Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1344.

Finsterstes in gleißendem Licht

In Israel geht dem deutschen Reisenden viel von der fatalen Geschichte und der komplizierten Gegenwart auf

Finsterstes1„So spricht der Herr: Denen, die meine Sabbate halten und erwählen, was mir wohlgefällt, und an meinem Bund festhalten, denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen (hebräisch: Yad Vashem) geben. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.“ – Der Text aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 56, Vers 5, steht in hebräischen Lettern auf einer langgestreckten Mauer gegenüber der Halle der Erinnerung, in deren Boden die Namen der 22 größten Konzentrationslager eingraviert sind und in der eine Gedenkflamme für die Opfer des Holocaust brennt. Ein Denkmal und einen Namen – Yad Vashem – hat das jüdische Volk den Millionen Opfern des Nationalsozialismus geben wollen und dieser einzigartigen Gedenkstätte in Jerusalem den Namen aus dem Propheten Jesaja zugedacht, der nicht vergehen soll.

Israel ist gerade für Deutsche ein ganz besonderes Land, aber erst der Reisende erfährt etwas von der wahren, der nicht reduzierbaren tiefen Komplexität, die ihn in diesem Land umfängt und die so weit entfernt liegt von den dürren und einseitigen Schlagzeilen der Medien des Tages. Da tauchen die abendlichen Gebetsrufe der Muezzin von den Minaretten in Jaffa die friedliche Welt der Basare in eine völlig unerwartete orientalisch-arabische Stimmung. Das Land ohne Kirchtürme dokumentiert in den allerorten aufragenden Minaretten eine überraschende jüdisch-muslimische Konvivenz und Toleranz.

Da blüht die Wüste Negev und bringt unter weit gespannten Netzen bei spärlicher Tropfenbewässerung Zitrusfrüchte und Avocados, Tomaten, Erdbeeren, Salate und vielfarbige Karotten hervor; Asiaten und Afrikaner reisen an, um sich kundig zu machen und das Wunder in ihre Länder zu tragen, während ringsum die Wüste weiterlebt, außerhalb der Grenzen. Nur mit Jordanien gibt es Vereinbarungen über diesen segensreichen Technologietransfer. Da gibt es junge und junggebliebene Menschen, die bei aller täglichen Bedrohung ihren Alltag fröhlich und aktiv bewältigen, kinderreiche Familien in Haifa, Tel Aviv oder Jerusalem, bewaffnete Soldatinnen und Soldaten, die einkaufen, gemeinsam oder allein ihre Freizeit in einem Café verbringen, dem Touristen bereitwillig Fragen beantworten.
Und da gibt es alte Juden aus Deutschland und Russland, junge aus der arabischen Welt und aus Afrika, und alle – Juden und Nichtjuden – standen an diesem 28. April, dem seit 1951 begangenen Jom Haschoa, zwei Minuten still beim Tönen der Sirenen, während das öffentliche Leben landesweit ruhte.

Finsterstes2In Yad Vashem gibt es neben dem Museum zur Geschichte des Holocaust mit der Halle der Namen vor allem zwei Mahnmale, die dem Besucher an Herz und Gemüt gehen: die Gedenkstätte für die anderthalb Millionen von den Nazis umgebrachten Kinder und das Tal der Gemeinden.

Das Kindermahnmal ist eine dunkle, von einem Firmament mit den Spiegelungen von nur fünf Kerzen überwölbte Halle, in deren Dunkelheit sich der Besucher nur an einem Handlauf vorwärtstasten kann, während aus dem Raum die Namen, das Alter und die Herkunftsorte der ermordeten Kinder von Müttern und Vätern gesprochen werden, ununterbrochen, drei Monate lang, bis die Lesung von vorn beginnt. Niemand verlässt diese Halle trockenen Auges. Auf dem Hügel darüber versinnbildlicht eine Stelengruppe abgebrochener Säulen die vorzeitig zerstörten Lebensläufe der Kinder.

Das Tal der Gemeinden ist ein grandioses, ein Hektar umfassendes Felsenlabyrinth, vier bis fünf Meter tief, unter freiem Himmel, in dem auf über einhundert Steinwänden der über 5000 Gemeinden in Europa gedacht wird, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Wanderung durch dieses Tal offenbart die Blutspur, die der Nationalsozialismus von Paris über Amsterdam und München bis Wien, von Riga über Königsberg bis Danzig, von Warschau über Lublin bis Lemberg, von Litauen über Weißrussland, Polen, die Ukraine bis Ungarn und Rumänien hinterlassen hat. Die Namen der Gemeinden sind in hebräischer und lateinischer Schrift eingemeißelt und in Ländergruppen zusammengefasst, so dass Ost- und Westpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien ebenso bis in die kleinen Dorfgemeinden auffindbar sind wie zahlreiche Orte in den Ländern Mittel- und Osteuropas.

Es ist tröstlich und dokumentiert die friedens- und versöhnungsorientierte Trauer der gesamten Anlage von Yad Vashem, wenn die Bedrückung beim Rundgang auf der Allee und im Garten der Gerechten unter den Völkern gemildert wird durch den Blick auf die Bäume der Hoffnung, die hier gepflanzt wurden, um auch denen ein Denkmal und einen Namen zu geben, die in der Nacht der Verzweiflung und Vernichtung den Verfolgten zur Seite standen. Auch Deutsche finden sich hier, wie Oskar Schindler und Berthold Beitz.

Finsterstes3Hella Markowsky war sechs Jahre alt, als Hitler die Macht ergriff und Deutschland in sechs weiteren Jahren zum Schrecken in ganz Europa, ja der Welt machte. Die Königsbergerin, über die wir bereits in unserem Heft 1322 vom 25. Juli 2012 berichtet haben, erlebte alle Verfolgungen, die das Naziregime für seine jüdischen Bürger organisierte, sie war Zeitzeugin der Judendeportationen von 1942 aus Königsberg nach Minsk und Theresienstadt, verlor Familienangehörige und Freunde, überlebte den Naziterror und anschließend auch die sowjetische Besatzung, floh nach Litauen und weiter mit ihrem Mann nach Moldawien, wo sie als Nechama Drober vierzig Jahre überlebte. Als sie 1990 „nach Hause“ wollte, war aus ihrem sowjetischen Pass nicht erkennbar, dass Nechama Drober mit der Königsbergerin Hella Markowsky identisch war; das konnte erst Jahre später geklärt werden, und Nechama Drober erhielt ihren „Heimatpass“.

Aber da wohnte sie bereits lange in Kirjat Ata bei Haifa, zusammen mit ihren Kindern und Enkeln. Sie lebt dort im vierten Stock eines achtstöckigen Hochhauses, in dem fast nur Russisch gesprochen wird. Ihr Deutsch, das sie sich bewahrt hat, kann sie nur mit Besuchern sprechen oder wenn sie selbst nach Deutschland eingeladen wird.

Auch das ist Israel: der Versuch Tausender von Menschen, denen die Gewalten und Schrecknisse des 20. Jahrhunderts das Schicksal zerrissen haben, am Lebensabend die spärlich verbliebenen Fäden wieder zu etwas Sinnvollem zu verknüpfen. Im Gespräch mit Nechama Drober wird ihre Heimatstadt Königsberg gegenwärtig, zahllose Details – bedrückende, aber auch schöne – trägt sie unzerstörbar in ihrem Gedächtnis, und ihre Wohnung erlebt der Besucher wie einen Gedenkort. Ihre Augen glänzen, wenn sie vom letzten Besuch in der Heimat berichtet. Sie hat für ihre beiden in Königsberg verstorbenen Brüder Trauerkerzen auf dem früheren Friedhof in der Steffeckstraße angezündet, und ihr größter Wunsch ist es, die Vollendung des Wiederaufbaus ihrer Synagoge in der Lindenstraße gegenüber dem Dom am Pregel noch zu erleben.

Klaus Weigelt (KK)

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