Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

Gedächtnisträgerin des Widerstandes

Mit ihrem Mann Helmuth James hat sie einst „zusammen gedacht“ und im Alter die Stiftung für das Neue Kreisau ersonnen: Freya von Moltke

Mit Freya von Moltke (1911–2010), die am 1. Januar 2010 in Norwich/Vermont an der amerikanischen Ostküste verstarb, ist, obwohl sie keine geborene Schlesierin war, ein Stück ostdeutscher Geschichte und Kultur von uns gegangen! Sie stammte aus Köln, wo ihr Vater Carl Theodor Deichmann Bankier war, und sie heiratete am 18. Oktober 1931 den schlesischen Grafen Helmuth James von Moltke (1907–1945), Jurastudent wie sie selbst und Gutsbesitzerssohn aus Kreisau bei Schweidnitz. Er bestand 1934 sein Assessorexamen, verzichtete aber darauf, Richter zu werden, weil er dann der NSDAP hätte beitreten müssen, und ließ sich als Rechtsanwalt in Berlin nieder; sie wurde 1935 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität mit der Arbeit „Beglaubigung und öffentlicher Glaube“ promoviert.Auf dem Gut Kreisau, das ihr Mann verwaltete, begann sie schon 1940, im ersten Kriegsjahr, mitzuwirken am Aufbau einer Gruppe von Gleichgesinnten aus allen Bevölkerungsschichten, die später in den Ermittlungsakten der Gestapo „Kreisauer Kreis“ genannt wurde. Hier in Kreisau traf man sich, um über die Zukunft Deutschlands nach dem Krieg zu diskutieren. Helmuth James Graf von Moltke und der mit ihm verschwägerte Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904–1944) waren die führenden Köpfe des Kreises, zur Gruppe der Attentäter des 20. Juli 1944 bestanden Verbindungen, obwohl Helmuth James von Moltke die Tötung des Diktators Adolf Hitler aus religiösen Gründen ablehnte.

Helmuth James von Moltke wurde am 18. Januar 1944 verhaftet, ohne daß die Existenz des „Kreisauer Kreises“ der Gestapo damals schon bekannt gewesen wäre, sie wurde erst durch die Vernehmung der Verschwörer vom 20. Juli 1944 aufgedeckt. Am 11. Januar 1945 wurde er vom „Volksgerichtshof“ Roland Freislers zum Tode verurteilt und am 23. Januar 1945, knapp vier Monate vor Kriegsende, in Berlin-Plötzensee erhängt.

Zwei Jahre nach Kriegsende wanderte Freya von Moltke mit ihren beiden Söhnen in die Südafrikanische Union aus, wo Verwandte ihrer schlesischen Schwiegermutter lebten und wo sie als Sozialarbeiterin tätig war. Mitten im deutschen Wirtschaftswunder kehrte sie 1956, angewidert von der seit 1948 betriebenen Rassentrennungspolitik (Apartheid) gegen die schwarze Bevölkerungsmehrheit, in die Heimat zurück, wanderte aber vier Jahre später noch einmal aus, nach Norwich in Vermont zu dem aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohenen angesehenen Soziologen und Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973), dessen Frau gestorben war.

Auch nachdem Eugen Rosenstock-Huessy 1973 gestorben war, blieb Freya von Moltke in Norwich. Sie edierte 1988 unter dem Titel „Briefe an Freya 1933–1945“ eine Auswahl der 1600 Briefe, die ihr Mann hinterlassen hatte, wofür sie 1989 mit dem „Geschwister-Scholl-Preis“ ausgezeichnet wurde. 2003 folgte der Band „Erinnerungen an Kreisau 1930–1945“. Nachdem das Gut Kreisau in Schlesien mit ihrer Unterstützung 1990 in eine Begegnungsstätte umgewandelt worden war, deren Träger die Stiftung Kreisau ist, wurde 2004 in Berlin die Freya-von-Moltke-Stiftung für das Neue Kreisau gegründet, um die Begegnungsstätte langfristig abzusichern.

Eva Hoffmann veröffentlichte ein Buch über ihr Leben und Wirken: „Freya von Moltke, die Kreisauerin“. Zu dem Film, der 2007 unter dem Titel „…weil wir zusammen gedacht haben“ über ihr und ihres Mannes politisches Wirken gedreht wurde, gewährte sie ein Interview, das 48 Minuten lang und mit englischen und polnischen Untertiteln versehen ist. Es ist als DVD erhältlich über: sito@forwertz.com. Dieses Interview ist ihr Vermächtnis.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

 

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