Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Es gibt eine kollektive Unterlassungsschuld

Europäisch ordnen, was national überlassen: Überlegungen zu einer deutsch-polnischen Begegnung in Wangen

Zu einem deutsch-polnischen Begegnungstag hatten die Volkshochschulen des Bodensee- und Alpenraumes gemeinsam mit der Buchautorin Bruni Adler nach Wangen im Allgäu eingeladen. Ausgangspunkt dafür waren Bruni Adlers Recherchen in Polen und Deutschland, die sie in 18 Kapiteln ihres Buchs „Geteilte Erinnerung. Polen, Deutsche und der Krieg“ zusammengefaßt hat. Angereist waren Zeitzeugen aus Polen und Deutschland, Überlebende des Warschauer Aufstands, Auschwitz-Häftlinge, Kriegsgefangene und Heimatvertriebene, die zu den erlebten Ereignissen befragt wurden sowie danach, wie wir heute mit der schwierigen Vergangenheit umgehen. „Ein Krieg“, so Bruni Adler, „ist erst dann vorbei, wenn das eigene und das Leid des anderen beweint wird.“ Das setzt allerdings die korrekte Darstellung der Ereignisse voraus und die Bereitschaft, nicht allein das erlittene, sondern auch das zugefügte Unrecht anzuerkennen.

Auch in Wangen jedoch blieb die Frage, ob die Schuld des anderen die eigene relativiere, unbeantwortet. Es ist der Erlebnisgeneration gewiß nicht vorzuhalten, daß diese Opfer Holocaust, Vertreibung, Todesmärsche und Entwürdigung weder verdrängen noch vergessen können. Wir dürfen auch keineswegs damit aufhören, nach dem Unvorstellbaren zu fragen. Oft aber verhindert das eigene Leid das Verständnis für das des anderen und die Bereitschaft zur Wahrheit. Ohne diese aber ist gerade zwischen Polen und Deutschen die Bewältigung der Vergangenheit kaum denkbar.

Der Austausch von Artigkeiten hilft hier ebensowenig weiter wie das höfliche Verschweigen peinigender Erinnerungen an menschenunwürdige Taten oder deren Zurückführung auf angeblich entlastende ursächliche Zusammenhänge. Diese sind sebstverständlich zu nennen, jedoch rechtfertigen sie nicht später zugefügtes Unrecht, das ja, wie immer wieder betont, nicht gegen ein anderes aufgerechnet werden sollte. Vergeben und Vergessen mag die gute Sache der polnischen und deutschen Bischöfe sein, für die Historiker gelten die Fakten.

In Wangen wurde auf die deutsch-französische Aussöhnung hingewiesen und bedauert, daß eine solche zwischen Deutschen und Polen noch nicht zustande gekommen ist. Jeder aber weiß, daß hier die Dinge anders liegen. Krieg und Besetzung Frankreichs sind nicht vergleichbar mit den Ereignissen im besetzten Polen, wo das Dritte Reich seine Vernichtungsstrategie demonstrierte; umgekehrt war im Westen nach dem Krieg eine frühe Partnerschaft gegeben, die östlich nicht praktikabel war. Zudem belasteten weder Gebietsverluste noch Vertreibung das nachbarschaftliche Verhältnis zu den Franzosen. Die Elsässer verblieben in ihrer angestammten Heimat und sind heute akzeptierte Bürger und Patrioten der Republik Frankreich.

Es fehlt nicht an Gründen, die dafür aufgezählt werden können, warum es in Schlesien nicht so sein konnte. Über diese offen zu reden fällt aber besonders der älteren Generation in Polen schwer. Die Wahrheit ist bekannt, sie wird aber als verletzend und den nationalen Interessen nicht angemessen empfunden. Sollte der Patriotismus zum Schweigen und Verschweigen verpflichten?

Es blieb am polnisch-deutschen Begegnungstag in Wangen weitgehend dem Saal überlassen, auf das hinzuweisen, wozu sich aufzuraffen die bestellte Gesprächsrunde nicht in der Lage war, der immerhin Professoren, Museumsleiter sowie Vorstandsmitglieder kultureller und politischer Gesellschaften angehörten. Es waren der Landesvorsitzende des BdV und die Vertreterin des Wangener Kreises – Gesellschaft für Literatur und Kunst Der Osten, die heutige Aspekte der deutsch-polnischen Beziehungen ins Gespräch brachten, frei von Ressentiments und auf der Grundlage eines mit Selbstverständlichkeit praktizierten partnerschaftlichen Verhältnisses. Das nachdenkenswerte Wort von einer kollektiven Unterlassungsschuld (Deutsch-Polnische Gesellschaft Baden-Württemberg) mag in diesem Zusammenhang zum Wichtigsten des Wangener Begegnungstages gehören, die Verantwortung mithin für das Ungesagte, für das noch nachträgliche Wegsehen.

Es ist vor allem die jüngere Generation in Polen und in Deutschland, der es zufällt, das europäisch zu ordnen, was ihnen national überlassen worden ist. Spätestens seit dem Beitritt Polens zur EU stehen die Vorzeichen gut für ein Verhältnis, das mehr sein kann als eine ausgewogene Nachbarschaft. Die Begegnung in Wangen hat gezeigt, wie notwendig und auch wie dringlich diese europäische Orientierung von einer taktvollen Höflichkeit hin zum Mut für die Fakten ist. Wahrheit klagt nicht an, sie befreit.

Franz Heinz (KK)

«

»