Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1324.

Gasförmige Hoffnungen

Immerhin fest in Schiefer gebunden: polnische Energiepläne

In Polen ist das Regieren oft noch etwas mühseliger als in anderen Gegenden, schon weil die Polen ähnlich wie die Belgier und die Italiener meistens ganz gut auch ohne Regierung auskommen können. Aber wenn sich die polnische Regierung mit dem Gas im Tonschiefer in den Tiefen des Landes beschäftigen kann, dann gibt es für sie auch frohe Stunden. Ähnlich ergeht es der polnischen Öffentlichkeit, seitdem im Lande eine heftige Suche nach Gasvorkommen großen Ausmaßes im Gange ist. Sie sollen sich in Untergrundschichten einer Ellipse etwa vom Raum Danzig über Warschau bis in das große Weichselknie bei Sandomierz erstrecken.

Es handelt sich dabei um Gasvorkommen, die in Tonschiefer von großer Mächtigkeit ab ca. 4000 Metern Tiefe gebunden lagern. Das Gas ist also nicht wie in Sibirien in großen Kavernen zu finden und kann nicht mit einer Nutzung von etwa 80 Prozent einfach abgepumpt werden, sondern ist mineralisch gebunden. Das vermutlich 5,3 Billionen Kubikmeter umfassende Vorkommen lagert in Schichten von Tongesteinen, die durch Serien von unterirdischen Tiefensprengungen aufgebrochen werden müßten. Um dann das Gas aus dem Gestein zu lösen, muß mit Chemikalien und Quarz angereichertes Wasser mit hohen Drücken in die einzelnen Sprengfelder gepreßt werden, was auch zu enormen Entsorgungs- und Entwässerungsproblemen führt. Die Gewinnungskosten sind sehr hoch, die Ausbeuten im Vergleich zu dem sibirischen Gas mäßig und erreichen nur ein Fünftel des Vorkommens.

Breitere Erfahrungen mit diesen Techniken gibt es bisher in Polen nicht. Die Frage nach den Bergbauingenieuren und Mineuren, die mit dieser Aufgabe fertig werden müßten, hat man noch gar nicht gestellt. Seit 2009 wurden 110 Konzessionen für Probebohrungen vergeben, ein Kontingent, das überwiegend noch nicht in Anspruch genommen wurde. Gleichwohl werden die Projekte in Polen mit lebhafter Anteilnahme verfolgt und selbst von den ansonsten ziemlich aggressiven Grünen unterstützt. Wie sehr dieses Projekt das kollektive polnische Bewußtsein erreicht, zeigt sich vor allem daran, daß sogar die oppositionelle Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und ihr Vorsitzender Jaroslaw Kaczynski, sonst den Regierungsparteien in der aufrichtigsten gegenseitigen Abneigung eng verbunden, an ihrer Seite steht, wenn es um die polnische Gas-Zukunft geht: Der Energieexperte der Kaczynski-Partei, Piotr Wozniak, gehört als Staatssekretär der ansonsten bekämpften Regierung an und hat alle Zuständigkeiten für diese Zukunft.

In der aktuellen Tagesdebatte stehen natürlich wirtschaftliche Fragen und solche der Energiesicherheit im Vordergrund. Polen ist mit Gasimporten von 10,25 Milliarden Kubikmetern Erdgas 2011 einer der großen Kunden des russischen Energiegiganten Gasprom, mit dessen undurchsichtiger Preispolitik nicht nur dieses Land vielfältigste Erfahrungen hat. Außerdem gibt es Erwartungen, das Land könnte in der nächsten Generation selbst zum Großexporteur von Energie in Gasform werden.

Doch vor und über allem geht es um den Traum von der Unabhängigkeit von russischer Energie, von russischer Macht überhaupt. Durch ihn bekommen Norbert Elias’ Worte eine Bestätigung mehr: „Für Mentalitäten sind 500 Jahre eine fatal kurze Zeit.“

Die innere „Distanz“ zu Rußland ist bei den Polen kollektiv derartig eingebrannt, daß sie auch bei so nüchternen Alltagsfragen wie der Nutzung von Gasvorkommen bestimmend ist. Dann gibt es in der kollektiven polnischen Mentalität keine Zeit mehr, das späte 17. und das ganze 18. Jahrhundert sind noch nicht vergangen, in denen Polen zum russischen Protektorat wurde, die Reichstage – die meisten mußten abgebrochen werden – unter Aufsicht russischer Kommissare stattfanden und es der Politik zweier Zarinnen gelang, die „Allianz der drei schwarzen Adler“, Rußland, Preußen und Österreich, zu schaffen, deren Politik schließlich zu der Abfolge polnischer Teilungen geführt hat. Allerdings, aber auch das ist kollektiv nicht vergessen, hat es eine russische Partei in Polen selbst gegeben, die für den Kreml die Geschäfte besorgt und oft auch die Schmutzarbeit erledigt hat. Gerade vor diesem Hintergrund des lebendigen geschichtlichen Alltagsbewußtsein ist es um so bemerkenswerter, daß in der Energiefrage ein totaler nationaler Konsens besteht.

Dietmar Stutzer (KK)

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