Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1217.

Er wußte, wozu Adel verpflichtet

Zum Tod des oberschlesischen Grafen Valentin von Ballestrem

Kaum hatten die gräfliche Großfamilie von Ballestrem und der Malteserorden den Tod des Grafen Johannes (29. März 2005) verkraftet, traf sie ein neuer Schicksalsschlag: Am 20. Januar 2006 starb der ältere Bruder Valentin, der Nestor des berühmten oberschlesischen Magnatengeschlechtes, nach schwerer Krankheit in Freising.

Geboren wurde er am 1. November 1928 als ältester Sohn des Grafen Nikolaus, der beim Terrorangriff auf Dresden umkam, und der Gräfin Anna von Walderdorff in dem im Kreis Gleiwitz, Oberschlesien, gelegenen Schloß Plawniowitz, das der Urgroßvater Franz, der schlesische Zentrumsführer und Reichstagspräsident, erbaut hatte. Nach rechtzeitiger Flucht vor der sowjetischen Front fand die Mutter mit ihren acht Kindern eine neue Heimat in Niederbayern. Graf Valentin studierte Jura, heiratete Elisabeth Gräfin von Westphalen, die ihm fünf Kinder gebar, und baute sich anschließend in Straubing/Donau eine neue Existenz auf.

Ganz in der Tradition seines Urgroßvaters, Großvaters und Vaters betätigte er sich bald auch politisch, und zwar in der CSU. Gleich mehrmals wurde er in den Stadtrat von Straubing gewählt. Noch stärker war – auch wieder im Geiste seiner Vorfahren – seine Einsatzbereitschaft im kirchlichen Bereich. Vom Pfarrgemeinderat seiner Straubinger Heimatpfarrei führte ihn der Weg in den Diözesanrat des Bistums Regensburg, dem er seit der Gründung angehörte. Zwei Jahrzehnte lang (1973–1994) prägte Graf Ballestrem als Vorsitzender die Arbeit dieses Gremiums nachhaltig. Über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wurde er als Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in Bonn. Die Gemeinsame Synode der Bistümer Deutschlands (1971–1975) erlebte er als einer der 140 Laien an der Seite des Regensburger Bischofs Rudolf Graber. Mit besonderer Hingabe nahm er Führungsämter im Malteserritterorden wahr, mit dessen schlesischen Mitgliedern er alljährlich in der Benediktinerabtei Grüssau zu Wimpfen/Neckar die Karwochenliturgie feierte.

Von 1965 bis zu seinem Sterbetag führte Graf Ballestrem – von einer fünfjährigen Unterbrechung abgesehen – den Malteserhilfsdienst des Bistums Regensburg. Nicht nur im Malteserritterorden traf sich Graf Ballestrem immer wieder mit schlesischen Landsleuten, sondern auch im Pastoralrat der Erzdiözese Breslau. Obwohl durch die Vertreibung seines Wirtschaftsimperiums beraubt, setzte er sich schon früh für die Versöhnung mit Polen ein. Bereits vor der Wende pflegte er enge Beziehungen zum Oppelner Bischof Alfons Nossol. Das Ballestremsche Schloß, das 1945 zwar ausgeplündert, aber nicht zerstört worden war, wurde mit deutschen Geldern gründlich renoviert und zu einer Tagungsstätte des Bistums Oppeln ausgebaut (heute im Besitz des Bistums Gleiwitz).

Bei so zahlreichen Verdiensten, die sich Graf Ballestrem sowohl für den Staat als auch für die Kirche erwarb, ließen Ehrungen und Auszeichnungen nicht auf sich warten. Nur zwei seien genannt: der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und der päpstliche Silvesterorden.

Wer wie der Chronist in Straubing mehrmals oberschlesische Gastfreundschaft erleben durfte, kann dem Urteil des Regensburger Generalvikars Michael Fuchs beistimmen, der in seinem Nachruf auf Graf Ballestrem „seine Liebenswürdigkeit und seinen Humor, seine Gradlinigkeit und seine Verläßlichkeit“ lobt.

Der Verlust für die schlesische Geschichtsforschung ist ungeheuer, denn der traditionsbewußte Graf Valentin war ebenso wie sein Bruder Johannes ein lebendiges schlesisches Adelslexikon. Der Tod dieser beiden oberschlesischen Grafen ist eine mahnende Verpflichtung für die Letzten der Erlebnisgeneration, „die übriggebliebenen Stücklein zu sammeln“, wie es im Evangelium heißt, und das sind in diesem Falle die weit verstreuten Quellen zur Geschichte des schlesischen Adels. Die Edition des 20bändigen Tagebuchs seines Urgroßvaters, die der Chronist bearbeitet, haben beide leider nicht erleben können.

Helmut Neubach (KK)

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