Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1357.

Expedition ins Hintergründige

Mitten in Europa, abseits der Hauptstraßen, geht einem all das auf, was es war, nicht ist, sein oder werden könnte

Expedition-ins-1Reisen bildet, sagt man, und Bildungsreisen sind beliebt. Vergnügungsreisen sind noch beliebter. Der Fußballclub Darmstadt 98 feiert seinen Aufstieg in die Bundesliga eine Woche auf Mallorca: Da fließt der Alkohol, die Kondition schwindet, aber Vergnügen muss sein. Man kann seine Kondition auch stärken auf Wanderungen, Rad- oder Bergtouren, beim Überlebenstraining in Wäldern oder Wüsten. Auch heute noch kann man in zivilisationsferne Reservate entfliehen und die Natur oder sich selbst finden. All das und vieles mehr hat heute Konjunktur, und man scheut weder Mühe noch Kosten – wenn man nicht, wie etwa 40 Prozent der Deutschen, zu Hause bleibt –, dem Urlaub auf Reisen seine ganz persönliche Note zu geben.

Die Freiheit, die viele Deutsche seit 25 Jahren, vereint und anerkannt in der Welt, vor allem als Reisefreiheit erleben, verbinden sie vorzugsweise mit Angenehmem, allenfalls prickelnd Abenteuerlichem. Infrage stellen oder stellen lassen möchte man sich in seiner freien Zeit eher nicht.

Geschichte aber, nicht museal erhaben dargebotene wie die Cranach-Ausstellung in Weimar, sondern konkret in der Wirklichkeit erlebbare, die das Hintergründige unserer europäischen Existenz heute hart enthüllt, ist ganz offenbar nicht jedermanns Sache. Weniger als zwei Prozent aller Reisenden wagen sich in die Regionen Mitteleuropas, in denen einem auf Schritt und Tritt Zeugen deutscher, jüdischer und vor allem nichtwestlicher Vergangenheit und Gegenwart begegnen, zerstört und/oder geschändet von den beiden verbrecherischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts und vergessen von einer rein westorientierten Gegenwartsgesellschaft. Da wird man nachdenklich, und manches Mal stockt einem auch der Atem. Wer möchte sich das – außer beim Extremsport mit englischen Namen wie Free Climbing oder Bungee-Jumping – im Urlaub schon zumuten?

Die Infragestellung der eigenen Identität und des gewohnten historischen
Denkrahmens durch heute noch erfahrbare Geschichte geht oft tiefer als erwartet. Das erlebte eine kleine Gruppe unter der Leitung des katholischen Theologen und Kirchenhistorikers Adolf Hampel bei einer Reise durch die Slowakei und die Westukraine. Ihre vielfältigen Eindrücke sind kaum auf einen Nenner zu bringen; an Beispielen jedoch sind ihre Dimensionen erkennbar.

Expedition-ins-2Wer in die Synagoge im slowakischen Tyrnau/Trnava schaut, heute ein Kaffeehaus, in dem junge Menschen ungezwungen miteinander plaudern, trägt als Deutscher beklommen an dem Gedanken, dass bis in die 1940-er Jahre eine jüdische Gemeinde hier gebetet hat. An der zweitgrößten, heute geschlossenen Synagoge in Kaschau/Košice informiert ein Relief, dass 1944 von hier 12 000 Juden von den Nazis deportiert wurden. Ein paar Meter weiter, in der großen Synagoge von 1929, heute Konzerthaus, hört die Gruppe abends im Rahmen des Kaschauer Musikfrühlings die 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven: „Brüder – überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen!“ – Wer kann das ertragen, in einem solchen Haus, nach allem, was geschehen ist?!

Die slowakische Hauptstadt Preßburg/Bratislava ist ein ungewöhnlich facettenreicher historischer Ort, der über Jahrhunderte eine europaweite Ausstrahlung hatte und bedeutender war als Wien. Preßburg wird heute in seiner Prägekraft kaum noch angemessen eingeschätzt. Man muss in dieser kleinen und gemütlichen Hauptstadt der Slowakei schon genau hinsehen, um die historischen Verknüpfungen des europäischen Netzwerkes zu erkennen.

Das sorgsam eingerichtete Jüdische Kulturmuseum gewährt Einblicke in das untergegangene Judentum, seine Religion und sein Leben. Es liegt oberhalb einer Verkehrsader, die als besondere städtebauliche „Leistung“ des Sozialismus angesehen werden kann. Sie ging mit der Zerstörung der Synagoge (1969) einher, über deren Trümmern wurde diese Hochstraße von der Neuen Brücke direkt an der St. Martins-Kathedrale vorbei geführt. An die Synagoge erinnern heute ein Mahnmal und eine symbolische Abbildung mit Inschrift auf schwarzem Marmor an der Seitenwand der Hochstraße.

Nicht weit entfernt liegt in einem Altbau seit zwanzig Jahren das Slowakische Nationalmuseum der Kultur der Karpatendeutschen, das von der nur noch kleinen deutschen Minderheit in der Slowakei erzählt. Die Leitung hat Ondrej Pöss, der 2014 einen sehr informativen, mit Bild- und Kartenmaterial versehenen Jubiläumsband zum 20. Jahrestag des Museums vorgelegt hat.

Expedition-ins-3In Preßburg und Nitra errichtete Swatopluk (846–894) ein Großmährisches Reich, das an das Fränkische Reich grenzte, an dessen Ostgrenze Regensburg und Passau lagen. Nach Großmähren kamen als Missionare die beiden aus Thessaloniki stammenden „Slawenapostel“ Konstantin, der spätere Kyrill (gestorben 869), und Method (gestorben 886). Zu der Zeit beherrschte im Slawischen das Glagolitische die Liturgie und die Schrift, die noch im Agramer/Zagreber Dom an einer Rückwand zu sehen ist. Es wurde vom Kyrillischen abgelöst, einer Schrift, die Kliment von Ohrid (840–916) nach seinem Lehrer Kyrill benannte und die bis heute in der slawischen Welt gebraucht wird.

In Preßburg wurde die Heilige Elisabeth (1207–1231) geboren, die auf der Wartburg wirkte, nach Marburg floh, dort früh verstarb und in der nach ihr benannten Kirche begraben wurde. Unweit von Preßburg liegt hoch über einem Donauknie die große Festung Devín. In ihr hat man die Fundamente einer frühchristlichen Kirche aus dem vierten Jahrhundert freigelegt, und von der Höhe schaut man über die Fundamente einer mährischen Kathedrale auf die Donau hinunter.

Bei Dürnkrut auf dem Marchfeld, im Blickfeld von Devín, verlor König Ottokar II. von Böhmen, der Gründer Königsbergs (1255), im Jahre 1278 Schlacht und Leben gegen Rudolf von Habsburg; im Prager Veitsdom liegt er begraben. Die Schlacht beendete das sog. Interregnum, das seit dem Tode Friedrichs II. 1250 Europa in Atem hielt. Preßburg war auch Schauplatz des berühmten Friedens von 1805 nach der Drei-Kaiser-Schlacht bei Austerlitz zwischen dem russischen Zaren, dem österreichischen Kaiser und Napoleon, der die Schlacht für sich entschied. Später war Preßburg lange Jahre Sitz der Ungarischen Landesversammlung (bis 1848), wo Graf István Széchenyi 1827 erstmals zur Empörung der österreichischen Abgeordneten eine Rede in ungarischer Sprache hielt und damit das ungarische Nationalbewusstsein stärkte, das im 19. Jahrhundert noch eine große Rolle spielen sollte.

Ostwärts von Preßburg liegt Tyrnau/Trnava, das slowakische Rom, wie man es wegen seiner zahlreichen Gotteshäuser nennt. Tyrnau war für fast 300 Jahre (1541–1820) Zufluchtsort des Erzbischofs von Gran/Esztergom, der aufgrund der drohenden Angriffe der Osmanen nach der verlorenen Schlacht bei Mohács 1526 geflohen war.

Heute ist weitgehend vergessen, wie unter dem Ansturm des aggressiven Islams das christliche Morgenland bis zur Eroberung von Byzanz 1453 verlorenging. Bis zur Schlacht von Tours und Poitiers 732 waren die Mauren bereits bis in die Mitte Frankreichs vorgedrungen, aber erst nach mehreren Etappen konnte sich Spanien 1492 von den Osmanen befreien. Im Osten fiel die Entscheidung 1683 vor Wien, nachdem es immer wieder zu Angriffen von türkischer Seite gekommen war. Das ursprünglich christliche Morgenland ging trotz der Wiedergewinnungsversuche während der Kreuzzüge verloren – die letzten Reste vernichtet derzeit der „Islamische Staat“ –, und seitdem hat sich der neue Begriff des „christlichen Abendlandes“ eingebürgert. Dieses wurde vor allem im damaligen Ungarn verteidigt.

1635 gründete Kardinal Peter Pázmány (1570–1637) die Universität, die Tyrnau im 17. Jahrhundert zum kulturellen und geistigen Zentrum Ungarns machte. Noch heute sind die Universitätsgebäude im Stile des Wiener Barocks sehenswert. 1777 wurde die Universität auf Anweisung Maria Theresias nach Ofen/Buda verlegt, die Gelehrten zogen ab, und damit schwand der Ruhm Tyrnaus. Es war die Zeit nach der ersten polnischen Teilung, als die Bukowina und Galizien ins Habsburger Reich integriert wurden.

Mitten in der Slowakei liegt das Zipser Land. Den Reisenden begleiten im Norden die schneebedeckten Berge der Hohen Tatra, bevor sich der Blick auf Leutschau/Levoca öffnet, die Hauptstadt der Zipser, die sich hier sicher wie zu Hause gefühlt haben, als sie vor 700 Jahren in diese wunderschöne Landschaft einwanderten: Zips leitet sich aus dem ungarischen „szépes“ her, was „schön“ bedeutet. Weithin ist der Dom des Heiligen Jakob erkennbar, der mit dem Rathaus und der evangelischen Kirche das Zentrum der Stadt bildet. Im Dom ist der höchste gotische Altar der Welt zu bewundern, 18 Meter hoch, geschaffen von Meister Paul von Leutschau.

Die Zipser, die es auch in der rumänischen Südwestbukowina bei Suczawa/Suceava und in der Marmarosch/Maramures in Nordrumänien gibt, sind eine seit dem 12. Jahrhundert nachweisbare deutschsprachige Minderheit, die vom Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR) und vom Karpatendeutschen Verein in der Slowakei vertreten werden. Diesen leiten Ondrej Pöss in Preßburg und Ján König in Kaschau, wo es auch aktive Jugendgruppen gibt.

In der Nähe von Leutschau überragt die Ruine der Zipser Burg die Landschaft. Vom Parkplatz steigt man hinauf in den Burghof und von dort weiter bis auf den Turm, von dem ein grandioser Rundblick das ganze Zipser Land umfasst. Zipser Jugendliche in Tracht bereiten die Nacht der Museen vor und backen Fladen, die mit Knoblauch oder Honig zum Zipser Bier angeboten werden. Man erwartet für den Abend Gäste aus der Umgebung und aus den Nachbarländern Ungarn, der Ukraine und Polen.

Spätestens die Ausflüge in die slowakische Pentapolis, zu der Leutschau und Kaschau, aber auch Bardejov, Prešov und Sabinov gehören, machen der Gruppe deutlich, dass der Reichtum und die Schönheit dieser Welt nicht mit einer Reise zu erfassen sind. Nach Bardejov kamen im 13. Jahrhundert Handwerker und Bergleute aus Deutschland, deren Spuren überall gegenwärtig sind. Es gibt ein deutsches Haus von 1566, eine Synagoge und ein sehr reich ausgestattetes Ikonenmuseum. Im nahe gelegenen Kurort Bardejovské Kúpele sind in einem Freilichtmuseum alte Holzkirchen zu sehen. Eine der schönsten steht nicht dort, sondern in Hervartov, südwestlich von Bardejov.

Auf der Weiterfahrt in die Ukraine sagt die Grenzbeamtin zur Überraschung der Gruppe, man fahre nicht in die Ukraine, sondern in das frühere Ungarn (bis 1944). Wie zutreffend diese Bemerkung ist – schon in Kaschau gab es eine ungarische Messe im Dom St. Elisabeth –, beweist die Besichtigung des Schlosses von Ushgorod, das eine lange ungarische Geschichte hat. In diesem früher ungarischen südwestukrainischen Transkarpatien in und um Ushgorod in Mukatschewo, Pauschen und Schönborn trifft die Reisegruppe auf Deutschsprachige mit ihrem regen Kulturleben, das sie wie 40 weitere Nationalitäten in dieser Region seit Anfang der 1990-er Jahre entfalten können. Magdalena Hudak ist die Vorsitzende des Deutschen Kulturvereins „Palanka“ in Mukatschewo, und ihre engagierte Tochter Mariana Varvatseva leitet das Deutsche Kulturzentrum, dessen Tätigkeit in der Monatsschrift „leben“ von Pater Burkard beschrieben wird. Verbindungen bestehen nach Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Über einen Höhenpass, der die Regionen Transkarpatien und Lemberg/Lwiw mit-
einander verbindet, erreicht man nach einer Abzweigung Richtung Westen Droho-
bycz. Diese Stadt kennt heute kaum noch jemand. Vor 150 Jahren war sie, das „ukrainische Pennsylvanien“, der viertgrößte Förderplatz von Erdöl weltweit, ein Zentrum der polyglotten Vielvölkersymbiose Galiziens, in der Polen und Ukrainer, Deutsche und Juden, Russen und Litauer und andere friedlich zusammenlebten.
Nicht weit entfernt liegt Borysław, wo Sabina van der Linden-Wolanski (1927–2011), als junges Mädchen Sabina Habermann, lebte und unter unvorstellbaren Umständen die Jahre 1941 bis 1944 überlebte. Sie hat das alles aufgeschrieben, die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas hat ihre Erinnerungen als Buch herausgegeben. Auf Einladung des Deutschen Bundestages hat sie als Zeitzeugin die Rede zur Eröffnung des Denkmals am Berliner Brandenburger Tor 2005 gehalten, für alle jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, deren große Mehrheit in Ostpolen und in der Westukraine ermordet wurde. Die Synagoge in Drohobycz umgibt ein Bauzaun, gebetet wird in ihr nicht mehr.

Zwei Tage wird die Gruppe von Roman durch Lemberg geführt. Er spricht hervorragend Deutsch, obwohl er nie in Deutschland war. Er verdankt die Sprachkenntnisse der Deutschen Schule, der 8. Spezialisierten Mittelschule für Deutsch in Lemberg, die 1818 gegründet wurde. Über 500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule, hauptsächlich Ukrainer. Sie werden von über 50 Lehrern unterrichtet. Roman ist Mathematikstudent und Leutnant der Reserve bei der Raketentruppe; er ist ukrainischer Patriot, aber es fällt kein böses Wort über den Feind, der im Osten bekämpft wird. Für ihn ist es schmerzhaft, dass in Westeuropa keine Kenntnis über eine ukrainische Nation vorhanden ist.

Überall stößt man, wie bereits in Ushgorod und Mukatschewo, vor allem in den Kirchen und auf dem großen Friedhof in Lemberg auf zahlreiche Fotos von jungen Gefallenen. Auf dem Swobody-Prospekt steht seit 1992 das Denkmal für den ukrainischen Lyriker Taras Schewtschenko, dem später eine mit historischen Reliefs geschmückte Anlage „Die Welle der Wiedergeburt“ hinzugefügt wurde. Auf dem Platz davor stehen ein Autowrack von der Front und ein Zelt, in dem junge Frauen für die Familien gefallener Soldaten Geld sammeln. Auch hier sieht man viele Fotos. Der Krieg ist allgegenwärtig.

Das Judenviertel in Lemberg existiert nicht mehr, aber Ruinen kann man anschauen und Informationstafeln, die das einstige Ausmaß des Viertels erkennen lassen. Auch hier gibt es jetzt ein Restaurant im Freien und ein Kaffeehaus. Es soll sich Leben entfalten, wo jüdisches Leben ausgelöscht wurde. Und Erinnerung soll möglich sein an das, was einmal an dieser Stelle war. Aus einem Gespräch mit Ukrainern ist zu erfahren, dass es in der Zentralukraine den Ort Uman gibt, an dem sich seit den 1990-er Jahren zum jüdischen Neujahrsfest jährlich um die 30 000 jüdische Pilger versammeln, ein erstaunliches Zeichen.

An den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert wird die Gruppe vor der armenischen Kathedrale erinnert, wo zwei Transparente auf das Ereignis des Jahres 1915 hinweisen. In der Kathedrale erklärt ein Priester die Geschehnisse und singt dann einen Choral, der in dieser 650 Jahre alten Kirche und eingedenk der armenischen Tragödie einen besonderen Klang erhält.

Das Fazit der Reise formuliert Roman: Er dankt der deutschen Gruppe nicht nur dafür, dass sie gekommen ist, sondern dass sie Kenntnisse mitgebracht und diese erweitert hat, über das Schöne und das Schwere, das diese Region bis heute prägt. Über Osteuropa ist in Westeuropa zu wenig bekannt, und es wird zu wenig darüber nachgedacht, sagt er: „Aber wir gehören dennoch zu euch!“

Klaus Weigelt (KK)

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