Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1322.

Fragmentarische Genesung

Reichstadt, ehemals habsburgischer Sommersitz

Das Düsseldorfer stadtgeschichtliche Museum zeigte vor einiger Zeit eine Ausstellung über die Franzosenzeit und Kaiser Napoleon im Rheinland. Die junge Historikerin, die die Besucher durch verdunkelte Räume führte, verwies unter anderem auf ein Gemälde, das den jungen Herzog von Reichstadt zeigt. Meine Frage, wo Reichstadt liege, konnte sie nicht beantworten.

Napoleon Franz-Josef war der Sohn aus Napoleons Verbindung mit der Habsburgerin Marie Luise, der bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1832 das deutsch-böhmische Städtchen nie besuchte.

Es blieb jedoch mit dem österreichischen Kaiserhaus verbunden, war doch das geräumige Schloß einer der Sommersitze des 1848 abgedankten österreichischen Kaisers Ferdinand I. (1793–1875) und blieb bis 1918 im Besitz der Habsburger. Am 1. Juli 1900 schließlich wurde in der Schloßkapelle die morganatische Ehe des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand mit der Gräfin Sophie Chotek geschlossen, die dann 1914 in Sarajewo von dem serbischen Nationalisten Princip ermordet wurden.

Heute kann das Schloß mit seinen prächtigen Innenräumen als Museum besichtigt werden. Deutsche und tschechische Meister haben es im 19. Jahrhundert noch reich ausgestattet, darunter der Maler J. Navratil und der Dresdner Bildhauer Jeremias Süßner im Terrassengarten, sowie noch davor italienische Maler. Im Schloßgraben wird ein einsamer Bär gefangen gehalten, die Fortführung einer feudalistischen Sitte, die um so mehr befremdet, als der jahrzehntelang herrschende tschechoslowakische Kommunismus doch fast alles am Feudalismus verdammte.

Das Schloß selbst thront über dem malerischen Städtchen in majestätischer Ruhe, scheinbar unberührt von früheren Zerstörungen und Kämpfen, von politischen Umwälzungen und der grausamen Vertreibung von mehr als 3000 sudetendeutschen Reichstädtern (1930 ca. 85 Prozent deutsche Bevölkerung). Ihre Spuren sind trotz einer ganzen Reihe von Restaurierungen in den letzten 20 Jahren, unter anderem der Wiederherstellung der großartigen Dreifaltigkeitssäule auf dem Marktplatz, weiter zu sehen. Das ehemalige Kapuzinerkloster aus dem 17. Jahrhundert ist „völlig verwüstet“ (so in der tschechischen Publikation über „Reichstadt und Umgebung“ aus dem Jahr 2010), das frühere Nonnenkloster beherbergt im Erdgeschoß eine Post, das ehemalige Hotel „Habsburg“ am Markt wartet auf Renovierung.

Der riesige Meierhof am Fuße des Schloßhügels steht leer und verfällt, und das wappengeschmückte Eingangsportal zur Parkseite ist zugemauert. Ratsherr Zdenek Rydygr bezweifelte die Möglichkeit einer Wiederherstellung. Immerhin hat er im geräumigen Gebäude der Papierfabrik der Familie Held, die er heute weiterführt, ein privates Museum zur Geschichte dieser sudetendeutschen Familie und der Maskenfabrikation eingerichtet, dem man weiteren Ausbau wünschen möchte.

Den großen Schloßpark schmücken zahlreiche Niken und Karyatiden, die freilich ebenfalls einer Restaurierung bedürften. Im Ort sind neben einer alten Steinbrücke über den Zwittebach, auf der in diesem Herbst in sudetendeutsch-tschechischer Gemeinsamkeit ein Versöhnungskreuz anstelle einer früheren Heiligenstatue errichtet werden wird, noch eine ganze Reihe alter Block- und Umgebindehäuser zu entdecken, die die Zeiten und auch große Überschwemmungen der letzten Jahre überstanden haben.

„Gott verbindet uns“, wird auf dem neuen Kreuz in beiden Sprachen zu lesen sein. Es verbinden uns aber auch die Höhepunkte und Erschütterungen der Geschichte, die in die Gegenwart hereinwirken als Auftrag an ein menschlicheres Miteinander.

Rüdiger Goldmann (KK)

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