Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1219.

Fast ein Paradies

Als Vorbild in der Behandlung von Minderheiten stellt sich Kroatien bei seiner Bewerbung um die Mitgliedschaft in der EU dar

Wenn  man die Rechte nationaler Minderheiten in einem Staatswesen als Meßlatte für dessen Reife für die Wertegemeinschaft der Europäischen Union nimmt, so ist es gut bestellt um die Würdigkeit Kroatiens, Glied des vereinten Europas zu werden. Diesen Eindruck nahm man von einer Seminarveranstaltung mit, die kürzlich im Haus des Deutschen Ostens in München unter dem Titel „Europa, die EU-Osterweiterung und die Deutschen in Kroatien“ stattfand. Wie der Direktor des Hauses, Ortfried Kotzian, feststellte, hat Kroatien die Richtlinien des Europarates zur Minderheitenfrage unterschrieben und ratifiziert, während Frankreich nicht einmal die Unterschrift geleistet habe.

Auf derselben Veranstaltung machte Zvonko Plecas, der Generalkonsul der Republik Kroatien in München, deutlich, daß sich sein Land auch im übrigen für längst EU-reif hält. Kroatien, das sich auf einer Fläche von 56000 Quadratkilometern ausbreitet und von viereinhalb Millionen Menschen bewohnt wird, habe „niemals außerhalb der europäischen Familie gelebt“; es sei ein „klassisches mitteleuropäisches Land“. Kroatien verfüge über eine funktionierende Marktwirtschaft, stabile Institutionen und geordnete Verhältnisse. Nachdem die Verhandlungen zum Beitritt wegen unzureichender Zusammenarbeit des Kandidaten mit dem Europäischen Gerichtshof ausgesetzt gewesen seien, bestehe nun kein Hindernis mehr. Die Nachwirkungen des Krieges seien oder würden beseitigt, und nationale Minderheiten würden als Reichtum betrachtet.

Die deutsche Minderheit in Kroatien ist klein. Kotzian gab an, 1989 hätten sich bei einer Volkszählung 8000 Personen als Deutsche bekannt. 2001 waren es nurmehr 3300, 300 bezeichneten sich als Österreicher. Hinzu kämen um die 50000 Personen, die sich nicht zu ihrem Deutschtum bekennen wollten, Kryptodeutsche sozusagen. Diese Angabe machte Nikola Mak, selbst Deutscher und Vorsitzender der Volksdeutschen Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien – sowie Abgeordneter der nationalen Minderheiten im kroatischen Parlament. Die Jugoslawiendeutschen der Zwischenkriegszeit, die, wie Mak bemerkte, im jungen jugoslawischen Staat nicht besonders erwünscht gewesen, aber als gute Steuerzahler in Ruhe gelassen worden seien, zählten nach seinen Angaben 550000 Personen, von denen 150000 auf Kroatien entfielen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges stand für sie Enteignung und Verbannung durch Titos Partisanen statt, oft jedoch auch Lagerhaft und tausendfacher Tod.

Nach Mak begegneten ausschließlich die kommunistischen Behörden den Deutschen feindlich; ohne die Hilfe der einfachen Menschen hätte es für sie oftmals kein Überleben gegeben. Mit der Entstehung des demokratischen Kroatien seien die autochthonen Minderheiten unter den besonderen Schutz des Staates gestellt worden. Ihnen werde das Recht garantiert, ihre Sprache zu gebrauchen, im Parlament vertreten zu sein. Es gibt deutsche Kindergärten und Schulen, eine deutsche Theatergruppe, es erscheint deutsches Schrifttum, und es konnte ein Kulturzentrum gegründet werden.

Den Lageropfern wurde ein Denkmal gesetzt, und die Lagerfriedhöfe werden mit Unterstützung des Staates gepflegt. Der Völkermord an den Deutschen werde von den Kroaten vorbehaltlos verurteilt. In ehemaligen deutschen Gemeinden findet sich eine deutsche Beschilderung zur Orientierung der Besucher. Die Donauschwäbische Kulturstiftung, die Landsmannschaft der Donauschwaben und staatliche deutsche Stellen leisten Hilfe.

Geplant ist zudem ein Gedenkzentrum, in dem Vergangenheit und Gegenwart der Donauschwaben dargestellt werden sollen. Der Plan genieße, so Mak, die moralische und materielle Unterstützung des kroatischen Staates. Auch wolle dieser bilaterale Verträge zur Wiedereinsetzung der Jugoslawiendeutschen in ihre Rechte und in ihren Besitz abschließen. Zudem sei es beabsichtigt, die zur Diskriminierung der deutschen Minderheit erlassenen Dekrete der Tito-Zeit außer Kraft zu setzen. Man wolle mit den Kroaten und allen Minderheiten nach Europa gehen.

Peter Mast (KK)

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