Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1265.

Früchte des „Mutes, sich zu erinnern“

Bereits der Titel des neuesten Erzählbandes von Margot Ehrich spricht eine Einladung zu Abenteuern in einem fernen, wenig bekannten Land aus, wie der Tierfilm „Madagaskar“, der in den Kreisen der jungen Filmbesucher unlängst großen Widerhall fand. Zumindest die Enkel der Rezensentin jubelten angesichts der verheißungsvollen Überschrift des Buches. Nicht minder irreführend erweist sich das Buchcover, für das ein Kindheitsfoto der Verfasserin verwendet wurde. Der Kontrast zum tiefgründigen Inhalt des Bandes könnte nicht größer sein. Denn nach Lektüre wird man feststellen, daß der Titel auf den Ruf des vom Weltgeschehen in unerreichbare Ferne getriebenen Freundes zurückgeht. Was das niedliche Foto angeht, so verniedlicht es keineswegs, sondern es hebt nur noch mehr die erzählte Zerstörung des Paradieses der Kindheit hervor.

In jedem ihrer Bücher wiederholt sich die Erinnerung an Krieg und Vertreibung in der Kindheit. Margot Ehrich spricht vom „Mut, sich zu erinnern“. Denn die Erinnerung reißt alte Wunden immer wieder auf. Mut auch, weil die Welt, in der wir leben gerne Augen und Ohren vor dieser Vergangenheit verschließt. Nicht zuletzt auch,  weil die Verfasserin das Risiko eingeht, von gewissen Kreisen als unverbesserlich rückwärtsgewandt eingestuft zu werden. Auch als ideenarm.

Doch fordern diese Geschichten,  erschütternde Zeugnisse der „Abgründe der Weltgeschichte“, unsere Teilnahme heraus. Liebevoll werden Vorfahren und Mitglieder der Familie in der Absicht gezeichnet, ihnen ihr Gesicht wiederzugeben. Die Verfasserin läßt ehemaliges Wohnmilieu, Anwesen, Gepflogenheiten, sprachliche Eigentümlichkeiten, eine ganze einstige Welt mit Menschen und ihren Schicksalen wiedererstehen. Die Großmutter aus Hoyerswerda spielt dabei in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Um so schmerzhafter wird daher die trennende Mauer, der „Wahnsinn im Leben“ des aus Leitmeritz vertriebenen, aus der DDR geflohenen Mädchens und der in „Einsamkeit“ versunkenen Großmutter im Osten empfunden. Das sensible Kind, das die verlorene Heimat später „wie eine Ausgrabung besichtigen“ darf, erlebt schmerzhaft die gefühlte Mitschuld an den NS-Verbrechen. Um so wohltuender erfährt sie die Haltung einiger Tschechen, die sich darüber schlicht hinwegsetzen. Die Flucht, die Trennung der Menschen infolge der Kriegsgeschehnisse, die deutsche Teilung und die späte Wiedervereinigung bilden thematische Schwerpunkte.

Margot Ehrich zeichnet ein sehr moderner sprachlicher Ausdruck aus, dem eine starke gedankliche Konzentration zugrunde liegt. Durch die sensible Innensicht eines ausweglosen Leidens an der Welt, an der auseinandergerissenen Familie, an der zerstörten Kindheit und der verlorenen Heimat atmen ihre Geschichten einen feinen poetischen Zauber.

Margot Ehrich behandelt ein über Jahrzehnte aktuell gebliebenes Thema und erschafft dabei ein vielschichtiges Erinnerungsdokument. Sie zeigt ihre Kindheit, wobei sie eine ethisch fundierte Reflexion über kollektives Geschehen liefert.

Julia Schiff (KK)

Margot Ehrich: Komm nach Madagaskar. Rimbaud Verlag, Aachen 2008. 106 S., 15 Euro

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