Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1236.

Frag mich was Leichteres

Zur Problematik von Gesprächsrunden im Fernsehen

Daß durch das Fernsehen Millionen gleichzeitig Zuhörer sein und dabei auch den Diskutanten ins Gesicht sehen können, ist eine Bereicherung für die Meinungsbildung des Zuschauers als Staatsbürger und – bei Themen ohne politischen Bezug – als selbständig denkender Mensch. Entsprechend groß ist die Verantwortung der Veranstalter solcher Gesprächsrunden. Daraus ergeben sich Probleme, deren Lösung nie ganz zu erreichen ist. Aber das Ideal muß vor Augen haben, wer sich erfolgreich um Lösungen bemühen will.

Die erste Schwierigkeit liegt in der Auswahl der Persönlichkeit, die das jeweilige Gespräch leiten soll. Das ist am einfachsten, wenn es sich um eine sachlich begrenzte Thematik handelt. Als Musterbeispiel dafür tritt einem sofort das „Literarische Quartett“ vor Augen. Man mag den bewundernswerten Kenner der deutschsprachigen Literatur mindestens der letzten drei Jahrhunderte, Marcel Reich-Ranicki, getrost als Literaturpapst bezeichnen, weil er seine Auffassungen mit autoritär anmutender Entschiedenheit und Zuspitzung vertritt. Aber das dient der Erschließung des besprochenen literarischen Sujets. Und seine Diskussionspartner widersprechen ja auch munter und führen dadurch dem Zuschauer unterschiedliche Interpretationen und Beurteilungen vor. Kurz: An der Kompetenz besteht hier kein Zweifel, außerdem kann der Zuschauer die besprochenen Bücher selbst lesen.

Anders verhält es sich bei sachlich ganz unterschiedlichen Themen, wie sie für politische Gesprächsrunden vorgegeben sind.

Es ist schon erstaunlich, wie ergiebig sich die bekannten Leiterinnen solcher Runden auf die gerade anstehende Thematik vorbereiten. Aber zu wirklicher Sachkompetenz kann das nicht führen. Um nicht nur aufgeschnappte Darstellungen, Meinungen und Urteile in die Runde werfen zu können, bedürfte es vielfach geradezu einer fachlichen Ausbildung. Wer kann denn etwa den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Prosperität und hilfreichen politischen Rahmenbedingungen durchschauen, ohne sich zumindest in einigen zentralen Gebieten der Volkswirtschaftslehre gründlich auszukennen? Und um ein zeitgeschichtliches Geschehen wie den Zweiten Weltkrieg und die Verbrechen des NS-Regimes, die willkürlichen Entscheidungen der Siegermächte nach Beendigung der Kampfhandlungen und die Vertreibung insbesondere vieler Millionen Deutscher aus ihren angestammten Wohnsitzen im Zusammenhang analysieren und unter vernünftigen Zukunftsperspektiven betrachten zu können, muß man zwar nicht unbedingt mindestens siebzig Jahre alt sein und die politische Problematik um den West-Ost-Konflikt und die darin eingebettete deutsche Frage mit hochentwickeltem politischem Urteilsvermögen verfolgt haben, aber ohne ebenso tiefe wie breite Kenntnisse der europäischen Geschichte in den letzten drei Jahrhunderten kann man über ein so aspektereiches Thema keine Fragen stellen, die für die Diskussion richtungweisend sein könnten. Wie will man z. B. erkennen, daß die Oder-Neiße-Linie eine Grenzziehung wie an Flußläufen im Urwald ohne historische Vorgaben bedeutet, wenn man die polnischen Grenzen vor den polnischen Teilungen von 1772, 1793 und 1795 nicht kennt und wenn man nicht weiß, daß die Vorkriegsgrenzen Deutschlands im Osten bereits das Ergebnis einer keineswegs durchgängig ethnisch gerechtfertigten Einschränkung des deutschen Staatsgebietes bedeutete. Am deutlichsten wird dies an der mit dem Genfer Schiedsspruch festgelegten deutsch-polnischen Grenze in Oberschlesien, die in Mißachtung des Ergebnisses der international überwachten Volksabstimmung erfolgte. Das bloße Aufgreifen von Begriffen und Urteilen aus der aktuellen politischen Diskussion dagegen bringt die Gesprächspartner notgedrungen in arge Bedrängnis.

Und nun die Problematik der Zusammensetzung einer solchen Gesprächsrunde. Natürlich möchte man die Auswahl so treffen, daß es zu kontroversen Äußerungen kommen kann, um das Gespräch lebendig und interessant zu machen. Aber auch dabei kommt es unvermeidlich zu Zufälligkeiten – nicht zuletzt durch die Unabkömmlichkeit einiger erwünschter Teilnehmer. Politiker können in solchen Zusammenhängen ohnehin sich nur in einer Weise äußern, die dem Tagesgeschehen stärker verhaftet ist als den zugrunde liegenden Zusammenhängen. Sie müssen ja doch ihrer Wählerklientel zu entsprechen versuchen. Das schließt vertiefende Reflexionen aus.

Um ein Wort zu der Gesprächsrunde nach dem mitreißenden Film „Die Flucht“ zu sagen, kann man es als eine das Verbleiben an der Oberfläche fördernde Erweiterung ansehn, wenn das gesamte unmittelbare Nachkriegsgeschehen einbezogen wird. Im Film handelt es sich lediglich um das Geschehen in der Provinz Ostpreußen und in Danzig. Hier wäre dann die Einbeziehung eines oder zweier Russen, von denen der eine die Rolle von Kopelew hätte spielen können, zwingend gewesen. Auch heute noch lebende Ostpreußen, die sich etwa um den Wiederaufbau des Königsberger Domes verdient gemacht haben, und auch ein Rückblick auf Kant und seine Zeit hätten der Runde ein für Geschichte und Gegenwart Ostpreußens charakteristisches Profil geben können. Sei dem im einzelnen, wie ihm wolle, so gilt ganz allgemein, daß thematische Beschränkungen den Teilnehmern der Runde mehr entlocken und den Zuschauern bessere Anregungen zur Gewinnung eigener Einsichten bieten können.

Darüber hinaus scheint es auch nach Erfahrungen mit anderen Sendungen, in denen eine einzelne Persönlichkeit zu ihren Erlebnissen, Einschätzungen und Beurteilungen befragt wird oder zwei Kenner der ausgewählten Materie miteinander diskutieren, erwägenswert, nur in solchen Fällen das Gespräch in einer größeren Diskussionsrunde zu senden, in denen es um die Beurteilung von aktuellen Ereignissen und Vorhaben geht. Da ist dann auch ein politischer oder sonstwie gearteter Proporz angebracht.
Schließlich sollten wir nicht vergessen, daß die Television noch keine sehr lange Geschichte hat.

Gedruckte Schriften haben wir seit reichlich fünf Jahrhunderten, den Hörfunk seit nicht einmal hundert Jahren und das Fernsehen in großer Verbreitung kaum ein halbes Jahrhundert. Da ist es normal, daß wir für den rechten Gebrauch dieses Mediums noch viel dazulernen müssen.

Eberhard G. Schulz (KK)

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