Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1264.

Gablonzer Geschichte im Auftrag der Stadt „Jablonec nad Nisou“

Es ist schon merkwürdig, wenn man als gebürtiger Gablonzer, dessen Familie im Jahre 1946 beraubt und vertrieben wurde, eine tschechische Darstellung über sieben Jahrhunderte der Stadtgeschichte von Gablonz an der Neiße lesen muß. Der Verfasser ist Jan Kaspar, der diese Publikation in deutscher Sprache – einer sehr guten Übersetzung – im Auftrag der Stadt „Jablonec nad Nisou“ vorlegt. Er nennt sie einen Leitfaden zur Geschichte des Ortes von den Anfängen bis ins Jahr 1990. Eine Monographie müßte nach seiner Meinung noch geschrieben werden. Der übersichtlich gegliederte und mit zahlreichen Abbildungen versehene Band mit 64 großformatigen Seiten enthält auch einen Dokumentenanhang mit z.T. ausführlichen Erläuterungen.

Die Tatsache, daß Mitte des 16. Jahrhunderts die Gegend von Deutschen neu besiedelt wurde, wird ohne Einschränkung festgehalten. Es müßte jedoch ergänzt werden, daß der Ort ganz planmäßig als Waldhufendorf mit ursprünglich 27 Bauernwirtschaften angelegt wurde. Schon Ende des 17. Jahrhunderts dachte man über seine Erhebung zum Markt nach, zu der es allerdings wegen des Einspruches des bedeutenderen Reichenberg erst im Jahre 1808 kommen sollte. Die neue Rechtsstellung führte zu einem Zuzug von Reichenberger Tuchmachergesellen, die in ihrer Heimatstadt nicht Meister werden konnten.

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts waren schon 6000 Menschen in der Schmuckwarenerzeugung tätig, die Gablonz in der Folgezeit einen ungeahnten Aufschwung bringen sollte. Noch vor der für die Preußen siegreichen Schlacht von Königgrätz wird der Markt am 11. Mai 1866 zur Stadt erhoben. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nennt der Verfasser das goldene Zeitalter der Entwicklung, in dem zahlreiche Bauten entstehen, was sich auch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts fortsetzt, als das neue Rathaus und die moderne katholische Herz-Jesu-Kirche errichtet werden. Zu den Sternstunden zählt Kaspar den Besuch Kaiser Franz Josephs im Jahre 1906.

Die 1918 erfolgte militärische Besetzung der Stadt, die erst seit 1910 einen kleinen tschechischen Bevölkerungsanteil (acht Prozent) aufwies, wird korrekt dargestellt. Nicht nachvollziehbar ist die Meinung des Autors, daß die vielfachen Probleme nach dem Ersten Weltkrieg die „deutsche Bevölkerung in die Arme der tschechoslowakischen Republik trieben“. Auch seine Beschönigung der massiven Tschechisierungspolitik nach der Gründung der Tschechoslowakei und seine Ansicht über das Münchner Abkommen von 1938 sind kritikwürdig. Dies trifft zum Teil auch für die Darstellung der Vertreibung der Gablonzer zu, die er „Aussiedlung“ nennt. Es gibt keinen Hinweis auf die systematische Planung der Vertreibung und Enteignung durch die Benesch-Regierung und die tschechoslowakische Armee, keinen Hinweis auf die brutale Entrechtung und Beraubung der Sudetendeutschen in Gablonz und Umgebung. Immerhin werden die Exzesse bei der Austreibung und das Leid der Vertriebenen bedauert, was in anderen tschechischen Publikationen oft mit „sozialer Umwälzung“ oder ähnlich bemäntelt wird.

Auch der Dokumententeil verdient Interesse, wobei man sich wünschte, daß die Texte der Urkunden auch übertragen würden. Verwunderlich ist, daß keine  sudetendeutsche Einrichtung an dieser Darstellung beteiligt wurde. Wäre das nicht ein Schritt auf die „alten Gablonzer“ zu gewesen? Außerdem liegen zwei umfangreiche Heimatbücher über Gablonz und Neugablonz und zahlreiche Schriften der Leutelt-Gesellschaft vor, die umfangreiche Informationen vermitteln.

Noch eine Anmerkung: Im deutschen Text stolpert man als deutscher Leser unwillkürlich über das tschechische „Jablonec“, das doch über viele Jahrhunderte eben kein „Böhmisch-Gablonz“, sondern ein Deutsch-Gablonz gewesen ist.

Rüdiger Goldmann (KK)

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