Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1293.

Gegen „Titostalgie“

Georg Wildmann: Die Tragödie der Selbstbehauptung im Wirkfeld des Nationalismus der Nachfolgestaaten 1918–1944. Donauschwäbische Geschichte Bd. III. München 2010, 807 S., geb., 39 Euro; zu beziehen istdas Buch  wie auch die Bände I und II (jeweils 20 Euro)  über die  Donauschwäbische  Kulturstiftung, PF 83 02 06,  81702 München, kulturstiftung@donauschwaben.net

Die Erinnerung an den jugoslawischen Diktator Jozip Broz, genannt Tito, nimmt 30 Jahre nach dessen Tod in allen Nachfolgerepubliken des kommunistischen Vielvölkerstaats zunehmend nostalgische Züge an. Wie wenig diese „Titostalgie“, nicht zuletzt auch aus deutscher Sicht, gerechtfertigt ist, dazu reicht der Blick auf das Schicksal der Donauschwaben.

Die Donauschwäbische Kulturstiftung (DKS) in München nennt auf ihrer Internetseite (www.kulturstiftung.donauschwaben.net) die sogenannte Aktion „Intelligenzija“ im Tito-Jugoslawien das „Katyn der Donauschwaben“. Im Banat und in der Batschka seien im Zuge der Machtergreifung der Partisanen ab Herbst 1944 mobile Erschießungskommandos in die Ortschaften gekommen. Diese hätten – zum Teil gegen den Widerstand ortsansässiger slawischer Mitbürger – die Verhaftung führender, angesehener und wohlhabender Deutscher vorgenommen, um sie nachher, meist nach grausamen Folterungen, zu töten. Insgesamt wurden zwischen Oktober 1944 und Juni 1945 durch die Aktion „Intelligenzija“ 9500 Donauschwaben getötet.

Diese schrecklichen Ereignisse stehen am Ende eines bewegten Zeitraums, der dem Kriegsende von 1918 folgte und gerade für Südosteuropa und den Balkan eine Fülle an Veränderungen und neuen Konflikten brachte. Ein gerade erschienenes Buch der Kulturstiftung widmet sich auf gut 800 Seiten speziell dieser Ära. Das Werk wurde von Georg Wildmann und vier weiteren Privatgelehrten aus der donauschwäbischen Erlebnisgeneration verfaßt. Nach Band I von Oskar Feldtänzer, „Das Jahrhundert der Ansiedlung 1689–1805“ (2006), und Band II von Ingomar Senz, „Wirtschaftliche Autarkie und politische Entfremdung 1806–1918“ (1996) , handelt es sich um den dritten der auf insgesamt vier Bände angelegten DKS-Reihe
„Donauschwäbische Geschichte“.

Weil Wildmann weit über die angesichts des Autorenkreises naheliegende „Oral History“ hinausgeht, konnte eine Veröffentlichung entstehen, die mit Fug und Recht als Standardwerk bezeichnet werden kann. Es gibt wohl keinen Forscher mit einem derart ausgeprägten Detailwissen wie Wildmann, der sich seit über 30 Jahren wissenschaftlich mit der Geschichte der Donauschwaben beschäftigt. Der 80jährige stammt aus Filipowa in der Batschka (Vojvodina/Serbien), dem Ort, in dem auch Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, geboren wurde, mit dem er freundschaftlich verbunden ist. Wildmann studierte in den fünfziger Jahren an der päpstlichen Eliteuniversität Gregoria in Rom Theologie und Philosophie. 1971 erhielt er eine ordentliche Professur an der Theologischen Hochschule Linz. Als unermüdlicher Historiograph arbeitet er längst an seiner nächsten Veröffentlichung: dem bis spätestens 2012 geplanten Band IV (1944 bis heute) der DKS-Reihe „Donauschwäbische Geschichte“.

Martin Schmidt (KK)

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