Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1219.

Gebogen erst zeigt der Stahl seine Kraft – und seine Ausdruckskraft

Hermannstadt, einst die sächsische „Haupt- und Hermannstadt“ Siebenbürgens, wo Roland Phleps geboren wurde, war eher von Musik denn von bildender Kunst geprägt. Die zu Klassikern moderner siebenbürgischer Kunst gewordenen Maler und Grafiker stammen vorwiegend aus der anderen sächsischen Stadt mit vergleichbarem Führungsanspruch: Kronstadt. Bildhauerei allerdings fand weder hier noch dort geeigneten Nährboden. Daß sich ein Arzt der Skulptur zuwandte und auf diesem Gebiet beachtliche Erfolge erzielte, darf deshalb einmalig genannt werden.

Mit diesem Bildband, der den seit 1997 erschienenen drei ebenfalls reich illustrierten Publikationen folgt, dokumentiert Phleps sein jüngstes Schaffen. Auf 20 Textseiten geht er auch auf allgemeine Themen der Kunst ein, die er mit seiner eigenen Arbeit in Beziehung setzt, so in den Kapiteln „Zwei Begriffe: komplex und kompliziert“ und „Über die Schönheit in der bildenden Kunst“.

Auf einigen der 127 Bildseiten sind Skulpturen aus mehreren Blickwinkeln abgebildet, was den Betrachter anregt, sie in der Vorstellung zu umschreiten und die bewegten Formbänder und den Rhythmus im Zeitablauf zu erleben, ähnlich wie Musik wahrgenommen wird. Genausowenig wie die Musik geht die Skulptur des Roland Phleps von einem realen Modell aus.

Auf zwei Seiten dieses Bandes IV werden in chronologischer Folge die biographischen Daten des Künstlers vermittelt, von seinem Geburtsjahr 1924 bis zum Jahr 2005, da seine Werke in der Ausstellung „Licht – visuelle Energien“ an der Technischen Universität Dresden zu sehen waren. Nach dem Medizinstudium in Tübingen und Göttingen war Phleps in Kliniken und Krankenhäusern Assistenzarzt, bis er schließlich 1959 die eigene Arztpraxis in Freiburg eröffnete. 1983 beginnt er, wie er selbst schreibt, „nach langen und erfüllten Jahrzehnten im Arztberuf“, sich dem bildhauerischen Schaffen zuzuwenden, zunächst mit experimentellen geometrischen Konstrukten in Aluminiumblech. Ab 1992 entstehen seine „konkreten“ Skulpturen in gebogenem Edelstahl, mit denen er alsbald einen bedeutenden Platz in der zeitgenössischen deutschen Kunst einnimmt. Bei der Herstellung der Skulpturen kommen computergestützte Laser-Schneidetechnik, präzise Rundungsmaschinen und moderne Schweißverfahren zum Einsatz.

Sein Œuvre teilt der Künstler in sieben Werkgruppen ein, die z.B. „Sinuskurven – Vierecke“ oder „Gitter“ überschrieben sind und von ihm kommentiert werden, nicht selten aus geometrischer und mathematischer Sicht, aus der auch er, der Arzt, zur Kunst fand. Das Kapitel „Warum ‚konkrete‘ Kunst?“ dient natürlich sowohl allgemeinen Betrachtungen als auch der Erläuterung des eigenen Schaffens.

1999 gründete Phleps eine Stiftung, ließ in Freiburg-Zähringen einen Skulpturenpark anlegen und eine Ausstellungshalle bauen. Hier zeigt er seine Arbeiten, überläßt aber auch Kollegen das Forum. Der Leser erfährt ferner, wo die „Skulpturen unter freiem Himmel“ vor öffentlichen Gebäuden und in Parkanlagen zu sehen sind.

Unter den „Biographischen Daten“ sind seine Ausstellungen vermerkt: viermal in Freiburg, viermal in Essen, zweimal in Dresden, schließlich in Mönchengladbach, Düsseldorf, Badenweiler und an anderen Orten. Die Liste ist durchaus imponierend, weiß man doch, daß Malerei- und Grafikausstellungen einfacher zu veranstalten sind als solche der Bildhauerei. Dieses Buch verrät wie seine Vorgänger die Freude des Arztes und Seniors der deutschen Bildhauer am künstlerischen Schaffen und vermittelt einen bleibenden Eindruck von der Ausstrahlung seiner Werke und ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit.

Roland Phleps: Stahlskulpturen. Werkauswahl 2003–2005. Band IV, Rombach-Verlag, Freiburg/Berlin 2006, 160 S.

Günther Ott (KK)

«

»