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Ausgaben: Ausgabe 1360.

Fremder Blick schärft den eigenen

Eine französische Biographie: Antoine Marès: Edvard Beneš. De la gloire à l’abime. Entre Hitler et Staline / Epilog. Pervin, Paris 2015, 502 S.

22.-Oct.-45In seiner Biographie präsentiert der Historiker Antoine Marès Eduard Beneš als Politiker, der stark polarisiert: Von etlichen Historikern gibt es für ihn nur Lob, von anderen wird er regelrecht verteufelt. Die Herausforderung für den Historiker bestand darin, diese beiden Extreme zu vermeiden, indem der Akzent auf die enge Beziehung zwischen dem Menschen Beneš und den Zwängen seiner Zeit gelegt wird. Dabei konzentriert sich die Auseinandersetzung von Marès mit dieser Persönlichkeit der Zeitgeschichte auf zwei Themen: die Sudetenfrage und die Kontroverse um die Rolle des Politikers in der Zeit von 1938 bis 1948.

Das Buch hebt die Brüche in der Biographie von Beneš hervor, seien sie sozial (er stammte aus sehr bescheidenen Verhältnissen und hat es innerhalb kurzer Zeit zum höchsten Amt im Staate geschafft), politisch (auf ein Kaiserreich – die k. u. k. Monarchie – folgte eine Republik und später eine „vorsowjetische Welt“) oder strategisch (er war zunächst Befürworter eines föderalen habsburgischen Mitteleuropas, dann wurde er Anhänger einer radikalen Unabhängigkeit der Tschechoslowakei mit Frankreich als Vorbild, und zuletzt sah er sich als Vermittler zwischen Ost und West, was ihn in Richtung UdSSR zog). Zu diesen Brüchen kommt bei Beneš der starke Unterschied zwischen Handeln und Rhetorik. Stets bedient er sich der Kraft des Wortes als politisches Mittel.

Tatsache ist aber auch, dass er als Politiker feste Überzeugungen hatte. Beneš war ein überzeugter Demokrat und ein sozialer Politiker, daher sein „Flirt“ mit den beabsichtigten Gesellschaftsänderungen der russischen Kommunisten. Viel mehr als ein Parteimensch war er allerdings ein Politiker mit einem starken nationalen Ideal. Seine „Partei“ war der tschechische Staat. Mehrmals im Laufe seiner politischen Laufbahn hat er seine Meinung geändert, aber in dem Glauben an die nationale Dimension seines Auftrages ist er sich treu geblieben. Er war der Meinung, man müsse sich den Umständen anpassen, um das Wesentliche zu bewahren: die Einheit der Nation und den Staat. Dabei spielte die Münchner Konferenz als psychologisches und politisches Trauma eine Schlüsselrolle und hat seine Zeit als Präsident der Republik geprägt.

Auf seine Liebe zu Frankreich in den 20er Jahren und sein grenzenloses Vertrauen in das Land, das an Verblendung grenzt, folgt nach dem Zweiten Weltkrieg das Bestreben, München vergessen zu machen. Nach dem Schock der Münchner Konferenz versucht er sich an die Illusion eines uneigennützigen Schutzes durch die UdSSR zu klammern und erntet von seinen Widersachern den Vorwurf des Machiavellismus. Um dies zu verstehen, muss man auch psychologische Aspekte seiner Persönlichkeit berücksichtigen. Frühe politische Erfolge und ein gewisses Talent, seine Ansprechpartner zu überzeugen, haben ihn dazu gebracht, sich als Schöpfer der Tschechoslowakei zu sehen, und dieser Kraftakt verleiht ihm bis 1938 sehr viel Selbstvertrauen.

lm Jahre 1945 ist er davon überzeugt, dass er ein zweites Mal triumphiert hat, indem es ihm gelungen ist, „München zu löschen“ und die Tschechoslowakei wiederherzustellen. Dafür ist ihm die Bevölkerung dankbar, sodass sein Selbstvertrauen unerschüttert bleibt. Allerdings hat er die Gefahren der neuen politischen Situation mit dem heraufziehenden Kalten Krieg nicht richtig eingeschätzt. Er glaubt immer noch an die Möglichkeit, die Unabhängigkeit seines Landes zu bewahren, und seine antikommunistischen Widersacher werden ihm bald, auch zu Recht, den Vorwurf machen können, er habe sich in die Höhle des Löwen begeben.

Marès präsentiert Meinungen diverser tschechoslowakischer Politiker und Historiker über Beneš, um hervorzuheben, dass sein Verhältnis zum Marxismus und zur UdSSR in dieser Auseinandersetzung eine zentrale Rolle gespielt hat. Ihm wird sein „Verrat vom Februar 1948“ bei der Machtübernahme der kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei vorgeworfen. Für seine Gegner bleibt Beneš der Mann einer doppelten Kapitulation (München 1938 und Februar 1948) und zweier fataler Entscheidungen: die Abschiebung der deutschen Bevölkerung und die UdSSR zum privilegierten Verbündeten gewählt zu haben. Für seine Anhänger dagegen gilt Benes als Demokrat, der jede Form von Extremismus verabscheut hat, und als Patriot mit starken nationalen Überzeugungen

Als Schluss hebt Marès hervor, dass Beneš das tschechoslowakische demokratische Modell und den europäischen Pazifismus (siehe seine Vermittlerrolle im Völkerbund) verkörpert. Die Abschiebung der deutschen Bevölkerung bleibt aber wie ein unlöschbarer Fleck auf einer Vita, die dem Bürgerfrieden und dem internationalen Frieden gewidmet war.

Christelle Goarnisson (KK)

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