Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

Es gibt keinen einen Weg

Mit seiner internationalen Tagungsreihe „Wege in die Zukunft“ vereint der OKR Wegbereiter der Kultur zum Gespräch

Das Schöne an der Zukunft ist, daß sie stets neu beginnt, weniger schön ist, daß man nichts über sie weiß. Darum hat die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR auf das Ungewisse gesetzt in dem Wissen, daß man erst recht allerhand lernen kann von denen, die sich dem Ungewissen stellen und tun, was man in der Ungewißheit tun kann.

Elisabeth von Küster ist als gelernte Westberlinerin in den frühen 90er Jahren mit ihrem Mann nach Schlesien gefahren, in das damals Ungewisse und ihr ganz und gar Unbekannte, die beiden haben sodann zur Schaufel gegriffen und zum Besen, sie weidlich geschwungen, sich das verfallene Schloß Lomnitz im Hirschberger Tal zunächst mit diesen Werkzeugen erschlossen und sodann allerhand verschlungene polnische und deutsche Amtswege beschritten. Im Verein mit den Menschen, die im rheinischen Siebengebirge das Haus Schlesien zu einem Ort des Wissens und des Bewahrens gemacht haben, ist es den Küsters gelungen, polnische Behörden davon zu überzeugen, daß verfallende Vergangenheit für die Zukunft erschlossen und nutzbar gemacht werden kann. Jetzt steht das Schloß nicht nur, es strahlt und strahlt aus: Intensität der Erinnerung und gegenwärtiges Leben in gleichmäßigen deutsch-polnischen Zügen.

Das klingt fast metaphysisch, wenn man aber Elisabeth von Küster erzählen hört, erfährt man, es ist alles ausnehmend physisch und entsprechend kräfteraubend: Ämter nicht nur besuchen, sondern Ersuchen dort auch durchsetzen, ein Dach decken, neue Fenster einsetzen, einen Gebäudetrakt nach dem anderen erneuern, einen Garten anlegen und bestellen, Tiere halten – Bürokratie, Hotellerie, Gastronomie und Agronomie, das alles in einem so nahen wie fremden Land, im polnischen Schlesien. Wer aber fragt noch nach nationalen Zugehörigkeiten, wenn Deutsche in jenem jetzt polnischen Tal deutsche wie polnische Gäste beherbergen, schlesische Markttage veranstalten und einen nicht nur durch Gerhart Hauptmann so bezugsreichen Ort deutscher Kultur zu erhalten und vor der Zersiedlung zu bewahren suchen.

Mit so handfesten Informationen läßt sich gut reden über Nachbarschaft in Europa, und daß der Ort der Gespräche des dritten Abschnitts der OKR-Tagungsreihe „Wege in die Zukunft“ im Schloß Eichholz in Wesseling bei Köln lag, im westlichsten Deutschland also, tat dem keinen Abbruch, schließlich darf der die Tagung leitende OKR-Präsident Klaus Weigelt auf eine lebenslange lebhafte Tätigkeit in der hier – noch – beheimateten Konrad- Adenauer-Stiftung zurückblicken. Er allerdings blickt weniger zurück als nach vorn und sucht im Verein mit diesem und anderen Partnern, diesmal dem Innenministerium, nicht nur allgemein „Wege in die Zukunft“, sondern auch dem OKR Wege dahin zu öffnen. Europa „von Athen bis Auschwitz“, das ist fürwahr ein beträchtliches Stück Wegs, und ihn zu gehen ist kein Schritt zu klein.

Die Begrüßungsansprache von Dr. Christian Koecke mit dem Rückblick auf ein gutes halbes Jahrhundert Konrad-Adenauer-Stiftung eröffnete den Teilnehmern Bezüge, die jedermann mit sich trägt, aber nur selten auf sich selbst und sein Tun bezieht: Ein gemeinsames Europa denken, das hat „der Alte“ vielen Jungen immer noch voraus. Nach- Denken ist angesagt, Weiterdenken ergibt sich daraus.

Der Hausherr Professor Dr. Hans-Gert Pöttering MdEP betreibt dieses nicht nur als Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, sondern begründet auch mit einem Stab von Fachleuten und europaweiter politischer Unterstützung in Brüssel ein Haus der europäischen Geschichte. Hier soll die „kontinentale“ Perspektive in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gegenständlichen, bildlichen Ausdruck gewinnen, weil der Gedanke an den Weg, den Europa in einem guten halben Jahrhundert zurückgelegt hat, in seiner Abstraktion zu wenig gegenwärtig ist. Bilder sind hochpolitisch, wenn man hinter sie zu schauen versteht. Wenn man auf der Grabesstätte von mehr als 18000 Soldaten bei Stettin den eigenen vermißten Vater vor Augen hat, den man nie sah, wenn man „sieht“, wie die aus ihrem Haus vertriebene Mutter, diesen Sohn unterm Herzen, ein letztes Mal an dem Haus vorbeifährt, dann darf einem nicht, was nahe läge, Hören und Sehen vergehen, dann muß man im Gegenteil den Blick weiten.

Hans-Gert Pöttering läßt nicht nach in der freudigen Verwunderung, was alles in diesem Europa dann doch gutgegangen ist und -geht bei allen bösen Voraussetzungen: Die kommunistischen Diktaturen im Osten haben dem Selbstbehauptungsdrang der Völker letztlich nichts entgegensetzen können, sondern ihren Willen etwa im Befreiungskampf der Balten oder in der Solidarnosc- Bewegung gerade so bestärkt, daß deren Dynamik sogar die deutsche Mauer einreißen half. Ebenso ist in den südeuropäischen Diktaturen Griechenlands, Spaniens und Portugals gerade der Wille der Menschen gediehen, aufzubrechen nach Europa. Sie sind angekommen, wenngleich von einem Innehalten noch keine Rede sein darf.

Die Zukunft muß eben stets neu beginnen, darum spricht sich der Kulturpolitiker so dezidiert für das Erasmus-Förderprogramm und für die Öffnung der noch sehr national geprägten Medien aus. Wenn Staatsgrenzen fast ins Imaginäre entrückt sind, wieso sollten sie gerade im Vorstellungs- und Denkvermögen der Menschen gespenstisch weiterbestehen?

Den „europäischen Raum neu zeichnen“, das unternimmt auch Professor Dr. Hans Walter Hütter, der Direktor des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, der gemeinsam mit dem polnischen Historiker Professor Wlodzimierz Borodziej die Konzeptionsgruppe leitet, der es 2012 gelungen ist, die von Hans-Gert Pöttering 2007 angeregte Gründung des Hauses der europäischen Geschichte gegen alle nachbarlichen Widerstände etwa aus Frankreich, Polen, den Niederlanden und Österreich „unumkehrbar“ zu machen. Im Brüsseler Eastman Building wird das Projekt ins Werk gesetzt, der Aufbau und Ausbau wird noch Jahre in Anspruch nehmen, aber dieses „work in progress“ kann mittlerweile auf einen gemeinsamen europäischen Willen bauen.

Ein Museumsdirektor vermag zum einen trefflich die Ansprüche zu bündeln, denen eine solche moderne Einrichtung zu genügen hat – von der Lage und Aufenthaltsqualität über die sprachliche Vermittlung bis zur Gewichtung und Abfolge der thematischen Schwerpunkte –, er weiß aber auch um die Risiken des historischen Rückblicks. Nicht nur die erdrückende Fülle der Fakten kann dessen Schärfe gefährden, es muß auch jene Unschärfe vermieden werden, die sich aus der Versuchung ergeben könnte, die Geschichte als Bewegung mit dem Fluchtpunkt einer vergleichsweise lebenswerten Gegenwart darzustellen, sie also retrospektiv als „Erfolgsgeschichte“ zu deuten. Jene, die sie wann und wo auch immer durchgemacht haben, sie wußten nichts von der Zukunft, schon gar nicht von einem allfälligen „Erfolg“. Gerade ihre bange Ungewißheit muß Thema der musealen Erzählung sein. Klaus Weigelt hatte eingangs Karl Schlögel zitiert: „Wir müssen es aushalten, uns unsere Geschichte zu erzählen.“

Wie schwer das ist, beschwor Dr. Gábor Tallai vom „Terror-Haus“ in Budapest mit einem Satz von Susan Sontag: „Die eigenen Leiden neben die eines anderen gestellt zu sehen ist unerträglich.“ In einem Museum, das zugleich Gedenkstätte ist, hat man gleichsam dieses Unerträgliche zu verwalten und dabei zu ertragen, daß Menschen, die zwei Diktaturen überlebt haben, ihre eigene Geschichte im Nacherleben noch einmal erleiden – mit unverminderter Vehemenz, aber, und das ist ein nachgerade irrationales Risiko, ohne das moralische Korsett einer zur Echtzeit insgeheim bestehenden Solidargemeinschaft. Hier im „Terror-Haus“ steht jeder allein vor seiner leidvollen Vergangenheit – und muß zudem die Vergleiche aushalten.

Es ist menschlich und natürlich, daß eine Gemeinschaft das gemeinsam Erlittene als identitätsbildend auffaßt, daß man eins wird in dem Gedanken, daß allen dasselbe angetan worden ist, und doch hat dieses Gemeinschaftsgefühl einen unseligen Drall zum Irrationalen und verleitet zur Dämonisierung des zwar vergangenen, aber in den Köpfen gegenwärtigen Bösen. Dem muß ein solches Haus entgegenwirken, und dieses Wirken beschränkt sich nicht auf Budapest oder Ungarn. Gábor Tallai blickt gen Westen bei seiner Arbeit in der Hoffnung, daß dieser zurückblickt und jene östliche Erfahrung mit gleich zwei Terrorregimen als Lehrstück begreift. Mit vier Millionen Besuchern in zehn Jahren, die zum großen Teil eben aus dem Westen kommen, darf er sich bescheidene Hoffnungen machen.

Bescheidenheit lehrt die Kulturarbeit allemal. Auch Lisawetha von Zitzewitz hat im pommerschen Külz/Kulice gelernt, daß publizistisches Bemühen um das Kulturerbe jener Landschaft von Heft zu Heft (zehn „Külzer Hefte“) und von Buch zu Buch („Schlösser und Gärten Westpommerns“, Monographien) stets ein Neubeginn ist. Nähme man von vornherein die Auflage, die Mühen und Kosten oder auch gleich den Verbreitungsgrad in den Blick, dann wendete man sich möglicherweise entgeistert ab, gerade das aber tut die Leiterin der Tagungsstätte nicht, sondern macht weiter, von Heft zu Heft, von Buch zu Buch, ja öffnet ihr Haus für Tagungen vielfältigster Thematik – bis hin zur Lebensmitteltechnologie.

Schmerzlich bewußt ist sie sich dabei des nach wie vor prekären Standes ihrer und ähnlicher Einrichtungen, denen ein „Geburtsfehler“ anhafte: Gleich nach 1989 hat die öffentliche Hand für solche Initiativen in einem Schwung recht viel Geld zur Verfügung gestellt, mittlerweile aber hat der Schwung bei den Förderungsgebern nachgelassen, geblieben ist nur der Schwung der Lisawetha von Zitzewitz und ihrer Mitstreiter sowie ihre Arbeitskraft, eine allerdings beileibe nicht unerschöpfliche Ressource.

Unerschöpflich ist auch bei der evangelischen Landeskirche A. B. im siebenbürgischen Hermannstadt lediglich die Vorstellungskraft. Der Michelsberger Pfarrer und vom Landeskirchenkonsistorium sozusagen als Zukunftserfinder beauftragte Dr. Stefan Cosoroaba setzt neben anderen engagierten Siebenbürger Deutschen die ganze Kraft seiner reifen Jugendlichkeit darin, daß Hanna, seine Jüngste, und ihre drei Geschwister und die wenigen deutschen und vielen rumänischen Kinder, die in Siebenbürgen Deutsch lernen und den Religionsunterricht und Gottesdienst der evangelischen Kirche besuchen, nicht in eine Sackgasse hineinwachsen. Nicht nur intakte, aber zumeist leere Kirchen, Kirchenburgen und Schulhäuser sind ihnen Rückhalt, es ist auch das Bewußtsein, daß diese gewachsene Gemeinschafts-, Kultur- und Bildungskirche mit ihrer soliden Infrastruktur und reichen internationalen Beziehungen sich nicht einer Verantwortung entziehen darf, die sie über Jahrhunderte wahrgenommen hat.

Zwei Möglichkeiten tun sich nach Dr. Cosoroaba der siebenbürgischen evangelischen Kirche auf: Sie kann in den rumänischen Kulturkreis eingehen, die „Inkulturation“ hinnehmen und so zumindest eine historische Weile bereichernd wirken, oder sie kann sich in einem Akt der Selbstglobalisierung aufschwingen zur weltweiten Kirche der weltweit verstreuten Siebenbürger Sachsen, die gerade in der Diaspora begreifen müssen und es dem derzeitigen Anschein nach auch wollen, daß nationalstaatliches „Containerdenken“ in einer medial vernetzten Welt überholt ist, daß der soziale Raum sich über die Grenzen des geographischen ausdehnt und so eine virtuelle, aber realiter „online“ funktionierende geistige – und geistliche – Gemeinschaft möglich ist.

Es gibt keinen einen Weg in die Zukunft. Den hat es auch in der und in die Vergangenheit nicht gegeben, noch nicht einmal die DDR unseligen Angedenkens hat es vermocht, mit ihren Unterdrückungsapparaten Geschichte ungeschehen und Geschichten ungeschrieben zu machen, wie Dr. Jörg Bernhard Bilke faktenreich darzustellen wußte. Zwar sollten die Vertriebenen dort keine sein, die offizielle Sprachregelung schrieb „Umsiedler“ vor – aber sie waren es und bekannten sich dazu, sie schufen sich ihren Gedächtnisraum in der staatlich diktierten Nicht-Öffentlichkeit. Und die Geschichte von der Stasispionin Ursula Richter alias Erika Weißmann, die in Bonn die „Feindorganisation“ Bund der Vertriebenen unterwandern sollte, liest sich wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Selbst die zensurgeknebelte Literatur zeichnete die Spuren des Vertriebenenschicksals nach.

Der stete Neubeginn der Zukunft geht einher mit einer steten Wiederkehr der Vergangenheit, nicht enden will und soll das Memento, es gilt in historischer wie in literarischer Beziehung und für jeden einzelnen, der in seiner Arbeit die notgedrungen kleinen, aber entscheidenden Schritte tut, die von Gábor Tallai zitierte feinsinnige Bemerkung des großen Imre Kertész: Sein „Roman eines Schicksallosen“ sei nicht der Roman des Holocaust, sondern jener des Regimes Imre Kádár, denn dieses habe ihn jenen noch einmal erleben lassen.

Georg Aescht (KK)

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