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Ausgaben: Ausgabe 1264.

Feuer des Glaubens – Glaube im Feuer

Jan Hus als Opfer des Scheiterhaufens und eiskalten Kalküls zeigt eine Tagung des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte

Eine mit deutschen und tschechischen Forschern besetzte Tagung zum Thema „Die Hussitische Revolution – religiöse, politische und regionale Aspekte“ fand im Bildungshaus der Diözese Regensburg „Albertus Magnus“ in Schloß Spindlhof/Regenstauf statt. Als Veranstalter zeichnete das Institut für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte e.V. Regensburg verantwortlich.

Institutsvorsitzender Msgr. Dr. Paul Mai konnte rund 40 Teilnehmer – darunter acht Referentinnen und Referenten aus Deutschland und fünf aus Tschechien – begrüßen. Besonders willkommen hieß er eine Delegation aus der oberpfälzischen Hussitenfestspielstadt Neunburg v.W. Vertreten waren auch die Leiter der Hussitenmuseen in Konstanz und Tabor, Libuse Rösch und Magister Jakub Smrcka.

Die Vorbereitung und Moderation der Tagung lag in den Händen von Archivdirektor a.D. Prof. Dr. Franz Machilek (Bamberg), unterstützt von Prof. Dr. Winfried Eberhard (Leipzig). Machilek legte in seiner Einführung zur Tagung den Forschungsstand dar. Er erinnerte an einen im Dezember 1999 im Vatikan stattgefundenen internationalen Kongreß über Johannes Hus, der eine neue, ökumenisch akzentuierte Sichtweise des böhmischen Reformators erbracht hatte.

In einem ersten Schwerpunkt der Tagung wurden grundsätzliche Perspektiven des Hussitismus aufgegriffen. So behandelte Prof. Dr. Georg Denzler (Breitbrunn) die Reformbedürftigkeit der römischen Kirche um 1400, Magister Jakub Smrcka (Tabor) die „Devotio moderna“ als Reformströmung im vorhussitischen Böhmen, Dusan Coufal (Brünn) die Verteidigung des Laienkelches durch Johannes Rokycana auf dem Baseler Konzil, Prof. Dr. Blanka Zilynská die hussitischen Synoden als Vorläufer der reformatorischen Synodalität und Prof. Eberhard (Leipzig) die Probleme und Wege der hussitisch-katholischen Koexistenz im 15. und 16. Jahrhundert. Prof. Dr. Peter Hilsch (Tübingen) warf die Frage auf, ob der Reformator Jan Hus eine Bedrohung von Reich und Kirche gewesen sei. Hilsch, Verfasser einer Hus-Biographie (1999), betonte, daß im Gegensatz zu früheren Auffassungen Hus sich in seiner Kirchenkritik nicht auf die Reformer der böhmischen „Devotio moderna“ (Konrad von Waldhauser, Militsch von Kremsier oder Thomas von Stitna), sondern auf den Oxforder Magister John Wyclif gestützt habe. Der Streit um die radikal kirchenkritischen Positionen Wyclifs (45 Thesen) sei auch zu einem Streit zwischen der böhmischen Universitätsnation und den drei anderen, mehrheitlich deutschen Universitätsnationen geworden. Durch die Verleihung des Übergewichts an die böhmische Universitätsnation im Kuttenberger Dekret von 1409 durch König Wenzel sahen sich die Mehrzahl der deutschen Professoren und Studenten zum Abzug an die Universitäten Leipzig und Heidelberg veranlaßt. Der durch den Wyclif-Streit auf Böhmen gelenkte Ketzerverdacht führte im Kräftespiel zwischen Köing Wenzel, König Sigismund, dem Prager Erzbischof, dem böhmischen Adel und der römischen Kurie schließlich zur Einladung des mit dem Bann belegten Jan Hus nach Konstanz. Um den Ketzerverdacht von Böhmen zu nehmen, wurde Hus schließlich mit Einverständnis König Sigismunds als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Ein zweiter Themenschwerpunkt schlüsselte regionale Aspekte des Hussitismus auf. In diesem Kontext warf Dr. Miloslav Polivka (Prag) einige Schlaglichter auf die primär wirtschaftlich geprägten Beziehungen Nürnbergs zu den böhmischen Ländern in der Hussitenzeit, stellte Heike Faltenbacher (Bamberg) das zum Bistum Regensburg gehörige Eger als antihussitisches Zentrum und Verhandlungsort vor dem Baseler Konzil heraus und beleuchtete Dr. Michaela Bleicher (Freising) die Auseinandersetzung mit dem Hussitismus im Spiegel der Quellen des Hofes Niederbayern-Straubing.

Für die Leser dieser Zeitschrift dürfte der Vortrag von Tagungsmoderator Machilek „Schlesien. Hus und die Husssiten 1403–1435“ von besonderem Interesse sein: Entgegen den Behauptungen der marxistischen Geschichtsschreibung, wonach der Hussitismus unter den armen Bauern und Handwerkern, zum Teil auch beim Adel Schlesiens ein breites Echo gefunden habe, kommt Machilek durch eine Zusammenschau der modernen Forschung zum Ergebnis, daß der Hussitismus in Schlesien insgesamt ein geringes Echo gefunden hat. Mehr noch: Schlesien selbst entwickelte sich nach seinem Urteil zu einem antihussitischen Bollwerk. Dies begann mit einem starken Widerstand schlesischer Magister – wie Johannes Hübner aus Schweidnitz, Johannes Ottonis aus Münsterberg, Nikolaus Stör wie auch Johannes Hoffmann aus Schweidnitz – gegen die Lehre Wyclifs und Hus’ an der Universität Prag und zur frühen Abwanderung – bereits 1409 – an andere Universitäten, vor allem nach Leipzig, aber auch nach Heidelberg, Wien, Erfurt und Krakau. Diese ablehnende Haltung dem Hussitismus gegenüber setzte sich fort über die Beobachtung, daß laut dem Urteil des Historikers Peter Moraw „kein Schlesier … über die Hinrichtung von Johann des Hus geklagt hat“. Sie fand eine Konsequenz auch darin, daß Sigismund sich nach dem Tod des böhmischen Königs Wenzel 1419 für Schlesien als erste Operationsbasis zur Rückgewinnung Böhmens entschied. Er machte Breslau durch einen 1420 hierhin einberufenen Reichstag mit Verkündigung der Kreuzzugsbulle gegen die Hussiten zu einem antihussitischen Zentrum. Geistliche Emigranten aus Böhmen, wie etwa die Augustiner-Chorherren der Raudnitzer Reform, verstärkten die antihussitische Haltung schlesischer Klöster und Stifte, als deren profiliertester Sprecher Ludolf von Sagan gelten kann. Auch spiegelte sich die antihussitische Fronthaltung Schlesiens in gemeinsamen Aktionen schlesischer Fürsten, des Adels und der Städte gegen die Hussiten 1421–1427 wider. Freilich, bei den Heerfahrten der Hussiten nach Schlesien in den Jahren 1428–1435 schlossen sich diesen auch Wenzel von Grätz, Sohn des Herzogs von Troppau, und vor allem Herzog Bolko von Oberglogau – der letztgenannte als überzeugter Sympathisant – an. Und selbst Abt Ludolf von Sagan wußte am Ende seines Lebens – so Machilek – vom Übergreifen hussitischer Lehren auf schlesische Schulen zu berichten.

Ebenfalls unter dem Regionalaspekt brachte der Vortrag von Prof. Dr. Franz Fuchs (Würzburg) für die westlich an Böhmen angrenzende Region, die Oberpfalz und das Gebiet des Bistums Regensburg, interessante Erkenntnisse. Er ließ wissen, daß mit dem gebürtigen Vohenstraußer Ulrich Grünsleder in der Reichsstadt Regensburg am 31. März 1421 ein Regensburger Diözesanpriester als Anhänger des Hus den Flammen übergeben wurde. Grünsleder war angesehener Kaplan an der Ahakirche im Dienst des Regensburger Rates. Laut Bericht des Geschichtsschreibers Andreas von Regensburg – eines Augenzeugen dieser Vorgänge – wurde Grünsleder am Pfingstsamstag 1420 im Regensburger Dom verhaftet. Im Gefängnis gab er zu, zwei Traktate des Johannes Hus mit eigener Hand abgeschrieben und ins Deutsche übersetzt zu haben, um im Verborgenen Laien für Hus’ Lehre zu gewinnen. Dabei handelte es sich nach dem heutigen Erkenntnisstand um die ersten Übersetzungen von Hus-Werken ins Deutsche.

Nach seiner Weigerung, der Lehre des Hus abzuschwören, habe der Regensburger Bischof Grünsleder nach einem feierlichem Gottesdienst im Dom als Ketzer seiner geistlichen Würden entkleidet und ihn dem weltlichen Arm zur Hinrichtung übergeben – dramatische Ereignisse im Jahr 1420/21. Im Anschluß daran faßte der Regensburger Rat den Beschluß, daß jeder Einwohner über zwölf Jahre einen heiligen Eid gegen die „Ketzerei aus dem Königreich Böhmen“ schwören mußte.

Einen dritten thematischen Schwerpunkt der Tagung, „Die böhmischen Brüder“, deckte der Vortrag von Dr. Jaroslav Boubin (Prag) ab: Er behandelte „Petr Chelcicky und seine Ausführungen zur Gesellschaft“. Chelcicky, wohl ein autodidaktisch gebildeter Kleinadeliger Südböhmens, zählt nach Boubíns Einschätzung zu den rätselhaftesten Vertretern hussitischen Denkens. Manchmal als der erste moderne Soziologe der mittelalterlichen Gesellschaft bezeichnet, habe er eine radikale Kritik am mittelalterlichen Ständestaat – Priesterstand, Adel und Bauern/Handwerkern – geübt. Die bestehende Gesellschaft – voran das Papsttum – war nach Chelcickys Einschätzung eine Form des Antichrist, die dem biblischen Prinzip der christlichen Liebe und Gewaltlosigkeit entgegengesetzt war und nur durch einen eschatologischen Eingriff Gottes zum wahren Christentum verändert werden konnte.

Äußerst aufschlußreich war auch der abschließende Vortrag zum vierten thematischen Schwerpunkt, „Der Hussitismus in der Sicht des 19./20. Jahrhunderts“, von Prof. Dr. Wünsch (Passau) über den „Hussitismus als Deutungsparadigma der tschechischen Geschichte“. Wünsch wollte nach eignem Bekunden aufzeigen, daß der Streit um die Interpretation des Hussitismus in der tschechischen Geschichtsschreibung durch die Protagonisten zu einer hermeneutischen Frage nach den Grundlagen der Deutung der tschechischen Geschichte insgesamt wurde. Der Position Franz Palackys (1798–1876) mit Auslegung des Hussitismus als zentraler Geschichtskategorie für das National- und Staatsbewußtsein der Tschechen im Gegeneinander von „Germanismus“ und „Slawismus“ und der darauf aufbauenden Positition von Tomas G. Masaryk (1857–1937) mit der Forderung nach nationaler Wiedergeburt wird das Interpretationsmuster Josef Pekars (1870–1937) gegenübergestellt, der Geschichte als synthetisch, nicht uniform, dynamisch, nicht statisch, als Produkt von Wechselwirkungen, nicht als „autonome“ nationale Entwicklung begriff.

Insgesamt verstand sich diese internationale Tagung auch als ein Vorbereitungsschritt auf das Jahr 2015 hin – den 600. Gedenktag der Verbrennung des Jan Hus in Konstanz. Die Stadt Konstanz wird – wie angekündigt – in einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm zum Konzil von Konstanz (1414–1418) auch des Todes von Jan Hus gedenken. Ein Besuch des beeindruckenden Festspiels „Vom Hussenkrieg“ in Neunburg v.W. – aufgehängt am Sieg des Pfalzgrafen Johann von Neumarkt in der Schlacht von Hiltersried 1433 – mit historischer Einführung durch den Festspielvereinsvorsitzenden Theo Männer rundete für die Tagungsteilnehmer von Schloß Spindlhof die wissenschaftlich sehr ergiebige Tagung ab.

Werner Chrobak (KK)

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