Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Für „entsetzte und hoffnungsvolle Menschen“

Der Czernowitzer Schriftsteller Josef Burg ist tot

Nein, heute ist es keine Weltreise mehr nach Czernowitz. Es ist allenfalls ein wenig beschwerlich, und ganz sicher trifft man auf eine andere Welt. Aber es ist nicht die Welt von 1912. In jenem Jahr übersiedelte die Familie von Josef Burg von Wischnitz in den Karpaten nach Czernowitz. Dem damals Zwölfjährigen kam dieser Umzug wie eine Weltreise vor. In seinem Geburtsort Wischnitz lebten vor dem Ersten Weltkrieg etwa 6500 Menschen, davon etwa 300 Nichtjuden.

Die Lingua franca war also Jiddisch, auch für den Rest der Bevölkerung. Zu diesem Zeitpunkt gehörte dieser Landstrich noch zur k.u.k. Doppelmonarchie. In Czernowitz blickt Josef Burg aus dem Fenster der elterlichen Wohnung und erschrickt: Er erblickt eine Straßenbahn. Die fährt von selbst!

1918 wurde die Bukowina rumänisch. Eine der Folgen: Der Antisemitismus nahm zu. Viele Juden verließen Czernowitz. Manche für immer, manche zum Studium. „Bukowiener" wurden sie genannt, z.B. Paul Celan, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori (ausnahmsweise kein Jude). Josef Burg ging 1934 nach Wien zum Studium der Germanistik. Unmittelbar zuvor hatte er in den „Czernowitzer Bletern" seine erste Erzählung veröffentlicht – auf jiddisch.

In Wien muß er den Anschluß Österreichs an Nazi-Deutschland miterleben. Aus der Flucht nach London wird nichts, obwohl er fast sämtliche gültigen Papiere hat. Lediglich die Deutschen geben ihm kein Durchreisevisum. Nach der Rückkehr nach Czernowitz muß er feststellen, daß er nicht einmal mehr rumänischer Staatsbürger ist. Mit dem Einmarsch der Sowjets 1941 in Rumänien verbindet er Hoffnungen auf ein menschenwürdiges Leben unter dem Kommunismus. Diese Hoffnungen werden bitter enttäuscht.

Nach Umwegen über Samarkand/Usbekistan und Iwanowno bei Moskau kommt Josef Burg 1959 zurück: „Als ich nach Czernowitz kam, stieg ich aus dem Zug und wußte, daß ich niemanden mehr hier habe. Wohin gehen? Zu wem? Ich kam in eine Stadt, in der ich mein ganzes junges Leben verbracht hatte, in der ich Schriftsteller geworden war und Mensch – aber ich kannte dort niemanden. Ich hatte das Gefühl, daß die Steine unter meinen Füßen weinten. Ich kam mit meiner Frau und meiner Tochter, und ich kam, um zu bleiben." So Josef Burg im Interview mit Michael Martens 1998. Das ist ein Schicksal, das er mit der vor gut einem Jahr gestorbenen Lenka Reinerová teilt. Auch sie kam zurück in ihre Heimat Prag, in der niemand aus ihrer Familie überlebt hatte.

Er arbeitet zunächst als Lehrer, spät erst als freier Schriftsteller. Immer schreibt er in seiner Muttersprache. Seine erste Veröffentlichung gestattet ihm der sowjetische Staat vierzig Jahre nach der bis dahin letzten Publikation: 1980! Allen antisemitischen Anfeindungen zum Trotz ist er in Czernowitz geblieben. Da gab es z.B. diesen Funktionär des Schriftstellerverbandes, der einem Besucher aus dem fernen Moskau Anfang der 80er Jahre vorlog, einen Schriftsteller namens Josef Burg gebe es in Czernowitz nicht. Der Suchende und der Nichtsahnende trafen sich aber doch – zufällig in der Straßenbahn. Der gleiche Funktionär aber hatte keine Schwierigkeiten, den jüdischen Schriftsteller Josef Burg zu seinem 80. Geburtstag überschwenglich zu preisen.

Zu jener Zeit ist es schon einfacher, nach Czernowitz zu kommen. Und so gerät auch Josef Burg wieder in den Blick. Sein Werk wird gepflegt vom wirklich kleinen, aber sehr verdienstvollen Hans Boldt Verlag in Winsen/Luhe. Also abseits des großen Betriebes. Das paßt zu Josef Burg, dem alle Besucher Bescheidenheit bestätigen. Sein Werk zeugt von einer untergegangenen Welt, von der allerdings seit dem Fall des Eisernen Vorhangs immer mehr zumindest in Büchern überliefert wird. Es ist eine Welt von Wunderrabbis, eine Welt, in der der Glaube an den Menschen in all seiner Unvollkommenheit herrschte, die aber trotzdem liebens- und lebenswert war. Sie wurde unter den Marschtritten von deutschen, rumänischen und sowjetischen Soldaten und anderen Herrenmenschen zermalmt.

In seiner Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises 1978 sagte Isaac Bashevis Singer – auch er schrieb jiddisch – über seine Muttersprache: „Das Jiddische ist im übertragenen Sinn die weise und demütige Sprache unser aller, die Sprache der entsetzten und hoffnungsvollen Menschen." Was sagte Josef Burg zum Schluß des Interviews mit Michael Martens auf die Frage, ob er sich als den letzten Repräsentanten einer Epoche sehe? „Nein. Ich will mich nicht so sehen. Ich will nicht der letzte sein. Ich hoffe, nicht der letzte zu sein. Es gibt ein Sprichwort im Russischen: ‚Eine Stunde zur Nacht ist noch nicht Nacht‘." Natürlich wußte Josef Burg um seine Stellung als letzter jiddisch schreibender Autor – aber wer weiß? Am 9. August 2009 ist Josef Burg im Alter von 97 Jahren in Czernowitz gestorben.

Ulrich Schmidt (KK)

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