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Ausgaben: Ausgabe 1241.

Forscher des jüdischen Widerstandes

Auch er mußte widerstehen – als Quereinsteiger dem „Mainstream“ der Wissenschaft: Arno Lustiger, Ehrenprofessor des Landes Hessen

Der jüdische Historiker Arno Lustiger ist am 20. Juni vom Bundesland Hessen mit dem Titel eines Ehrenprofessors ausgezeichnet worden. Der Holocaust-Überlebende wurde für seine umfangreichen Forschungen geehrt. Das Land Hessen verleiht seit 2006 Ehrenprofessuren an Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um Wissenschaft und Kunst verdient gemacht haben. Der heute 83jährige Lustiger habe einen bedeutenden wissenschaftlichen Beitrag insbesondere zum Widerstand der Juden während des Holocaust geleistet, sagte Wissenschaftsminister Udo Corts bei der Ehrung im Kaiser-saal des Frankfurter Römers.

Der in Bedzin in Oberschlesien geborene Lustiger überlebte nach seiner Verhaftung in der Nazi-Zeit vier Jahre Zwangsarbeit in den Konzentrationslagern Sosnowitz, Annaberg, Otmuth, Auschwitz-Blechhammer, Groß-Rosen, Buchenwald und Langenstein. Bei einem sogenannten Todesmarsch, der Zwangsverlegung zigtausender KZ-Häftlinge, gelang ihm die Flucht. US-Soldaten retteten den völlig Entkräfteten. Als Dolmetscher in der Uniform der US-Armee erlebte er das Kriegsende. Im Westen traf Lustiger einen Teil seiner Familie wieder, der Vater war in Auschwitz ermordet worden. Bei Kriegsbeginn war Arno Lustiger 15 Jahre alt gewesen und hatte drei Klassen des Gymnasiums beendet. In diesen drei Jahren hat er dennoch sehr viel gelernt. Das Gymnasium lehrte nach dem polnischen Curriculum, er hatte Deutsch als erste Fremdsprache, Englisch lernte er freiwillig. Darüber hinaus wurde er auch in jüdischen Fächern unterrichtet: modernes Hebräisch zum Beispiel. Lustiger hat allerdings kein Abitur ablegen können und nie eine Universität besucht. Dennoch ist er zu einer international anerkannten Instanz für jüdische Zeitgeschichte geworden.

In Frankfurt baute sich Lustiger eine Existenz als Textilhändler auf. Zugleich wurde er Mitbegründer der jüdischen Gemeinde. Zur Wissenschaft kam er erst nach einem Herzinfarkt in den 80er Jahren. Seine Bücher habe er sich hart im „Staub der Archive“ und auf Reisen in vielen Ländern erarbeitet, sagte der in vielen Sprachen bewanderte Forscher bei der Preisverleihung. Sein besonderes Interesse gilt der Erforschung des jüdischen Widerstands. Entgegen der in der Zunft viele Jahre lang verbreiteten Ansicht vertrat Lustiger in seinen Büchern die These, daß die Juden sich nicht wie die redensartlichen Lämmer zur Schlachtbank führen ließen.

Er machte mit seinen Büchern wie „Schalom Libertad“ (1989) und „Zum Kampf auf Leben und Tod. Zum Widerstand der Juden 1933–1945“ (1994) mit bis dahin weitgehend übersehenen Quellen und Zeitzeugnissen die vielfältigen Formen des jüdischen Widerstands sichtbar. So zeigt er in „Schalom Libertad“ auf, wie viele Juden in den Reihen der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 gekämpft hatten. Er stützte sich auf die Auswertung persönlicher Zeugnisse und der wenigen verbliebenen Zeitungsarchive (etwa in den USA) und errechnete einen Anteil von rund 6000 Juden unter den wohl 40 000 Spanienkämpfern. Fast noch wichtiger erscheint, daß Lustiger durch zahlreiche biographische Abhandlungen Bürgerkriegsfreiwillige vor dem Vergessen bewahrt hat (siehe www.hagalil.com). Auch in dem 1994 veröffentlichten Werk „Zum Kampf auf Leben und Tod“, großteils eine Sammlung unterschiedlicher Lebensläufe, machte Lustiger bisher weitgehend übersehene Selbst- und Zeitzeugnisse zugänglich. Anders als Raoul Hilberg stützte er sich in seinen Quellenforschungen weniger auf die Akten der Täter als auf Zeugnisse von Juden.

Durch seine Arbeit erschienen die großen Ereignisse des Widerstandes wie die Getto-Aufstände in Warschau (1943) und Wilna (1943) sowie die Revolten im KZ Treblinka (1943) und im KZ Auschwitz (1944) nicht mehr als singuläre Ereignisse, sondern in Zusammenhängen. Allerdings grenzte er den Begriff Widerstand nicht eng ein, sondern subsumierte darunter die verschiedensten Formen der Widerständigkeit gegenüber den Unterdrückern. In seinem „Rotbuch – Stalin und die Juden“ (1998) arbeitete Lustiger den stalinistischen Antisemitismus heraus und zeigte, daß Stalin nach dem Sieg über Hitler jüdische Bürger der Sowjetunion ungeachtet ihres Patriotismus und ihrer Hingabe verfolgen und ermorden ließ. Zeitlich griff Lustiger in dem Band bis auf die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zurück und zeichnete zugleich ein breites Panorama der politischen Aktivitäten jüdischer Russen und Bürger der UdSSR.

Bereits mehrfach wurde er ausgezeichnet, und an den „Professor“ hat er sich schon etwas gewöhnt. Schließlich lehrte Lustiger vier Semester lang als Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut an der Frankfurter Universität.

Als „Außenseiter und Quereinsteiger“ habe er es im Wissenschaftsbetrieb nicht ganz leicht gehabt, sagte der 83jährige. Sein Wahlspruch ist: „Hart in der Sache, aber sanft in der Weise.“ Ob es noch weitere Bücher von ihm geben wird, weiß er noch nicht: „Ich schreibe ja viele Aufsätze. Vielleicht ergeben diese Texte wieder ein neues Buch.“

Michael Ferber (KK)

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