Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1389.

Für die vielen Wenigen, wider die Heimatamputation

Hartmut Koschyk neigt sich in einem Buch über menschliche Gebrechen, von Menschen gemacht und leider immer von Neuem

Ein skeptischer Optimist, dessen Name in vielen Ländern einen guten Klang hat und sich selbst in kiryllischer Schrift keineswegs fremdartig ausnimmt: Hartmut Koschyk
Bild: Wikimedia Commons

Die Zahl der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge vieler Völker allein im Europa des 20. Jahrhunderts ist unübersehbar; in Deutschland sind es etwa zwölf Millionen Menschen. Dazu kommen viele Millionen von deutschen Aussiedlern, die vor allem aus osteuropäischen Ländern und der Russischen Föderation vor und nach 1989/1990 nach Deutschland gekommen sind. Schließlich gibt es aufgrund der politischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts und der mit ihnen vollzogenen, oft willkürlichen staatlichen Grenzziehungen nach Angaben der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten (FUEN) europaweit etwa 100 Millionen Angehörige von Minderheiten.

Hinter diesen gigantischen Zahlen verbergen sich Einzelschicksale von Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat unter unsäglichen Bedingungen zu verlassen, um – wenn sie auf den Fluchtwegen überlebten – irgendwo im Unbekannten eine neue Existenz aufzubauen, die vielleicht irgendwann zu einer neuen Heimat werden konnte. Wer, wie zahlreiche Minderheiten, in der Heimat verbleiben konnte, wie in Russland oder Polen, sah sich oft von heute auf morgen in einem fremd gewordenen Land, in dem die Muttersprache nicht mehr gesprochen wurde, ja verboten war, in dem neue politische und gesellschaftliche Verhältnisse herrschten und wo man lange mit feindlich gesinnten Nachbarn zusammenleben musste, bis sich – oft erst nach vielen Jahren – die Lage entspannte und man friedliche und freundschaftliche Beziehungen knüpfen konnte.

Es gibt viele Berichte und Dokumentationen, Erzählungen, Romane und inzwischen auch Filme, die versuchen, das Unsagbare dieser apokalyptischen Ereignisse zur Sprache zu bringen oder Schrecken und Leid ins Bild zu setzen. Man vermeidet bei diesen Versuchen möglichst die Drastik des realen Geschehens, das der Zeitzeuge leidvoll und bleibend vor Augen hat. Wie sollte man auch die bisher in der Menschheitsgeschichte unvorstellbare Wucht derartiger willkürlicher und gewaltsamer „Bevölkerungsverschiebungen“ außerhalb des Erlebens fassbar, begreifbar, verstehbar machen.

Vielleicht ist das der Grund, warum es bisher keine zusammenfassende Darstellung gibt, die sich der monströsen Unübersichtlichkeit dieser menschlichen Tragödien annimmt und zugleich dem Versuch einer Klärung zuwendet. Es gehört mehr dazu als wissenschaftliche Akribie oder statistische Genauigkeit, sich einer solchen Aufgabe zu widmen. Die gebotene Sachlichkeit wird bei diesem Thema gerade nicht erreicht, wenn man sich ihm mit kalter Vernunft und unbeteiligtem Herzen nähert.

Hier waren sie einst die Mehrheit, heute sind sie eine verschwindende Minderheit, aber von überall strömen sie zusammen zur eigenen Feier: Sachsentreffen in Kronstadt, Siebenbürgen
Bild: Ausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm, siehe Seite 14

Empathie für das Schicksal des Nächsten gehört nicht zu den Stärken des modernen Zeitgenossen. Das Vermögen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, wirklich mit ihnen zu leiden, mit ihnen zu empfinden, erfordert die Fähigkeit des Hörens und des Sehens, auch des Nachdenkens, des Ernstnehmens, wenn der Blick den anderen erfasst. Empathie kann man lernen, aber sie ist weder Schul- noch Studienfach. Sie kann auf anderen, beschwerlicheren Wegen erworben werden, wenn die Bereitschaft vorhanden und die Kraft, sich einer oberflächlichen Gesellschaft zu widersetzen, gegeben ist. Empathie ist keine politische Kategorie, aber es gibt Politiker mit Empathie. Ein solcher ist Hartmut Koschyk, der von 2014 bis 2017 das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten innehatte. Wie viele Politiker vor ihm hat Koschyk jetzt ein Buch geschrieben, dessen Titel „Heimat, Identität, Glaube“ ein umfassendes Programm beschreibt, mit dem sich der Autor dem Schicksal der Vertriebenen, Aussiedler und Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik zuwendet.

Dieses Buch ist jedoch kein typisches Politikerbuch. Wer selbst Zeitzeuge ist, die zurückliegenden 70 Jahre überblickt und jahrzehntelange Erfahrungen mit Politikerbüchern hat, registriert bei der Durchsicht von Koschyks Rechenschafts- und Erfahrungsbericht, dass hier jemand in die Tiefe gegangen ist, Zusammenhänge aufgespürt und nachgedacht hat. Hinter jeder Zeile stecken erlebte Erkenntnis, Erfahrung, intensives Studium und Empathie. Es ist außergewöhnlich für einen Politiker, dass er in dem Buch nicht die eigene Tat in den Vordergrund stellt, sondern das Sachthema historisch, inhaltlich und konzeptionell wie detailliert entfaltet wird. So ist ein bedeutendes Lehr- und Geschichtsbuch entstanden, an dem niemand vorbeikommt, dem ernsthaft an der Sache gelegen ist. Seine Thematik ist ein zu entdeckender Schatz, nicht nur ein deutscher, sondern ein europäischer.

Zwischen Hell und Dunkel, zwischen Bewegung und – künstlerischer – Fixierung: Ein Rückblick auf das letzte halbe Jahrhundert wie der von Hartmut Koschyk ist nicht zur Erbauung angetan, aber er kann auch die Zukunft erhellen
Bild: Kunstforum Ostdeutsche Galerie, aus der Sonderschau, Seite 28

Zudem ist es außergewöhnlich, dass in diesem Buch nach den Kapiteln über Heimat und Heimatverlust der Vertriebenen sowie Identität und Identitätsverlust bei Aussiedlern und Minderheiten in einem abschließenden Krönungskapitel die religiöse Dimension der Vertriebenen- und Minderheitenfrage aufgeschlüsselt und damit der tiefere Zusammenhang der gesamten Abhandlung in das Licht des Christentums gestellt wird.
„In Europa müssen wir – bei aller Offenheit gegenüber anderen Religionen und ihrem Beitrag zur Kultur – unsere Bemühungen vereinen, die christlichen Wurzeln, Traditionen und Werte zu bewahren, die Achtung der Geschichte zu gewährleisten sowie zur Kultur des künftigen Europa, zur Qualität der menschlichen Beziehungen auf allen Ebenen beizutragen“ (Gemeinsame Erklärung von Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomäus I. am 30. November 2006 in der Türkei).

In diesem Geiste schreibt Hartmut Koschyk ein engagiertes Plädoyer für die Minderheiten in Europa, die durch ihre Leiden hindurch zu friedlichen Brückenbauern, Kulturträgern, Sprachmittlern und Netzwerkern geworden sind. Koschyk schreibt die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus einer Perspektive, wie sie bisher in keinem Geschichtsbuch eingenommen wird, er beschreibt die politischen und gesellschaftlichen Konflikte, vor allem in den 1960er und 1970er Jahren, die für die eine Seite reine Taktik, für die andere existentielle und schmerzhafte Herzensanliegen waren.

Er liefert in den ersten drei Kapiteln seines Buches eine konzeptionelle Leitlinie für das im Koalitionsvertrag vom November 2005 beschlossene „Sichtbare Zeichen“ zur gesellschaftlichen wie historischen Aufarbeitung von Zwangsmigration, Flucht und Vertreibung, das es bis heute nicht gibt. Zudem zeigt das Kompendium dem Kenner, dass nichts, was in diesem Buch steht, nicht von dem Autor selbst erforscht und ergründet wurde.

Das erste Kapitel ist ein historischer Überblick vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Ausgehend von Grundgedanken zu Heimat und Vaterland wird die Situation auf dem Balkan und im Osmanischen Reich, einschließlich des Genozids an den Armeniern, und im zaristischen Russland analysiert. Eingehend wird die prekäre Situation nach dem Ersten Weltkrieg erörtert mit den problematischen Grenzziehungen nach den Pariser Vorortverträgen und der Unbestimmtheit und deswegen Unwirksamkeit des von Präsident Wilson propagierten Selbstbestimmungsrechts. Verdienstvoll ist die Kritik des Vertrages von Lausanne vom 24. Juli 1923, auf dessen Basis Bevölkerungsumsiedlungen als ein selbstverständliches Instrument der Konfliktvermeidung üblich wurden. Der Vertrag hatte unselige Fernwirkungen bis zu den Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Auch die Fernwirkung des Treffens der späteren Siegermächte 1943 in Teheran wird erst heute im Rückblick transparent. Stalin bestand in Teheran auf der weiteren Gültigkeit seines Abkommens von 1939 mit Hitler, das dieser durch den Überfall auf die Sowjetunion gebrochen hatte. Er bestand auf der vereinbarten Grenze, die bis heute die Ostgrenze Polens ist, und er forderte das Königsberger Gebiet, das bis heute Teil der Russischen Föderation ist. In Jalta und Potsdam wurden die Teheraner Vereinbarungen, denen Frankreich 1944 in Moskau zugestimmt hatte, lediglich festgeschrieben.

Das ist der Grund, warum nach 1945 Königsberg nur noch einmal, dazu lediglich implizit, Gegenstand politischer Auseinandersetzungen wurde, als Bundeskanzler Adenauer 1951 mit den Hohen Kommissaren über den Deutschlandvertrag verhandelte. Den in diesem Vertrag festgelegten Begriff der Wiedervereinigung wollte Adenauer auf die Grenzen von 1937 ausdehnen, was die Alliierten strikt ablehnten; sie vertraten damit die Position der Sowjetunion. Man konnte sich nicht einigen. Dennoch wurde seitdem, wie schon in der Präambel des Grundgesetzes vom 23. Mai 1949, von der „Wiedervereinigung des deutschen Volkes“ gesprochen, das sich nach Flucht und Vertreibung im Wesentlichen auf dem Gebiet der vier Besatzungszonen, später der Bundesrepublik und der DDR, befand. Von den Grenzen von 1937 sprach bis Mitte der 1960er Jahre nur die SPD. Die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge behielten die Vision teilweise bis 1990 in ihrer Vorstellung.

In seinem zweiten Kapitel behandelt Koschyk ausführlich die Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone, wo es den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen als „Übersiedlern“ verboten war, über ihr Schicksal zu sprechen, in der Bundesrepublik und in den Staaten unter kommunistischer Herrschaft, um abschließend die Entwicklung nach der Wiedervereinigung in den Blick zu nehmen, in der die Aussiedler, insgesamt 4,5 Millionen bis 2014, und die in ihrer Heimat verbliebenen Minderheiten in den Fokus der Politik und des Paragraphen 96 BVFG gelangten.

Das dritte Kapitel spannt den Bogen von der Charta der Heimatvertriebenen (1950) über die Integration der Flüchtlinge und die ersten Gesetzeswerke der Bundesrepublik bis zur konfliktgeladenen Auseinandersetzung um die Ostverträge Anfang der 1970er Jahre und die Turbulenzen um die Jahrtausendwende bis zur sich immer mehr stabilisierenden Brückenfunktion der Vertriebenen und Minderheiten in den letzten beiden Jahrzehnten.

Man muss sich vor Augen führen, dass es 1949 noch 465 Flüchtlingslager in der jungen Bundesrepublik gab, von denen die letzten erst 1957 aufgelöst wurden. In Schleswig-Holstein lag Anfang der 1950er Jahre der Anteil der Vertriebenen bei 33 Prozent, in Niedersachsen bei 27,2, in Bayern bei 21,1 Prozent. Nach der Währungsreform 1948 musste für die negativ von der Reform betroffenen Flüchtlinge ein Soforthilfe-Programm auf den Weg gebracht werden, das ihre Notlage mildern sollte. Das Lastenausgleichsgesetz (LAG) wurde erst am 16. Mai 1952 und das BVFG, das Bundesvertriebenengesetz, erst am 19. Mai 1953 verabschiedet.

Hartmut Koschyk schildert spannend und einfühlsam die zeitgeschichtlichen Konflikte um die Ostdenkschrift der EKD 1965 und die Ostverträge nach der Kehrtwende der SPD 1968. Wer den Niedergang des BHE, die Zerreißproben im BdV und die persönlichen Schicksale von Linus Kather, Reinhold Rehs, Herbert Czaja und Herbert Hupka nachvollzieht, kann heute noch ermessen, welche menschlichen Tragödien sich vor dem Hintergrund nüchtern erscheinender politischer Prozesse abspielten.

Während sich später in den 1990er Jahren auf der einen Seite eine Haltungsänderung gegenüber den Flüchtlingen, vor allem im linken politischen Spektrum, vollzog und „Spätberufene“ auf einmal das Vertreibungsschicksal für sich entdeckten, Bücher schrieben, wie Klaus Bednarz oder Günter Grass, oder Filme drehten wie „Die Flucht“ oder „Der Untergang der Gustloff“, setzte der neu berufene Staatsminister Naumann das „Schlachtermesser“ an, wie der BdV kritisierte, und vernichtete 1999/2000 mit seinem Gehilfen Nevermann die Existenzgrundlage von fast einem Dutzend in Jahrzehnten bewährten kulturellen Einrichtungen der Vertriebenen, wie die Kulturstiftung und den OKR. Bis heute wurde dieser Fehlgriff nicht korrigiert – eine Wiedergutmachung fand auch nach 2005 nicht statt.

Immerhin gibt es seit dem 28. August 2014 den „Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung“, der am 20. Juni 2015 mit einer Gedenkrede von Bundespräsident Joachim Gauck erstmals begangen wurde.

Eine besondere Geste des Autors ist das Gedenken an die Präsidenten des BdV. Ausführliche Lebensbilder widmet er Herbert Hupka und Otto von Habsburg, spezielle Beispiele für lebendige Arbeit als Brückenbauer schildert er aus Ungarn und Rumänien.

Im vierten Kapitel, das fast die Hälfte des Buches umfasst, gibt Hartmut Koschyk einen detaillierten Einblick in seine langjährige Arbeit als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten. Man erkennt, dass er sich auf dieses Amt nicht nur sehr gut vorbereitet hat, sondern dass auch sein Herz für diese wichtige Aufgabe schlägt. Die über 20 vorgestellten Minderheiten in Deutschland und Europa hat Koschyk persönlich kennengelernt, mit zahlreichen Betroffenen gesprochen und sich vielfältig engagiert. Seine Besuche hat er fundiert vorbereitet, sich die historischen Zusammenhänge erschlossen, seine zahlreichen Gespräche ausgewertet. Das kann der Rezensent aus mehrfacher persönlicher Erfahrung in der Ukraine, in Rumänien, in Ungarn und in Kroatien bezeugen. Diese Arbeit war ihm immer Herzensanliegen, verankert in seinem christlichen Glauben.

In seinem letzten, seinem Krönungskapitel beschreibt Koschyk seine Perspektive der religiösen Dimension, nach der wir Deutschland und Europa in ihren Identitäten nicht erkennen, wenn wir nicht akzeptieren, „dass das Christentum unser Land wie auch unseren Kontinent nachhaltig geprägt hat und immer noch prägt“. Koschyk betont das Menschenbild des Christentums, die Einheit des Menschengeschlechts, „die Gleichwertigkeit aller, die von Gott erschaffen sind; die Einmaligkeit eines jeden einzelnen Menschen, in dem sich ein Gedanke Gottes verkörpert, der die Würde eines jeden Menschen begründet. (…) Der säkulare Staat stiftet keinen Lebenssinn; er sättigt nicht die transzendentalen Bedürfnisse des Menschen“, stellt Koschyk fest.

Der Autor referiert die Aussagen der katholischen Kirche, insbesondere der letzten Päpste Benedikt XVI. und Franziskus, zu allen Fragen des Minderheitenschutzes im Sinne der Achtung der Menschenwürde. Er widmet sich der Evangelischen Kirche und geht noch einmal auf die wegweisende Bedeutung der Ostdenkschrift ein, die auch ein zutiefst notwendiges Seelsorgeanliegen für die Vertriebenen formulierte, und er schließt mit einem Plädoyer für die Ächtung von Vertreibungen, für ein natürliches Heimatbewusstsein und einen auf christlichen Wurzeln fußenden Patriotismus als beste Grundlage für ein friedliches europäisches und globales Zusammenleben: „Die Europäische Union ist nur dann eine glaubwürdige Wertegemeinschaft, wenn die Würde jedes Menschen auf der Grundlage unseres christlichen Wertefundaments auch mit Blick auf religiöse oder nationale Minderheiten Maßstab für jeder Politik ist“.

Das Buch wird ergänzt durch ein kurzgefasstes Literaturverzeichnis, ein Personen- und ein Ortsregister. Zusätzlich wären sicher eine Übersichtskarte und ein Zeitplan für jüngere Leser nützlich gewesen.

Klaus Weigelt (KK)

Hartmut Koschyk: Heimat – Identität – Glaube. Vertriebene – Aussiedler – Minderheiten im Spannungsfeld von Zeitgeschichte und Politik. St. Ottilien 2018, 463 Seiten.

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