Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1347.

Es stabreimt sich nicht nur

Böhmische Brückenbauer machen sich auch selbst einen Reim auf die mannigfachen europäischen Gebote der Stunde: Kulturpreise 2014

Es-stabreimt„Wir wollen Brücke sein“, zitierte Peter Paul Polierer, der Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Jugend, ein vor vielen Jahren von Dr. Ortfried Kotzian, dem diesjährigen Träger des Großen Sudetendeutschen Kulturpreises, komponiertes Lied. Junge Deutsche mit Vorfahren in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien haben schon früh Brücken geschlagen zu ihren tschechischen Altersgenossen, stellte Polierer in seiner Grußadresse bei der Hauptkundgebung des 65. Sudetendeutschen Tages in der dicht gefüllten Schwabenhalle der Messe Augsburg fest: 1960 durch einen Aufruf zur Versöhnung, 1983 durch die Anregung zur Gründung eines deutsch-tschechischen Jugendwerks, 1990 mit der Initiierung gemeinsamer Zeltlager und seither durch vielerlei Austausch sowie grenzüberschreitende Projekte. Die heutige Sudetendeutsche Jugend könne sich auch voll mit dem „böhmischen Brückenbauer“ Milan Horácek identifizieren, der als steter Kämpfer gegen den Kommunismus und für die Menschenrechte sowie – im Gegensatz zu seinen grünen Parteifreunden – als solidarischer Partner der deutschen Heimatvertriebenen in diesem Jahr mit der höchsten Auszeichnung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dem Europäischen Karls-Preis, ausgezeichnet wurde.

Die Brückenfunktion der Kultur war bei diesem sudetendeutschen Pfingsttreffen besonders spür- und sichtbar. Noch nie haben sich so viele tschechische Landsleute aus den böhmischen Ländern in die vielfältigen Veranstaltungen und persönlichen Gespräche eingebracht wie in diesem Jahr. Tschechische Laute oder eine deutsche Sprache mit dem vertrauten tschechischen Akzent waren allgegenwärtig. So warb zum Beispiel die böhmische Stadt Pilsen (Plzen) mit einer tschechischen Live-Band für einen Besuch der Sudetendeutschen in der Europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2015. Bei dem traditionellen Volkstumsabend mischten sich temperamentvolle tänzerische und musikalische Vorführungen tschechischer Gruppen unter die Darbietungen der sudetendeutschen Sing- und Spielscharen oder Musikgruppen. Den großen und beeindruckenden Pfingstgottesdienst zelebrierte der Prager Weihbischof Václav Malý, der einst zu den ersten Unterzeichnern der Charta 77 gehörte und an der Seite seines Freundes und späteren Staatspräsidenten Václav Havel zum Motor der tschechischen Freiheitsbewegung wurde (siehe auch Seite 12 in diesem Heft).

Noch nie haben sich so viele tschechische Landsleute aus den böhmischen Ländern in die vielfältigen Veranstaltungen und persönlichen Gespräche eingebracht wie in diesem Jahr.

Auch im „Schaufenster“ für die Spitzenleistungen sudetendeutscher Kunst, Kultur und Wissenschaft bei den seit 1955 verliehenen Kulturpreisen der Sudetendeutschen Landsmannschaft wurde diesmal mit dem im Jahr 1965 in Beraun (Beroun) in Mittelböhmen geborenen und heute im badischen Denzlingen lebenden Tomáš Spurný ein „tschechischer Landsmann“ präsentiert. Tomáš Spurný, so heißt es in der Laudatio, „verkörpert in seiner Persönlichkeit und in seinem Wirken die produktive und lebendige Wechselbeziehung der sudetendeutschen und tschechischen Musik, die er zu einem großen böhmischen Ganzen vereint“. Neben musikwissenschaftlichen Studien am Prager Konservatorium und an der Karls-Universität erlernte Spurný das Spielen des Dudelsacks und widmete sich fortan vor allem der Erforschung der deutschen Volksmusik in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien sowie in der Slowakei. Er analysierte und katalogisierte ca. 88 000 deutschsprachige Volkslieder aus diesen Gegenden. Außerdem bearbeitete und ergänzte er mit Hilfe von Computerprogrammen die Handschriften deutschböhmischer Komponisten des 19. Jahrhunderts und widmet sich im Augenblick der systematischen Erfassung und Zusammenstellung der sehr umfangreichen Opernpartituren des ebenfalls in dieser Zeit vor allem in Teplitz (Teplice) wirkenden Komponisten Joseph Maria Wolfram.

Als ein besonderer Brückenbauer vor allem zu den deutschen Volksgruppen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa wurde Dr. Ortfried Kotzian mit dem Großen Sudetendeutschen Kulturpreis ausgezeichnet. Die Eltern des im Jahr 1948 in Fellheim im Allgäu in einer speziellen Entbindungsanstalt für „Flüchtlingsmütter“ geborenen Südosteuropa-Experten stammten aus Hohenelbe (Vrchlabí) im Riesengebirge.

Kotzian studierte Pädagogik und war von Kindheit an in der Sudetendeutschen Jugend – bald auch in Führungspositionen – aktiv. In seiner wissenschaftlichen Arbeit spezialisierte er sich auf den Bereich der Volksgruppen- und Minderheitenrechte. Im Jahr 1989 wurde er mit dem Aufbau des Bukowina-Instituts in Augsburg beauftragt. Von 2002 bis 2012 leitete er das Haus des Deutschen Ostens in München, das ihm ein anspruchsvolles Kulturprogramm verdankte.

Einen lebendigen Einblick in seine Tätigkeit gab der diesjährige Kulturpreisträger für Wissenschaft, der im Jahr 1941 in Reichenberg (Liberec) geborene Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Hans Hiebel, bei einer Vortragsveranstaltung des Arbeitskreises Sudetendeutscher Akademiker. Der eigentlich auf den Prager Schriftsteller Franz Kafka spezialisierte Germanist analysierte zwei Liebesgedichte Johann Wolfgang von Goethes, die nicht nur formal unterschiedlich sind, sondern auch zwei wesentliche Lebensabschnitte dieses Dichters widerspiegeln. Das Schreiben der „Marienbader Elegie“ noch in der Kutsche auf der Heimreise nach dem endgültigen Abschied von Ulrike von Levetzow war – so schilderte Hiebel – für Goethe der Rettungsanker aus tiefer Depression. „So wurde die größte persönliche Niederlage Goethes zum Höhepunkt seiner Schaffenskraft.“

Mit einem Schlag bekannt wurde Teja Fiedler, der mit dem Kulturpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, mit seinem im Jahr 2010 im Piper-Verlag erschienenen Roman „Die Zeit ist aus den Fugen. Vom Kaiserleutnant zum Vertriebenen“. Der 1942 in Dauba (Dubá) in Nordböhmen geborene Journalist und Schriftsteller verbrachte als Reporter für „Stern“ und „Spiegel“ mehr Lebensjahre im Ausland als in Deutschland. Der Roman „Die Zeit ist aus den Fugen“, dem 2005 das Buch „Heydrich – Das Gesicht des Bösen“ vorausging und im Herbst 2014 „Mia san mia.

Die andere Geschichte Bayerns“ folgen soll, ist die Geschichte seines Vaters im Ersten Weltkrieg, des Lebens in der Tschechoslowakei, des Zweiten Weltkriegs, der Verhaftung und Vertreibung sowie des schweren Neuanfangs im Nachkriegs-Deutschland.

Mit dem Kulturpreis für bildende Kunst wurde der 1939 in Krumke (heute ein Ortsteil der Hansestadt Osterburg im Kreis Stendal) geborene Bildhauer, Musiker, Volkskundler und Lyriker Dr. Hatto Zeidler ausgezeichnet. Den Pädagogen und Dozenten für Werken und Technik machten vor allem Bildhauer-Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt. So wirkte Zeidler u. a. am deutsch-tschechischen Gemeinschaftsprojekt „Wiederaufbau von Maria Loreto“ in Altkinsberg (Starý Hroznatov) im Kreis Eger mit. Eines seiner Hauptwerke ist der Egerlandbrunnen vor dem Egerland-Kulturhaus in Marktredwitz (Oberfranken), an dem er von 2003 bis 2005 arbeitete. Er stellt auf vier Etagen einen Egerländer Hochzeitszug dar, tanzende Paare, Musikanten und – auf seiner Spitze – einen Taubenschlag.

Der Kulturpreis für darstellende Kunst an die im Jahr 1982 geborene Violinistin und Musikdozentin Viktoria Elisabeth Kaunzner wurde für die erkrankte Preisträgerin von ihrer Mutter entgegengenommen. Die väterlicherseits aus dem Egerland stammende Geigerin verbinde – so die Laudatio – in ihrer Musikalität das böhmische Erbe ihrer Vorfahren und ihres ersten tschechischen Geigenlehrers sowie eine russisch-jüdische Komponente. Neben dem Violinspiel erlernte Kaunzner auch das Komponieren und studierte Musiktheorie. In Köln gehört sie einem Ensemble für neue Musik an. International ist sie als Solistin und Kammermusikerin sowie als Lehrerin, derzeit in Südkorea, gefragt.

Für ihre umfangreichen Verdienste um die Volkskunde ihrer Böhmerwald-Heimat wurde Ingeborg Schweigl mit dem Sudetendeutschen Volkstumspreis geehrt. Sie stammt aus Kaltenbach (Nové Hute) im Kreis Prachatitz (Prachatice), aus dem sie im Jahr 1946 als Siebenjährige vertrieben wurde. Sie ließ sich nach einer Krankheit zur Märchenerzählerin ausbilden, sammelte über 200 Volkslieder ihrer Heimat und sang sie auf Tonträger, und sie gilt als eine der besten Mundartsprecherinnen. Neben vielen Veröffentlichungen erweckte sie das „Christgeburtsspiel aus dem Böhmerwald“ wieder zum Leben.

Kostbar eingerahmt und begleitet wurde die feierliche Verleihung der sudetendeutschen Kulturpreise im wunderschönen Goldenen Saal des Augsburger Rathauses vom Kurpfälzischen Kammerorchester Mannheim unter dem Dirigenten Prof. Armin Rosin, der im Jahr 2003 mit dem Großen Sudetendeutschen Kulturpreis ausgezeichnet worden war. Neben klassischen Stücken der böhmischen Komponisten Johann Wenzel Stamitz und Josef Myslivecek aus dem 18. Jahrhundert kam auch ein im Jahr 2013 komponiertes munteres Scherzo für Streichorchester des 1943 in Marienbad geborenen und im Jahr 2001 mit dem Kulturpreis für Musik der Sudetendeutschen Landsmannschaft gewürdigten Komponisten Dr. Dietmar Gräf zur Uraufführung, das mit Begeisterung aufgenommen wurde.

Für einen Meilenstein der sudetendeutschen Kulturarbeit, das in München geplante Sudetendeutsche Museum, gab es in Augsburg hoffnungsvolle Zusagen vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer und der für die sudetendeutsche Volksgruppe neu zuständigen Sozialministerin Emilia Müller, die bestätigte, dass die Vorbereitungen für dieses „Leuchtturmprojekt im bayerischen Kulturkonzept auf Hochtouren und in enger Abstimmung zwischen der staatlichen Seite und der Sudetendeutschen Stiftung“ laufen.

Ute Flögel (KK)

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