach lernte er Schauspielerei in Herford und Minden sowie Dramaturgie in Stuttgart, zog sich 1927 plötzlich auf eine kleine dänische Ostseeinsel zurück, fuhr als Matrose auf Fischdampfern zur See. Im Jahr 1932 folgte er seiner 1905 in St. Petersburg geborenen, aber eigentlich aus Reval/Tallinn stammenden Frau Alice Pergelbaum nach Estland und fühlte sich nach langer Zeit wieder zu Hause. Der Umsiedlung der Deutschbalten in Folge des Hitler-Stalin-Pakts im Herbst 1939 verweigerte er sich. Nach der Annexion der baltischen Staaten durch die Sowjetunion ging er im Jahr 1940 mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern nach Finnland, wo er als Korrespondent einer Presseagentur, als Kriegsberichterstatter an der Front und als Übersetzer arbeitete. 1943 entzog er sich der Vorladung zur Musterung und floh 1944, kurz nachdem er die finnische Staatsbürgerschaft erhalten hatte, nach Schweden, wo er sich unter anderem als Waldarbeiter, mit Übersetzungen und durch die Mitarbeit in der Kriegsgefangenenhilfe über Wasser hielt. Im Oktober 1944 verurteilte ihn der Berliner Volksgerichtshof wegen angeblicher Spionage für die Sowjetunion zum Tod, die Staatliche Ausländerbehörde in Stockholm steckte ihn in ein Internierungslager, um ihn wegen Verdachts der Spionagetätigkeit für das Deutsche Reich an die Sowjetunion auszuliefern. 1947 verhalfen ihm Freunde zur Flucht in die Schweiz, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1984 in Sicherheit war. Diese hier nur in groben Zügen dargestellten Turbulenzen in Edzard Schapers Leben waren begleitet von zahlreichen Nervenzusammenbrüchen und Krankenhausaufenthalten. Seine Schaffenskraft und seine Lebensfreude – er wird als gutaussehender, unternehmungslustiger Mann beschrieben – fanden in einem angesichts der Lebensumstände kaum vorstellbar umfangreichen schriftstellerischen Werk mit ca. 20 Romanen, Dutzenden Erzählungen, Novellen, Tagebüchern, Vorträgen, Dramen und journalistischen Beiträgen sowie einer Vielzahl von Übersetzungen ihren Niederschlag.

Einem kritischen Blick unterzog der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Taterka aus Riga (Lettland) Schapers Deutungen der baltischen Geschichte. Schaper sei als Erzähler „geschichtsbesessen" gewesen und bringe dem „Letzten", dem „Übriggebliebenen" besondere Sympathie entgegen. Es handle sich bei seinen Helden immer um Figuren, die „geschichtsfähig" seien, von hoher Geburt und angesehenem Stand. Schaper bevorzuge Romanhelden mit einer bestimmten „Fallhöhe". Die Unterschichten seien bei ihm dagegen „nicht geschichtsfähig". Dabei betreibe Schaper Geschichtsdeutung nicht nur durch seine Figuren, sondern auch durch lange Kommentare, Bemerkungen, Dialoge, Zitate und Reden des Erzählers.

Dr. Maris Saagpakk, eine junge Wissenschaftlerin von der Universität Reval/Tallinn, die sich der Erforschung der deutschbaltischen Literatur widmet, deutete Schapers Roman „Der Henker" – der bei dem Symposium eine Schlüsselstellung einnahm – als Verarbeitung der „postkolonialen Wende" in den baltischen Staaten, die viele deutschbaltischen Autoren versucht hätten. „Der Henker" spielt im Revolutionsjahr 1905, das eine Kluft zwischen den Deutschbalten als obere und den Esten und Letten als untere Gesellschaftsschicht zum Vorschein gebracht habe, deren Ausmaß den Deutschen in diesen Ländern vorher nicht klar gewesen sei. Wie die Schuld Ovelackers sich in dem Roman zu einer Kollektivschuld der Deutschbalten gegenüber den Esten verdichte, so sei der Bauer Jaan Koiri – der Vater der drei Söhne, die von Ovelacker verurteilt werden – die Personalisierung des Leides, das er im Namen seines ganzen Volkes erträgt. Koiris Schmerz werde mit großer Empathie beschrieben, so die Referentin, aber die Figur sei eindimensional und voller Klischees.

Kathrin Laine Lehtma von der Universität Oldenburg ergänzte die Einsichten zum deutsch-estnischen Verhältnis am Beispiel von Edzard Schapers Roman „Der Henker", indem sie dem „Kulturträgertum" der Deutschen das „Unterdrückungstrauma" der Esten gegenüberstellte. Schaper habe auch die negativen Folgen der deutschen Eroberung dargestellt. Die Deutschen seien die Hauptträger der Kultur gewesen, und die Esten, die sich kultivierten, seien in der deutschen Kultur aufgegangen.

Schapers Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde von Dr. Monika Tokarzewska aus Thorn/Torun (Polen) mit den Ansichten seines in St. Petersburg geborenen und im litauischen Wilna/Vilnius lebenden Zeitgenossen Józef Mackiewicz verglichen. Beiden sei der Blick aus dem Nordosten Europas gemeinsam, und beide hätten die totalitären Systeme ähnlich eingeschätzt, obwohl sie sich persönlich nicht kannten.

Den Texten und Übersetzungen Edzard Schapers zur finnischen Zeitgeschichte widmete sich Kai H. Patri von der Universität Thorn/Torun. Bemerkenswert sei, daß Schaper sich nicht wie in manchen deutschsprachigen Kurzdarstellungen Finnlands auf Klischees beschränkt. Mutige Stellungnahmen in Schapers Texten und Übersetzungen zeugten davon, so der Referent, „daß Schaper sich bei seinem humanistischen Anliegen nicht von Scheuklappen der politischen Tendenz beschränken ließ".

Prof. Dr. Barbara Hallensleben aus Freiburg/Fribourg bezeichnete Edzard Schaper als Denker des Neuen, der „Novelle". Totalitarismus sei für ihn nicht lediglich Bolschewismus und Nationalsozialismus, sondern eine Grund-Versuchung der Menschheit. Der Flüchtling und der Vertriebene seien die Figuren, in denen sich Schaper ein Leben lang gespiegelt habe. Und der Flüchtling passe in kein System. Schaper habe gerade deshalb nach dem Krieg eine ungeheure Breitenwirkung gehabt, habe Hoffnung und Hilfestellung für eine ganze Generation gegeben.

Prof. Dr. Karol Sauerland aus Warschau, der die Fachtagung routiniert leitete und moderierte, wies darauf hin, daß Edzard Schaper die Figur des Dissidenten vorweggenommen habe. Dieser aus dem Inneren wachsende Prozeßsei bei ihm stark mit dem Glauben verbunden gewesen, den er als „christlichen Humanismus" verstand. Als in Estland zurückgebliebener Deutscher erlebte er die Expansionspolitik der Sowjetunion auf das Baltikum ganz unmittelbar. In nationalsozialistischen Zeitungen wurden Schapers Schriften positiv besprochen. Obwohl er 1936 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde, durften seine Veröffentlichungen weiter verbreitet, aber von Bibliotheken nicht angekauft werden. Später habe sich Edzard Schaper vom Nationalsozialismus abgewandt, wahrscheinlich weil er die Nationalitätenpolitik des „Dritten Reichs" ablehnte.

Im Verlauf des Symposiums fand auch die „Geschichtsbesessenheit" Edzard Schapers eine breitere Auslegung. Ihm sei es in seinen historischen Romanen um die Gewissenskonflikte der in den Geschichtsablauf gestellten Menschen gegangen. So wurde als eine Stärke des Romans „Der Henker" der ständige Zweifel erwähnt, der in dem Leutnant Wladimir Karlowitsch Möller Gestalt angenommen habe. Der Begriff der „Bewährung", der als Leitthema immer wieder auftaucht, werde im Sinne einer Bewährung im Glauben an eine höhere Ordnung gebraucht.
Schaper ging es in seinem Leben und Werk um den Kampf der freien Entscheidung gegen Unterdrückung. 1950 schreibt er in einem Plädoyer für die baltischen Staaten: „Denn es ist ja so, wenn auch alle Materialisten es nicht wahrhaben wollen: Wo immer ein Glied Europas leidet, da leidet auch das ganze Europa." So sind Edzard Schapers Werke trotz der „Zumutungen seines Satzbaus" in vieler Hinsicht auch aktuell.

Ute Flögel (KK)

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