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Ausgaben: Ausgabe 1353.

Gegenwärtigkeit von Vergangenheit

Erinnern und Aufarbeiten gewaltbelasteter Zeitgeschichte in Osteuropa als Thema einer Tagung

GegenwärtigkeitRenovabis, die Deutsche Kommission Justitia et Pax und die Jesuitenhochschule für Philosophie luden Anfang Februar in Kooperation zu einem Studientag über den Umgang mit den Folgen gewaltbelasteter Vergangenheit in Mittel- und Osteuropa in die Münchner Hochschule. Unter Moderation von Professor Michael Reder ging es um Formen wie Traditionen des Erinnerns und Aufarbeitungsprozesse in Russland, Polen, Rumänien, der Ukraine und Deutschland.

Wie Professor Reder eingangs betonte, befinden sich die durch die bösen Erfahrungen der Vergangenheit gespaltenen Zivilgesellschaften und Völker erst im Übergang zum friedlichen Zusammenleben. Voraussetzung sind Erinnern, Verzicht auf Rache, Bekenntnis zur geschichtlichen Wahrheit und Versöhnung in verschiedenen Formen. Vergebung heißt nicht vergessen. Ein einfacher Schlussstrich – wie ihn der frühere polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki im Sejm forderte – genügt nicht. Allein in Polen – so Lukasz Kaminski vom Warschauer Institut Pamieci Narodowej – bemühen sich 580 Strafverfolger zum Teil in Zusammenarbeit mit Yad Vashem um Aufarbeitung früherer Verbrechen. Ob auch mit Verbrechen an Deutschen, blieb offen. In der heutigen Zusammenarbeit mit Minderheiten, auch den Ukrainern, bewege sich etwas. „Erika Steinbach kennt heute jedes polnische Kind, aber an einer Vertreibungsdiskussion besteht wenig Interesse.“ Rund 30 Studiengruppen dagegen beschäftigen sich mit der Kooperation polnischer und sowjetischer Geheimdienste. Die russisch-polnische Geschichte ist nicht aufgearbeitet. Kaminski : „Für eine Aussöhnung zwischen Russen und Polen sehe ich in den nächsten Jahren keine Chance.“

Die Journalistin und Historikerin Irina Sherbakova von „Memorial“ in Moskau wies auf den schwierigen Umgang mit der Vergangenheit hin. Angesichts einer eher ernüchternden Gegenwart mehren sich die Tendenzen, die kommunistische Vergangenheit in einem positiven Licht zu sehen und die zahllosen Opfer des Systems als zwangsläufige Begleiterscheinung auf dem Weg zur Weltmacht einzuordnen. Der gegenwärtige Konflikt mit der Ukraine fügt sich – wenn man die Reaktionen in Russland beobachtet – in diese bedenkliche Entwicklung ein. Was den „Vaterländischen Krieg“ betrifft, so sehen sich die Russen als Opfer, da jede Familie mindestens einen Toten zu beklagen hat. Welches Leid die Sowjetunion über die von ihr abhängigen Länder wie Polen, Ungarn, die Ukraine und die CSSR gebracht hat, wird kaum diskutiert. Dabei ist die Anerkennung der Schuld die Voraussetzung für Versöhnung. Verdeckt wird das auch durch die Wiedereinführung der Nationalhymne der Sowjetzeit.

Professor Radu Preda vom 2005 gegründeten und direkt dem Ministerpräsidenten unterstellten „Institut zur Erforschung der kommunistischen Verbrechen“ in Bukarest wünschte sich eine „Pädagogik der Erinnerung“ in den rumänischen Schulbüchern. Auffallend sei, dass die Ereignisse von 1914 überwiegend im Westen und nicht im Osten gewürdigt wurden. Der rumänische Verband der Opfer des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen sei inzwischen bedeutungslos. „Die Opfer sind ausgewandert.“ Geblieben ist als nationale Gedenkstätte das „Prison of Silence“, 2007 vom Institut übernommen, das durch Einzelhaft und das strikte Gebot der Stille besonders grausame Gefängnis von Rîmnicu Sarat, in dem die Kommunisten missliebige Politiker und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens einkerkerten.

Professor Myroslaw Marynovych von der Ukrainisch-Katholischen Universität Lemberg beklagte, dass der ukrainische Versuch, in einem Rechtsstaat zu leben, misslungen sei. „Wir wollten Gerechtigkeit und Bestrafung – nichts ist geschehen. Das Opfer hat ein Recht auf Entschädigung, selbst aber die Verantwortung zu vergeben. Solche Fragen allerdings werden im gegenwärtigen Krieg nicht diskutiert. Bevor wir die Vergangenheit bewerten, müssen wir erst einmal überleben. Der Krieg hat unsere Situation völlig verkehrt, wieder müssen wir an allen Ecken Kompromisse – auch mit den alten Eliten – schließen. Unsere ganze Hoffnung ruht auf der jungen Generation.“

Jörg Lüer von Justitia et Pax (Berlin) und Vorstandsmitglied in der Stiftung „Flucht –Vertreibung – Versöhnung“, verwies in seinem Grundsatzreferat auf die existentiellen Folgen von Gewalterfahrung. Zwischen den einst verfeindeten Völkern müsse es um die schmerzhafte, aber ehrliche Aufarbeitung und die Wiederherstellung von Vertrauen in gesellschaftlich-sozialen wie persönlichen Beziehungen gehen. „Nicht alles kann geheilt werden, man muss mit Verletzungen leben. Das ist ein schwieriger Prozess in tätiger Geduld mit Generationenperspektive.“

Norbert Matern (KK)

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