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Ausgaben: Ausgabe 1275.

Für die Rezeption Kafkas in der DDR gilt am ehesten: „kafkaesk“

Die Rezeption oder Nicht-Rezeption der Texte von Franz Kafka, dessen 125. Geburtstags am 3. Juli 2008 gedacht wurde, im SED-Staat ist eines der aufregendsten und zugleich niederdrückendsten Kapitel der DDR-Wissenschaftsgeschichte. Niederdrückend deshalb, weil diese Texte erst zwei Jahrzehnte nach Kriegsende in DDR-Verlagen gedruckt werden durften, obwohl bereits zwei Dissertationen, 1961 von Klaus Hermsdorf, Ostberlin, und 1962 von Helmut Richter, Leipzig, vorlagen. Der Grund für die staatlich angeordnete Abstinenz lag vermutlich darin, daß die DDR-Leser ihre politischen Erfahrungen mit dem Spätstalinismus nach 1945 in den nach dem Ersten Weltkrieg veröffentlichten Erzählungen und Romanen, insbesondere im „Prozeß" (1925) und im „Schloß" (1926), bestätigt gefunden hätten.

Was der aus Gera in Thüringen stammende Literaturwissenschaftler Klaus Hermsdorf (1929–2006) mit seinen „Erinnerungen eines Beteiligten" (Untertitel) hier bietet, ist kein wissenschaftliches Werk zur DDR-Rezeption Franz Kafkas, sondern eine autobiographische Erzählung mit unerhörten Einblicken in das Innenleben der DDR-Germanistik. Der Autor wurde 1963 vom Ostberliner Verlag Rütten und Loening beauftragt, eine Ausgabe mit Prosatexten des Prager Schriftstellers vorzubereiten und ein Nachwort zu verfassen. Die Vorgeschichte und die Nachgeschichte dieses Auftrags zwischen 1954 und 1983, dem Jahr des 100. Geburtstags Franz Kafkas, sind in diesem Buch, über dessen Abfassung Klaus Hermsdorf am 26. März 2006 starb, aufgezeichnet. Die von ihm erarbeitete Textauswahl von über 800 Seiten ist in niedriger Auflage 1965 erschienen und war im Buchhandel kaum zu bekommen.

Nach dem germanistischen Staatsexamen wurde Klaus Hermsdorf am 1. September 1954 an der Ostberliner Humboldt-Universität Assistent bei Alfred Kantorowicz, der dort seit 1950 eine Professur für neueste deutsche Literatur versah und den er als „Doktorvater" für sein damals höchst ungewöhnliches Dissertationsvorhaben gewinnen konnte. Der Antrieb, ein solches Thema zu wählen, war für den Nachwuchswissenschaftler vom Nürnberger Germanistentag im gleichen Jahr gekommen. Dadurch angeregt, suchte Klaus Hermsdorf in der Institutsbibliothek nach Schriften Kafkas und fand tatsächlich die ersten Bände der seit 1950 von Max Brod edierten „Gesammelten Werke". Zwei Jahre später, im Dezember 1956, fuhr der Doktorand selbst nach Prag, konnte dort in einem unbeobachteten Augenblick einen Brief Kafkas vom 25. November 1918 stehlen, bekam im März 1957 Fotokopien der Personalakte des Prager Autors zugesandt und fand in der deutschsprachigen „Tetschen-Bodenbacher Zeitung" Aufsätze des bei der Prager „Arbeiter-Unfall-Versicherung" tätigen Juristen. Alle diese Fundstücke wurden 1984 im Ostberliner Akademie-Verlag unter dem Titel „Amtliche Schriften" veröffentlicht und 1991 in den ersten Band der Kritischen Ausgabe übernommen.

Nicht erwähnt in diesem Buch ist der ideologische Streit um die zweibändige Anthologie „Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts" (1957), in der auch Franz Kafkas Erzählung „Schakale und Araber" abgedruckt war, worauf die zuständigen Lektoren vom Ostberliner Verlag Volk und Welt entlassen wurden. Dafür wird die Prager Kafka-Konferenz vom 27./28. Mai 1963, einberufen von Eduard Goldstücker, dem führenden Germanisten der Karlsuniversität, breit erörtert. Klaus Hermsdorf gehörte neben Helmut Richter, dessen bei Hans Mayer in Leipzig geschriebene Dissertation „Franz Kafka. Werk und Entwurf" im Vorjahr erschienen war, der vierköpfigen DDR-Delegation an, Anna Seghers war als Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands mitgereist. Allerdings versuchte die DDR-Delegation, das Erzählwerk des Prager Dichters zu historisieren und als für DDR-Leser irrelevant zu erklären. In der Bewertung dieses Prosawerks schien die DDR-Germanistik damals noch auf den Positionen des ungarischen Marxisten Georg Lukács zu verharren, der es als „unrealistisch" verworfen hatte.

Die Auseinandersetzung mit Franz Kafka damals auf Schloß Liblitz bei Prag scheint aber eine der Initialzündungen für den Prager Frühling von 1968 gewesen zu sein, der, wie der 17. Juni 1953 und der ungarische Aufstand 1956, weitreichende Folgen hatte für die ideologische Auflockerung in den sozialistischen Staaten. Aufzuhalten war sie nicht, nicht nur zahlreiche Schriftsteller, vor allem aber sie haben Franz Kafka gelesen, bei Günter Kunert und Klaus Schlesinger, beide fast erdrückt von den DDR-Zuständen und dann nach Westdeutschland emigriert, läßt sich das leicht nachweisen.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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