Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1354.

Gegen Fundamentalismus helfen nur Fundamente

Horizonte, Perspektiven, Wissens- und Wertedimensionen – eine Betrachtung

Gegen-FundamentalismusWer heute als Referendar in den Schuldienst eintritt, ist etwa im Jahr des Mauerfalls 1989 geboren. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die unmittelbare Nachkriegszeit, der Verlust des deutschen Ostens mit seiner jahrhundertealten Geschichte und Kultur, die deutsche Teilung und die westdeutsche Demokratie mit den Kanzlern Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl bis zur Vereinigung mit der DDR – alles feste Erlebnisbestandteile der heute über Siebzigjährigen – sind für die jungen Referendare allenfalls angelernte historische Fakten, falls sie einen gründlichen Geschichtsunterricht genossen oder sich selbst als wache Jungbürger ein Bild von der politischen Geschichte Nachkriegsdeutschlands gemacht haben.

Helmut Kohl ist für sie vielleicht noch eine Kindheitserinnerung, Gerhard Schröder eine Gestalt ihrer Jugendzeit, und seit ihrer Pubertät regiert Angela Merkel. Die Bundespräsidenten erwähnen wir gar nicht erst. Von ihnen sind aus der Geschichte vielleicht Theodor Heuss, Richard von Weizsäcker und Roman Herzog ein Begriff, aus der Gegenwart der jungen Referendare nur Joachim Gauck.

Eine kürzliche Umfrage unter Abiturienten, ob das erreichte Abiturwissen für den Lebensbeginn als Erwachsener ausreiche, fiel erstaunlich selbstkritisch aus. Man hielt nur bedingt etwas von dem Erlernten. Einer beschwerte sich, dass er außer dem Nationalsozialismus – sechs Jahre lang – nichts von deutscher Geschichte vernommen habe. Andere kritisierten die endlose Paukerei des Stoffes, den die Lehrer als Wissen anbieten, ohne dass die Möglichkeit gemeinsamen Nachdenkens über Zusammenhänge geboten würde. Sogenannte „Diskussionen“, in denen wissensfreie „Meinungen“ formuliert würden, reichten nicht aus.

Offenbar merken die Schüler besser, woran es ihnen fehlt, als das Bildungssystem und seine Agenten. Sie sind weniger an ausuferndem „Fachwissen“ in einer Unzahl von Fächern mit neuem Namen interessiert als an Zusammenhängen und Orientierung. Wer früher nach zweimaligem Durchgang durch die Geschichte in der Mittel- und Oberstufe einen historischen Rahmen von etwa fünftausend Jahren im Kopf hatte von den Ägyptern und Israeliten über die Griechen und Römer bis in die Zusammenhänge der europäischen und Weltgeschichte der letzten fünfhundert Jahre, der wusste sich auch zeitgeschichtlich einzuordnen und sah seinen Ort im Heute. Damit hatte er auch eine Orientierung.

Die heute von der Schule gesteckten Horizonte sind oft eng, punktuell und ohne Reichweite. Die Perspektive fehlt. Der hier und da gepriesene Vorzug sozialer Kompetenz („Inklusion“) und die vorweggenommene Spezialisierung in einzelnen Fächern nehmen der früher noch gewünschten und gelehrten Allgemeinbildung den Atem. So kann das Universitätsstudium auch nicht auf ihr aufbauen, zudem oft auch noch die gründliche Kenntnis der „Kulturtechniken“ Schreiben und Lesen fehlt. Germanistikstudenten, die erst einmal Deutsch lernen müssen, sind keine Seltenheit.
Allgemeinbildung wird weniger durch die fortschreitende Digitalisierung und die zunehmende elektronische Geschwindigkeit beeinträchtigt als durch die Tatsache, dass Bildung überhaupt zu einem knappen Gut geworden ist in der viel gepriesenen „Wissensgesellschaft“. Was diese Gesellschaft als „Wissen“ anbietet, sind täglich wechselnde „Informationen“ – schon der Begriff verrät das Ziel: die „Formation“ der Gesellschaft. Information als Indoktrination im Hinblick auf die gesellschaftlich erforderliche „political correctness“.

Das alte Humboldtsche Ideal für die Persönlichkeitsentwicklung, „Einsamkeit und Freiheit“, wird zunehmend ersetzt durch „Gruppendynamik“ und Anpassung. Die Ergebnisse liegen auf der Hand: Frust und Resignation auf der einen, Flucht oder Widerstand bis zur Gewalt auf der anderen Seite. Dass unter solchen Umständen die alte Goethe-Weisheit: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, keine Bedeutung mehr hat, liegt auf der Hand. Das Erbe – blicken wir doch nur auf den Reichtum der ostdeutschen Kultur mit ihren Perlen und Schätzen – liegt unbeachtet und vergessen am Wegesrand der deutschen Gesellschaft und ihrer politischen Repräsentanten, wird als Erbe nicht erkannt, und von Erwerben, „um es zu besitzen“, kann keine Rede sein, nachdem die Lehrstühle gestrichen, die Lehrinhalte in den Schulen getilgt und die Bildung im Bereich dieses Erbes versiegt sind – alles dank der hochgerühmten Kulturhoheit der Länder, die je nach politischer Opportunität nach jedem Regierungswechsel sogar die Methode des Lesenlernens – Buchstaben, Silben, Ganzwort – neu erfindet. Erziehung und Bildung als Experimentierfelder für „Pädagogen“ mit Kindern als „Versuchskaninchen“.

Wer heute Kinder und Enkel hat und selbst an seine Eltern und Großeltern zurückdenken kann, sich also im Mittelfeld innerhalb eines Fünf-Generationen-Zusammenhangs sieht, der hat zum einen den bedrückenden Schuld- und Verantwortungszeitraum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Blick und auf den Schultern, aber auch die lange Zeit großer deutscher und europäischer Geschichte davor. Zum anderen sieht er, dass Kinder und Enkel in einem nie geahnten Ausmaß und in einer undurchschaubaren Dimension in eine Zukunft hineinwachsen, deren grandiose Techniken und digitalen Wunderwerke „den Faden verloren“ haben und von einem „Gesetz der abnehmenden Relevanz“ regiert werden, der Gleichgültigkeit und Indifferenz, bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht, wo offenbar auch niemand mehr weiß, auf welchen Fundamenten Deutschland und Europa stehen.

Unter diesen Umständen kann es nur als Ausdruck der Hilflosigkeit gewertet werden, wenn allerorten und zu allen Zeiten die „Werte“ beschworen werden, auf denen wir angeblich stehen oder denen wir verpflichtet sind. Welche Werte denn? Sieht es denn nicht eher danach aus, als seien wir schon seit geraumer Zeit dabei, unter großem Beifall der Medien („Talkshows“) und zahlreicher Agenten der veröffentlichten Meinung diese „Werte“ zu zerreden, in „interkultureller“ Beliebigkeit aufzulösen und zu nivellieren? So gerät in Vergessenheit, dass es gerade Fundamente sind, die jeglichen Fundamentalismus ausschließen, dass eine Gesellschaft gerade in der Differenzierung zu einem Ganzen wächst, das den Herausforderungen gewachsen ist.

Klaus Weigelt (KK)

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