Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1238.

Gegenstandsfrei, doch wirklichkeitsnah

Vor 80 Jahren wurde Otto Herbert Hajek, der Meister der klassischen Moderne, im böhmischen Kaltenbach geboren

Er schloß sich nicht in sein Atelier ein, mied nicht die Öffentlichkeit. Otto Herbert Hajek liebte sein künstlerisches Schaffen, und er zeigte seine Arbeiten gerne dem Publikum. Seine erste Einzelausstellung hatte er als 24jähriger Student im Jungen Theater in Stuttgart. In den folgenden Jahrzehnten konnte man seine Werke in mehr als 500 Ausstellungen erleben. Hinzu kommen seine dekorativen Arbeiten an Gebäuden und seine Skulpturen in Grünanlagen und auf Plätzen.

Frühzeitig ließ er sich von der Natur anregen zu Landschaftsbildern. Über seine „Raumschichten“, „Raumknoten“ und „Farbwege“ gelangte er dann zu den gegenstandsfreien Kompositionen der Fläche bis zu den körperhaften und architektonischen Skulpturen, die ihn berühmt gemacht haben. Bisweilen stand der Künstler auch im Dienste der Kirche. 1953 schuf er die figurale Altarwand in St. Aurelius in Hirsau, zehn Jahre danach enstand der Kreuzweg für die Gedächtniskirche Maria Regina Martyrium in Berlin-Plötzensee, und 1972 fand die Ausmalung der St.-Josephs-Kirche im westfälischen Bünde statt.

Der Maler, Bildhauer und Grafiker war auch als Professor an der Karlsruher Kunstakademie tätig und als Gastprofessor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Seine Vortragsreisen führten ihn buchstäblich in die ganze Welt, bisweilen im Auftrag des Goethe-Institutes und begleitet mit Ausstellungen. Im australischen Adelaide war er zugegen, als die britische Königin Elisabeth II. das von ihm geschaffene Kulturzentrum einweihte.

Otto Herbert Hajek, Sohn eines Landwirtes, stammte aus dem böhmischen Dorf Kaltenbach. Sein Gymnasialstudium begann unweit von da in Prachnitz und fand 1947 in Erlangen mit dem Abitur den Abschluß. Auch ihm blieb wie seinen Landsleuten die Flucht in den Westen nicht erspart. In einem Gespräch äußerte sich der Künstler einmal: „Ich habe mit gar nichts angefangen. Nach dem Abitur begann ich mit dem Studium an der Akademie zu Stuttgart, wo ich als Staatenloser kein Stipendium bekommen konnte. Ich wollte Bildhauer werden. In meiner Dorfumgebung der Volksschulzeit gab es nur Handwerk, Schnitzen, Steinmetze und die Grabmalkunst… Ich kam an die Akademie nach Stuttgart. Dort stand ich mit meiner Herkunft und meiner Kunstauffassung ein bißchen abseits und suchte deswegen verstärkt nach Realisierungsmöglichkeiten für meine Kunst außerhalb der Akademie. Meine Arbeiten sind in der Akademie belächelt worden. Es hieß unter anderem, ich sei mit meiner Modernität Totengräber der Kultur, dabei wußten jene damals noch wenig von der Moderne.“

Qualitativ und quantitativ bestimmen die gegenstandsfreien Kompositionen der Fläche und des Körpers Hajeks Œuvre. Naturstudien und Landschaftsbilder gehören seinem Frühwerk an. Das Thema Kunst und Natur blieb aktuell, freilich auf andere Weise, es entstanden Skulpturen in Grünanlagen. Sie bieten Gegensätze an: Statik der Stelen gegen die vom Wind bewegten Äste und Zweige und gegen das im Licht flimmernde Laub. Geometrie gegen die organisch gewachsene Pflanzenwelt. Monochromie von Stahl, Stein und Holz sowie Glanz des Aluminiums gegen die bunte Natur besonders im Herbst. Aus Hajeks Malerei und Grafik, bisweilen auch der Betonplastik, ist die Farbe allerdings nicht fortzudenken; sie ist wichtig und bestimmt mit den geometrischen Formen seine gegenstandsfreien Kompositionen. An der Wand angebracht, beherrschen diese Arbeiten dank des Kontrastes und der Intensität des Kolorits den Raum. Damit steht der Maler dem Bildhauer ebenbürtig zur Seite.

Durch die mannigfaltigen Aktivitäten als Maler, Bildhauer, Grafiker, Raumgestalter, Pädagoge, Autor, mit seinen Vorträgen und überhaupt mit seinem gewinnenden Wesen hat sich Hajek Freunde, Anerkennung, Bewunderung erworben. Natürlich blieben auch Kunstpreise nicht aus, zum Beispiel wurde er mit dem Lovis-Corinth-Preis der Künstlergilde und der Jan-Stursa-Medaille des tschechischen Kultusministeriums ausgezeichnet.

Den 65. Geburtstag würdigte Ernst Schremmer in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ und erinnerte: „Aus Kaltenbach unweit der Moldauquelle, in eintausend Meter Höhe, in einer Landschaft, in der sich seit Jahrhunderten die beiden Völker Böhmens begegnen, kommt der Künstler her.“ Ferner zitierte Schremmer das Lob, das David Dolan in der australischen Presse und Miroslav Lamac in der Prager Zeitung „Lidova Democracie“ über Hajek veröffentlich hatten. Und zum 70. Geburtstag des Künstlers schreibt Georg Aescht in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“: „… freundliche Entschiedenheit prägt auch Hajeks öffentliches Auftreten mit der Kunst und für die Kunst. Sie hat ihm nicht nur Freunde beschert, schließt Feindschaft jedoch schon aus ästhetischen Gründen von vornherein aus. Sinn und Sinnlichkeit, politisch-moralisches Denken und Lust am Gestalten gehen im Werk dieses Künstlers eine Verbindung ein, wie man sie der gesamten Republik wünschte, die ihm so sehr am Herzen liegt, daß er sie ständig neu zu ‚bilden‘ sucht.“

Otto Herbert Hajek, diese vielseitig engangierte und vitale Persönlichkeit, hat seinen 80. Geburtstag nicht mehr erlebt, er starb drei Jahre davor in Stuttgart, fernab von seiner alten geliebten Heimat, jenem Kaltenbach, das ihn nur noch mit seinem Namen zu erfrischen vermochte.

Günther Ott (KK)

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