Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Frühling im Herbst

Oberschlesien ist ein Territorium, in dem vieles begonnen wird und mehr gelingt, als man sich hätte vorstellen können

Der Herbst bietet oft wenig Anlaß zur Freude, zumindest was das Wetter betrifft. In politischer Hinsicht steht er dagegen seit 1989 für Einigkeit, Recht und Freiheit. Über den binnendeutschen Raum hinaus ist diese Jahreszeit zum Synonym für Aufbruchsstimmung geworden.

Auch all jene, die in den letzten Monaten durchs Oppelner Schlesien reisten, konnten einen frischen Wind spüren, ausgehend vom Willen zur kulturellen Selbstbehauptung. Waren es in den frühen neunziger Jahren die basisdemokratisch von den Deutschen Freundschaftskreisen (DFKs) angeregten Impulse, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung durch die polnischen Kommunisten auf eine Rückkehr zu den oberschlesischen Wurzeln zielten, so geht der neuerliche Aufbruch im wesentlichen auf die eigenen politischen Spitzenvertreter zurück. Statt der in der Ära Kroll mit millionenschweren bundesdeutschen Fördermitteln betriebenen einseitigen Unterstützung von Infrastrukturmaßnahmen und anderen wirtschaftlichen Vorhaben steht nun die sprachlich-kulturelle Identitätsförderung im Vordergrund. Wieviel es hier zu tun gibt, machen Schätzungen deutlich, wonach höchstens in fünf bis sieben Prozent der deutschgeprägten oberschlesischen Familien das Deutsche als Alltagssprache verwendet wird.

Die neuen jüngeren Führungspersönlichkeiten Bernard Gaida, seit Mai an der Spitze des Verbandes der deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG), sowie Norbert Rasch, der im April 2008 zum Vorsitzenden der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) gewählt wurde, konnten im Zusammenwirken mit andern Vertretern der Volksgruppe erste Erfolge verzeichnen. Zunächst sind in diesem Zusammenhang die seit September letzten Jahres in Oberschlesien aufgestellten zweisprachigen Ortsschilder zu nennen. Wer von Oppeln aus in südöstlicher Richtung nach Groß-Strehlitz fährt, kann ermessen, was VdG-Chef Gaida damit meint, wenn er von der „Symbolik der Plätze“ und den psychologischen Folgewirkungen einer erhöhten Sichtbarkeit der deutschen Sprache im alltäglichen Umfeld redet. Schon gibt es nicht nur eine Reihe deutsch-polnischer Ortstafeln, sondern erste Gaststätten, die mit zweisprachigen Beschilderungen werben.

Auch die seit Oktober zunächst in 13 Ortschaften angebotenen „Samstagsschulen“ dienen in erster Linie der Stärkung der unterentwickelten Identität der heimatverbliebenen deutschen Oberschlesier. Diese dreistündigen Kurse mit je zehn Unterrichtsveranstaltungen sollen in deutscher Sprache die angestammte Kultur behandeln und erfreuen sich laut Norbert Rasch großer Beliebtheit. Aus immer neuen Dörfern kämen Anträge auf Teilnahme an diesen von bezahlten Lehrkräften durchgeführten Programmen.

Doch sowohl Norbert Rasch als auch Bernard Gaida betonten im Gespräch mit dem Verfasser, daß dieses Angebot nur eine „Ergänzung“ sein könne zum nunmehr anstehenden Aufbau bilingualer und als Ziel auch vereinzelter muttersprachlicher deutscher Minderheitenschulen und Kindergärten. In den kommenden Jahren solle zunächst in jedem der fünf Landkreise des Bezirks Oppeln (Woiwodschaft Opole) eine bilinguale Schule in SKGD-Trägerschaft entstehen. Den Anfang will man im Herbst 2010 mit einer Grundschule in Oppeln-Goslawitz machen. Darüber hinaus betont Gaida die Notwendigkeit, sich um Deutschunterricht für die vielen Berufsschüler zu kümmern, was lange „vergessen“ worden sei. In diesem Zusammenhang sehe er es als ermutigendes Signal, daß oberschlesische Berufsschüler künftig im Rahmen eines EU-Projekts für ein Jahr in das Bundesland Thüringen in ein neuartiges Ausbildungszentrum geschickt werden könnten.

Die größten Schwierigkeiten für bildungspolitische Fortschritte gehen von polnischen Verwaltungsorganen aus sowie von der Problematik der Auswahl geeigneter Lehrkräfte und Gebäude und der Sicherstellung hinreichender Schülerzahlen. Am meisten Kraft und Geschick wird es aber wohl kosten, die durch die zurückliegende Zeit der Enttäuschungen entmutigte Basis der Volksgruppe, insbesondere die vielen Deutschen Freundschaftskreise (allein in der Woiwodschaft Oppeln gibt es noch 320 dieser DFKs), einzubeziehen und zu eigenem Tun zu bewegen. Dies kann nur schrittweise erfolgen, unter Berücksichtigung fortwirkender Ängste vor möglichen Nachteilen, die im Gefolge eines eindeutigen sprachlich-kulturellen Bekenntnisses von polnischer Seite drohen könnten.

So gibt es im landwirtschaftlich geprägten Oppelner Umland seit Jahren in etlichen Dörfern kleine Schulen, die wegen Schülermangels (auch in Oberschlesien gibt es viel zu wenige Kinder) von der Schließung bedroht sind. Mancherorts entstanden Vereine, die notgedrungen den Grundschulbesuch vor Ort in privater Trägerschaft zu erhalten trachten. Dies geschah auch in Dörfern mit deutschen Bürgermeistern, bezeichnenderweise ohne daß irgendwelche Anstrengungen unternommen wurden, diese Privatschulen bilingual mit polnischer wie deutscher Unterrichtssprache aufzuziehen.

Daß sich die tiefsitzende resignative Haltung mit viel Beharrlichkeit überwinden läßt, zeigt das Beispiel der Dorfschule von Raschau (Raszowa). Denn während rein polnischsprachige Privatschulen mit den nach einem Pro-Kopf-Schlüssel aus Warschau zugewiesenen Geldern wirtschaftlich in der Regel nicht über die Runden kommen, ist die Ausgangslage für private Schulen mit Minderheitenprofil günstiger, da diese finanzielle Zulagen erhalten. Diese Gesetzeslage sowie die allgemein minderheitenfreundlichen Bestimmungen der seit 2003 geltenden Warschauer Bildungsverordnung ermöglichten in dem auf halber Strecke zwischen Oppeln und Groß-Strehlitz gelegenen, knapp 800 Einwohner zählenden Ort die Gründung einer durch den Verein „Pro Liberis Silesiae“ getragenen Privatschule. Diese führt die bisherige staatliche Dorfschule fort und wurde zum Schuljahresbeginn am 31. August offiziell eröffnet – zur Freude des Bürgermeisters, des Pfarrers und der großen Mehrheit der Elternschaft. 13 Lehrer arbeiten in Raschau, wobei beginnend mit der neuen ersten Klasse – abgesehen von den Fächern Polnisch, Geschichte und Erdkunde – zweisprachig gelehrt wird (integrierter Unterricht), während die anderen fünf Grundschulklassen in Ermangelung ausreichender Deutschkenntnisse auf polnisch weitergeführt werden.

Um diesen Mißstand dauerhaft zu beheben, ist der Schule auch der örtliche Kindergarten angeschlossen, in dem der Nachwuchs schon jetzt ganz selbstverständlich mit Polnisch und Deutsch heranwächst. Letzteres wird durch eine vom Stuttgarter Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) gestellte Pädagogin vermittelt.

Nicht nur die in Eigenarbeit renovierten und geschmackvoll gestalteten Räumlichkeiten der Raschauer Dorfschule machen Eindruck, sondern auch der über den reinen Lernstoff weit hinausgehende pädagogische Anspruch, der sich beispielsweise in den zahlreich angebotenen nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften und der regelmäßigen Einbeziehung der Elternschaft (Bastelabende, Einführungen in die Prinzipien der Montessori-Pädagogik u.a.) ausdrückt. Erst kürzlich regte die Grundschulleitung an, daß am 10. November erstmals überhaupt in Raschau ein Martinsumzug mit Laternen stattfand. Dieses Brauchtum gilt in Polen trotz seines katholischen Ursprungs als rein deutsches Kulturerbe, das nicht gepflegt wird.

Auch wenn bis zur Schaffung einer größeren Zahl von Schulen und Kindergärten in SKGD- oder anderweitiger privater Trägerschaft noch viele Hindernisse zu überwinden sind, so ist die deutsche Volksgruppe in Oberschlesien doch auf gutem Weg. Um aber letztlich erfolgreich zu sein, wird der polnische Staat den Beweis erbringen müssen, daß er es mit seiner in der Theorie lobenswerten Minderheitengesetzgebung ernst meint, indem er sich finanziell als verläßlicher Partner erweist und den Standards der im Februar 2009 von Warschau unterzeichneten Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen auch in der Praxis Rechnung trägt. Darüber hinaus wird es solidarischer Hilfen aus dem binnendeutschen Raum bedürfen, damit aus dem herbstlichen Aufbruch in Oberschlesien ein minderheitenpolitischer Frühling wird.

Martin Schmidt (KK)

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