Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1216.

Für die christlich-evangelische Genauigkeit

Noch einmal zum „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ (KK 1213)

Das sogenannte Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945, von neun evangelischen Theologen und zwei „Laien“ am 19. Oktober 1945 gegenüber Abgesandten des Ökumenischen Rates abgegeben, gilt zu Recht als eines der Schlüsseldokumente der deutschen Politik des 20. Jahrhunderts. Anläßlich der 60jährigen Wiederkehr ist deshalb zu Recht vielerorts an das Ereignis erinnert worden. In der Kulturpolitischen Korrespondenz 1213 vom 20. Dezember 2005 ist es durch Christian-Erdmann Schott ebenfalls thematisiert worden. Allerdings sind in seinem Artikel Aspekte, die verdient hätten, näher beleuchtet zu werden, nicht angesprochen worden. Diese Gesichtspunkte zu beleuchten scheint mir um so bedeutsamer, als in dem KK-Beitrag neben deren Ausblendung auch die Schlußfolgerung des Autors höchst anfechtbar ist. Diese Schlußfolgerung lautet: „Es muß aber auch erinnert werden: Wenn wir uns zu dieser Erklärung nicht durchgerungen hätten, wären wir innerlich nicht oder erst sehr spät frei geworden.“ Hier muß gefragt werden: Wer ist denn, wenn „wir“ uns zu der Erklärung durchgerungen haben, mit „wir“ gemeint? Das ganze deutsche Volk? Die deutschen evangelischen Christen? Die Vorsteher der evangelischen Landeskirchen in Deutschland? Die Erklärung ist von elf Männern unterschrieben worden, von denen der Verfasser des KK-Beitrages behauptet, sie hätten „stellvertretend für den deutschen Protestantismus“ gehandelt. Aber wer hatte die elf zur Stellvertretung ermächtigt? Zu fragen ist also erstens nach der Kompetenz der elf Unterzeichner der Erklärung, zweitens aber auch nach der angeblichen Spontaneität und Freiwilligkeit der Erklärung.

Die Unterzeichner, die Mitglieder des Rates der EKD, waren – das dürfte logisch schwer anzuzweifeln sein – lediglich für diejenigen zu sprechen befugt, von denen sie zwei Monate zuvor in Treysa gewählt, wenn auch nicht ermächtigt worden waren, gegenüber Abgesandten des Ökumenischen Rates der Kirchen eine solche Erklärung abzugeben: also für die Leiter der in Treysa vertretenen Landeskirchen. Eine Erklärung, und gar eine politisch so weitreichende, konnten sie – und darüber waren sich die elf Männer sicherlich selbst im klaren – nicht für das deutsche Volk abgeben, das zu diesem Zeitpunkt keine von ihm selbst und den Siegermächten anerkannte politische Führung besaß. Auch nur für den – sei es bewußt, sei es lau – evangelischen Teil des deutschen Volkes zu sprechen besaßen sie keine Vollmacht. Auch das mußte den Unterzeichnern bewußt sein, desgleichen die Tatsache, daß sie zum damaligen Zeitpunkt niemals die Ermächtigung zu einer Erklärung dieser Reichweite hätten erhalten können. Das protestantische Amts- und Hierarchieverständnis erlaubt es den Leitungen der Einzelkirchen nicht, persönliche Aussagen als Äußerungen der Kirche schlechthin vorzugeben. Das katholische Hierarchieverständnis mag hier weitere Möglichkeiten eröffnen. Evangelische Geistliche aber sind nach reformatorischem Verständnis – wenigstens theoretisch – gerade nicht die „Führer“ ihrer „Gläubigen“, schon gar nicht in politicis. Daß das Schuldbekenntnis, das u. a. mit der Formulierung von der „Solidarität der Schuld“ die vom Weltkirchenrat geforderte Kollektivschuldanerkenntnis beinhaltete, zum damaligen Zeitpunkt und noch lange danach innerkirchlich eine minderheitliche Position darstellte, beweisen die heftigen innerkirchlichen Reaktionen, die unmittelbar nach Bekanntwerden der Erklärung – soweit solche damals, 1945 und in den Folgejahren, möglich waren – und noch lange danach laut wurden. Das deutet ja auch der Verfasser des KK-Beitrages an.

Daß von seiten des Ökumenischen Rates der Kirchen eindeutige Erwartungen an die geforderte Erklärung gerichtet wurden, machen die der Erklärung zeitlich voraufgehenden Dokumente deutlich. Das von der Synode zu Treysa am 31. August 1945 verabschiedete „Wort an die Gemeinden“, das nicht von „Schuld“, sondern von „Versäumnis der Kirche und des Volkes“ gesprochen hatte, genügte dem Ökumenischen Rat nicht. Daß ein wahrhaft freies Wort unter den militärischen, politischen und wirtschaftlichen Umständen des Jahres 1945 – wenige Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, bei Fehlen einer politischen Vertretung der Deutschen, die für sie zu sprechen befugt gewesen wäre, im Zustande der militärischen Besetzung, unter dem Zeichen von Hunger und körperlichem und geistigem Elend, nach dem Bekanntwerden der zahlreichen von Deutschen begangenen Verbrechen – nicht möglich war, bedarf wohl keiner weiteren Beweisführung. Da blieb den Unterzeichnern des Schuldbekenntnisses nur die irrationale Hoffnung, der Ökumenische Rat werde das Seinige tun, „damit diese Erklärung nicht politisch mißbraucht wird“, wie es Pastor Asmussen bei der Übergabe der Erklärung ziemlich hilflos formulierte. Diese Hoffnung mußte trügen, weil die Erklärung von Anfang an als eine politische gefordert worden war. Wie es Franz Scholz, katholischer Priester und Professor für Moraltheologie, in seinem Buch „Kollektivschuld und Vertreibung“ (1995) formuliert hat, waren sich die Sieger stets darin einig gewesen, „es könnte sich nur darum handeln, daß Deutsche deutsche Schuld bekennen, ohne dabei eventuell Mitschuld der anderen Seite anzudeuten“.

Von seiten des Ökumenischen Rates der Kirchen und dessen Generalsekretärs Willem Visser’t Hooft – er hatte die nach Stuttgart gekommene Delegation angeführt – war dann auch kein Wort zur Tragödie Ostdeutschlands und der Ostdeutschen und aller Deutschen in Ostmittel- und Südosteuropa zu vernehmen, die gerade in diesen Monaten und Jahren vor einer schweigenden und wegsehenden Weltöffentlichkeit vor sich ging. Im Grunde hatten die Unterzeichner eine Blankovollmacht in Hinblick auf Gegenwart und Zukunft ausgestellt. Unterdrückt sei hier auch nicht, daß Eugen Gerstenmaier, Mitglied der Bekennenden Kirche, Widerständler und dann lange Jahre Bundestagspräsident, in seiner Autobiographie „Streit und Friede hat seine Zeit“ (1981), berichtet (S. 237), der Leiter der Delegation des Ökumenischen Rates, dessen Generalsekretär Visser’t Hooft, habe während des Krieges in Genf ein Büro des niederländischen bzw. des englischen Geheimdienstes geleitet. (Nach seinem Tode im Jahre 1985 drang weiteres Erhellendes über seine Tätigkeit als Agent des Secret Service an die Öffentlichkeit.) Gerstenmaier bescheinigt Visser’t Hooft „tiefsitzende Abneigung gegen Deutschland (nicht nur gegen den Nationalsozialismus)“ (S. 58).

Im Gegensatz zur Führung der evangelischen Kirche haben die Vertreter der katholischen Hierarchie Deutschlands, die sicherlich mindestens das gleiche Recht gehabt hätten, für das deutsche Volk zu sprechen, es stets vermieden, eine kollektive Schulderklärung abzugeben. Der Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 23. August 1945 spricht von der Schuld von vielen, die „Verbrecher geworden“ seien. Von einer Solidarität der Schuld aller oder ähnlichem verlautet nichts. Im Gegenteil fordern die katholischen Bischöfe: „Es ist eine Forderung der Gerechtigkeit, daß die Schuld … von Fall zu Fall geprüft wird.“ Auch in den folgenden Jahrzehnten hat kein Vertreter der katholischen Hierarchie Deutschlands eine Kollektivschuld anerkannt. Auch ist ein solcher Vorwurf weder vom damaligen Oberhaupt der katholischen Kirche, Pius XII., noch von einem seiner Nachfolger erhoben worden. Noch deutlicher als das Hirtenwort vom 23. August 1945 war in seinem Hirtenbrief vom 29. Juni 1945 der Mainzer Bischof Albert Stohr geworden: „In aller Offenheit und Überzeugung bekenne ich mich vor euch zu unserem armen, geschlagenen, zerbrochenen, von fremden Mächten überzogenen Vaterland. Für uns Katholiken ist ja die Vaterlandsliebe mehr als ein bloß naturhaftes Nationalgefühl. Sie ist uns besondere Willenstugend, deren Gegenstand die von Gott gewollte Bluts- und Gesinnungsgemeinschaft aller deutschen Brüder und Schwestern ist. […] Wir sind heute so arm geworden, daß nicht einmal mehr eine deutsche Stelle vorhanden ist, mit der die Sieger verhandeln müßten um einen Frieden. Restlos und ohne Vorbehalt sind wir in der Hand der Siegermächte. Alle Macht, auf die wir stolz waren, ist verspielt. Ein Widerstand gegen Beschlüsse über uns ist unmöglich. […] Wir weigern uns nicht, vor Gott an unsere Brust zu schlagen wie der demütige Zöllner im Tempel und zu sagen: ‚Gott sei uns Armen gnädig‘ (Lk 18,13). Freilich haben wir auch soviel Selbstachtung, daß wir solches Schuldbewußtsein nicht in die Welt hinausschreien, zumal wir aus der Geschichte die Fragwürdigkeit menschlicher Urteile gelernt und höchst unerwünschte Wirkungen allgemeiner Schuldbekenntnisse erfahren haben.“ Das waren mutige Worte, gewiß mutigere als die vielgerühmte Erklärung vom 19. Oktober 1945, die – das soll nicht bestritten werden – der Mehrzahl ihrer Unterzeichner sicherlich auch nicht leicht gefallen ist und die unter den Bedingungen des materiellen Elends des Herbsts 1945 ja auch einem ganz konkreten lobenswerten Zweck dienen sollte, der wenigstens zum Teil auch erreicht wurde. Das muß auch bei einer Beurteilung aus kritischer Sicht, wie sie heute aus Gründen, die der KK-Beitrag immerhin streift, wenn auch nicht deutlich macht, nur mehr selten geäußert wird, aber wohl noch erlaubt ist, anerkannt werden.

Kollektive Urteile sind ebenso fragwürdig wie kurzschlüssige, an der Oberfläche haftende Versuche, vielschichtige Geschehnisse harmonisierend zu umreißen. Ein solcher Versuch scheint mir in dem wesentliche Gesichtspunkte von vornherein ausklammernden KK-Beitrag vorzuliegen. Das ganze 20. Jahrhundert von 1919 an war von solchen Kollektivvorwürfen geprägt, für die Deutsche mitverantwortlich waren, denen Deutsche zum Opfer fielen. Der Historiker darf die Kette der Kausalität nicht an einem beliebigen, ihm – oder seinen Auftraggebern – persönlich genehmen Punkt aufzudröseln beginnen. Das zeigt eine schon 1934 gemachte Äußerung des damaligen britischen Luftwaffenattachés in Berlin, Herring, gegenüber seinem österreichischen Kollegen, General Alfred von Jansa, deutlich; Jansa, überzeugter NS-Gegner und nach 1938 NS-Opfer, überliefert sie in seinen 20 Jahre später geschriebenen Erinnerungen: „Ihr Einwand, daß das Volk gut sei, stimmt nicht; jedes Volk hat die Männer in Führung, die es liebt und verdient; so auch jetzt wieder Hitler. Wissen Sie, die Deutschen sind eine schlechte Rasse, die ausgetilgt gehört. Zuchtfehler in der Tierwelt läßt man aussterben, so muß es mit den Deutschen geschehen!“ Jansa blieb darauf nur die scharfe Erwiderung, daß das denn doch zu weit gehe. Man sieht, wie leichtfertig und deshalb verhängnisvoll Kollektivurteile und -vorurteile gefällt worden sind und werden. Daran zu erinnern und davor zu warnen hätte das Jubiläum des Stuttgarter Schuldbekenntnisses Gelegenheit geboten. Diese Gelegenheit wurde leider auch durch den KK-Beitrag nicht genutzt.

Rudolf Benl (KK)

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