Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1337.

Gemeinschaft beginnt im Kleinen

12. Kongress der Arbeitsgemeinschaft Kommunaler Partnerschaften mit intensiver polnischer Beteiligung

Gemeinschaft-beginnt1Der Blick nach vorn fällt leichter, wenn man festen Boden unter den Füßen hat und sicher steht. Die Arbeitsgemeinschaft Kommunaler Partnerschaften (AKP) hatte sich für ihren 12. Kongress mit Bedacht einen Rahmen gewählt, der beides miteinander verband: das profunde historische und zugleich wertgetragene Ambiente des Tagungsortes und die Offenheit für Visionen, deren Europa in der gegenwärtigen Krise so dringend bedarf.

Zum Thema „Die europäische Vision – der Wert der Partnerschaftsbewegung in der Krise“ tagte man in der Abtei Brauweiler, einem europäischen Erinnerungsort ganz besonderer Art. Schon vorher hatte es bedeutende Tagungsorte für die seit über einem Jahrzehnt jährlich stattfindende Konferenz gegeben: das Hambacher Schloss oder Dresden, das Schloss Groß Stein in Schlesien oder Elbing und Allenstein im Norden Polens.

Die mit dem diesjährigen Tagungsort beschworene deutsch-polnische Verbindung reicht gar tausend Jahre zurück ins 11. Jahrhundert, als der lothringische Pfalzgraf Ezzo mit Mathilde, der Tochter von Kaiser Otto II. und Kaiserin Theophanu, zehn Kinder hatte, darunter die Tochter Richeza (995–1063). Diese wurde Königin von Polen und eine große Gönnerin der 1024 begründeten Benediktinerabtei Brauweiler, der Papst Benedikt VIII. Reliquien des heiligen Nikolaus schenkte.

Karl-Heinz Gierden, der langjährige Oberkreisdirektor des Erftkreises und Initiator der deutsch-polnischen Kulturwoche, schilderte in einem lebendigen Vortrag die lange Geschichte der Abtei und ihren Beitrag zur deutsch-polnischen Geschichte. Sein Amt als Vorsitzender des Freundeskreises der Abtei hat er vor einem Jahr an den früheren Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers abgegeben, der in seinem Eröffnungsvortrag die historischen Grundlagen mit den gegenwärtigen Erfordernissen zu verbinden wusste. Die Partnerschaftsbewegung müsse politisch relevant werden in dieser Zeit, rief er den polnischen Kommunalpolitikern aus Elbing, Masuren und Schlesien wie den deutschen aus Schleswig-Holstein, Westfalen und dem Rheinland zu. Andrzej Porawski, Direktor des Polnischen Städtetages, unterstrich diese Forderung mit der Bemerkung, in Europa müsse neben die kulturelle eine strategische Partnerschaft der Kommunen treten, verbunden mit einer politischen Aufwertung des Ausschusses der Regionen in Brüssel.

Gemeinschaft-beginntBernd Hinz, der Begründer der AKP, die inzwischen zu einem anerkannten deutschpolnischen Dialogforum herangereift ist, betonte in seiner Begrüßung und als Gesprächsleiter immer wieder die wichtige Rolle der Kontinuität und Partnertreue in den bilateralen Beziehungen, ohne die kein Vertrauen wachsen, keine Visionen Gestalt annehmen können. Hans Jörg Duppré, Präsident des Deutschen Landkreistages, ergänzte diese Überlegung durch den konkreten Hinweis, dass ohne praktizierte Subsidiarität und Transparenz das Projekt Europa nicht gelingen könne. Jürgen Rüttgers und der frühere Landrat des Erftkreises, Werner Stumpf, hatten zuvor ernüchternde Beispiele für die immer noch wirkenden Verwaltungshindernisse im grenzüberschreitenden Nachbarschaftsverhältnis dargelegt, wie die Behinderungen der Polizei- oder Feuerwehrzusammenarbeit.

Das Gespräch über die Alltagsschwierigkeiten in der EU und die Probleme der Krise fand immer wieder eine Rückbindung an die bewährten historischen Traditionen und Werte, auf die insbesondere Bernhard Worms als Präsident der Europäischen Seniorenunion in seinem Schlussvortrag nachdrücklich einging. Er erinnerte die Konferenzteilnehmer an die Gemeinsamkeiten von Polen und Deutschen in ihrem Glauben, ihrer Verpflichtung auf die Würde des Menschen und auf die Nächstenliebe. Angesichts der heutigen Bedeutsamkeit dieser Überzeugungen sollte man das „Gepäck der nationalstaatlichen Vergangenheit“ getrost ablegen und die gemeinsame Partnerschaft fruchtbar weiterentwickeln. Das hatte auch der Vertreter des polnischen Generalkonsuls in Köln in seinem Grußwort hervorgehoben angesichts des bevorstehenden Jahres der Jubiläen 2014: 75 Jahre Beginn des Zweiten Weltkrieges, 25 Jahre Fall der Mauer, 15 Jahre NATO-Mitgliedschaft und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft Polens.

Neben Tradition und Alltag hatte aber auch die Vision ihren Platz in der bemerkenswerten Konferenz. Der nordrhein-westfälische Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten, Marc Jan Eumann, zeichnete das europäische Gesicht seines Landes, in dem seine Einwohner mit Polen und Heimatvertriebenen unter einem Dach eine gute Zukunft haben. Janusz Marszalek, der frühere Stadtpräsident von Auschwitz, stellte das „Friedenszentrum“ auf dem Erinnerungs- und Friedenshügel in Oswiecim vor, an dem auch die Europäische Seniorenunion beteiligt ist, und warb für dieses Anliegen, das bis 2015 Realität werden soll. Schließlich stellte Marcus Kremers am Beispiel der Telemedizin drei spannende Gegenwarts- und Zukunftsprojekte vor, die bereits jetzt auch die deutsch-polnische Zusammenarbeit prägen.

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass die Teilnehmer des Kongresses im Hansesaal des Historischen Rathauses der Stadt Köln durch einen Empfang geehrt wurden, bei dem sowohl Oberbürgermeister Jürgen Roters als auch Bürgermeister Hans-Werner Bartsch das Wort an die polnischen und deutschen Gäste richteten.

Jürgen Rüttgers erinnerte in Brauweiler an Konrad Adenauer, der dort von der Gestapo inhaftiert war. Adenauer habe Europa nicht mit einem konstruierten Bauwerk, sondern mit einem Baum verglichen, dessen Wachstum mit Umsicht begleitet werden müsse. Dafür seien alle Bürger Europas mit ihren zwei Staatsbürgerschaften – europäischer Bürger und nationale Identität – verantwortlich. Die Kommunen als die Lebenswelt der Menschen, darin waren sich alle Konferenzteilnehmer einig, sind erst am Anfang der ihnen zustehenden Bedeutung. Es bleibt also noch viel zu tun.

Klaus Weigelt (KK)

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