Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1293.

Erde in ihrer raffiniertesten Form

Die Ausstellung „Porzellanikon“ in den Museen Selb und Hohenberg weist nach Osten

Die insgesamt 550 Kilometer lange Porzellanstrasse führt über Bamberg und Bayreuth nach Osten. An ihr liegen mit Selb und Hohenberg a.d. Eger die wichtigsten Porzellanmanufakturen Bayerns und Europas. Noch heute wird in der Region 60 Prozent des europäischen Porzellans hergestellt.

Der neu eröffnete Pilgerweg von Volkenroda zum Kloster der Zisterzienserinnen Waldsassen am Rande Böhmens führt ebenfalls an den beiden Porzellanhochburgen Selb und Hohenberg a.d. Eger vorbei. Folgerichtig ist auch er eingebunden in die weltweit größte Porzellansausstellung „Königstraum und Massenware – 300 Jahre europäisches Porzellan“ an den traditionsreichen Standorten Selb (Rosenthal) und Hohenberg (Hutschenreuther). Die beiden Ausstellungsorte sind durch einen Shuttlebus verbunden.
Seit im Jahre 1710 in Meißen die erste Porzellanmanufaktur eröffnete, wurde das „Weiße Gold“ zuerst zum begehrten Glanzstück der höfischen Hocharistokratie und mit der Demokratisierung zur Massenware. An dreihundert Jahren Porzellanherstellung läßt sich also auch der politische und gesellschaftliche Wandel in Schlössern, Klöstern und heutigen Wohnungen darstellen.

Das tut die Ausstellung „Porzellanikon“ in den zwölf Kilometer voneinander entfernt liegenden Museen in Selb und Hohenberg auf 3500 Quadratmetern mit rund tausend hochkarätigen Ausstellungsstücken von hundert Leihgebern aus 17 Ländern. Selbst China steuerte etwas bei, vor allem aber die Nachbarstaaten Tschechien und Polen (Krakau), desgleichen u. a. auch Ungarn, Italien, Holland, die Türkei (Topkapi Palace), England , Finnland und Rußland.

Die Kunsthistorikerin Petra Werner gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Suche im Maritim-Museum von Helsinki berichtet, wo aus einem unlängst gehobenen Schiff Stücke geborgen wurden, die Zarin Katharina die Große für ihren Hof geordert hatte. Aber auch Porzellane, die sie schon besaß, aus ihrem persönlichen Service werden gezeigt. Dazu kommen Präsentationen aus den berühmten ungarischen Esterhazy-Sammlungen und aus dem russischen Peterhof. Zu sehen sind erstmals ausgestellte Stücke von der 1944 vor der baltischen Küste gesunkenen St. Mikael. Selbst die Toilette von Kaiserin Sissi hat man aufgetrieben. Denn, so Petra Werner, „Porzellan ist immer auch Kunst“.

Museumsdirektor Wilhelm Siemen weist auf die technischen und zukunftsorientierten Möglichkeiten des Porzellans hin, das selbst im Handy verarbeitet ist. „Von der höfischen Preziose zum High-Tech-Material der Zukunft“ heißt deshalb eine Abteilung der Ausstellung. Sogar um Spionage geht es. Rezepte waren bei den Manufakturen stets hochbegehrt. Noch heute, so Siemen, durchkämmen Patentanwälte die Frankfurter Konsumgütermesse, um dreisten Kopisten das Handwerk zu legen. Die Konkurrenz für die europäische Porzellanindustrie ist existenzgefährdend, vor allem die aus China und anderen „Tigerstaaten“.

Da es auch um Zukunftsperspektiven geht, werden Projekte namhafter Hochschulen und erfolgreiche Forschungsvorhaben vorgestellt. „Porzellan ist Zukunft“, heißt daher der Raum. „Junge Gestalter entwickeln das Porzellan für morgen“.

Etwa 70000 Besucher werden bis zum 2. November erwartet, natürlich auch Gruppen aus Tschechien. Nicht weit ist es von hier zum böhmischen Franzensbad, einem Beispiel hoher Bäderkultur, in der Porzellan eine große Rolle spielt. Angeboten werden auch Anschlußbesuche in Marienbad und Karlsbad sowie auf Schloß Metternich, Königswart.

Norbert Matern (KK)

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