Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

„Gemeinschaftsbild und Gemeinschaftskräfte“

Er hat sie erforscht und gelebt: Karl Josef Hahn

Am 10. November wäre Karl Josef Hahn 100 Jahre alt geworden, ein Sudetendeutscher aus Karlsbad, der nach dem Krieg in Holland und Rom für die Europäische Volkspartei wegweisende Impulse gab. Deshalb würdigte das in Nidda ansässige Institut für Kirchengeschichte von Böhmen–Mähren– Schlesien diesen christlich-demokratischen Politiker. Die Professoren Rudolf Grulich und Adolf Hampel stellten die Verdienste des Verstorbenen vor, den beide persönlich kannten und mit dem sie Jahrzehnte lange Zusammenarbeit verband. Grulich betonte, daß Hahn im Ausland stets mehr gewürdigt wurde als in Deutschland und daß er nach der Wende in Prag wieder die tschechische Staatsbürgerschaft erhielt. Die Tschechoslowakische Hussitische Kirche ehrte ihn 1993 mit einer kleinen Ausgabe seiner Erinnerungen an die Zeit in Karlsbad 1938 und in Utrecht 1942.

Nach der Matura in Karlsbad studierte Hahn an der Deutschen Universität in Prag deutsche Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte. 1932 weilte er für ein Jahr als Student von Karl Jaspers in Heidelberg. Das Thema seiner germanistischen Dissertation in Prag 1935 war „Gemeinschaftsbild und Gemeinschaftskräfte Stefan Georges“, die in Halle 1938 im Druck erschien. Im selben Jahre veröffentlichte er das Buch „Adalbert Stifter. Religiöses Bewußtsein und dichterisches Werk“.

Da Hahn aktiv in der Deutschen Christlichen- Sozialen Partei und im Reichsverband der deutschen katholischen Jugend mitarbeitete, bedeutete das Jahr 1938 für ihn eine Katastrophe. Seine Frau war eine Jüdin, die bereits vor der Heirat katholisch geworden war. Als nach dem Münchner Abkommen die neuen Machthaber auch in Karlsbad wie im ganzen Reich die sogenannte Kristallnacht mit den Übergriffen gegen
die jüdischen Mitbürger verübten und die Juden in einem „Schandmarsch“ durch Karlsbad trieben, da marschierte Karl Josef Hahn mit seiner blonden Frau an der Spitze des Elendszuges. In einem kleinen Heft „Kristallnacht in Karlsbad“ beschreibt er voller Schmerz, wie sich damals seine Heimatstadt verändert hatte, in der Goethe zwölfmal gewesen war und Beethoven dreimal.

Das Ehepaar Hahn floh dann in die Rest- Tschechoslowakei und konnte mit Hilfe Jan Patockas, mit dem sich Hahn Weihnachten 1938 im Prager Café Slavia traf, nach Holland ausreisen. Nach dem Krieg war Hahn Dozent für deutsche Literatur an der Katholischen Universität Nijmegen und Lehrer der deutschen Sprache in Utrecht und später Leiter des Sprachendienstes beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Von 1956 bis 1960 war er Auslandssekretär der niederländischen Christdemokraten und dann 22 Jahre bei der Europäischen Volkspartei (EVP) in Rom, zunächst als Redakteur des Studien- und Dokumentationszentrums der christlich-demokratischen Parteien Europas und Lateinamerikas, später als stellvertretender Generalsekretär der EVP und als Mitglied des Präsidiums der Weltunion der Christdemokraten.

Hampel wies darauf hin, daß Hahn in der ganzen Zeit gute Kontakte zur tschechischen Emigration unterhielt, auch zu Kardinal Beran nach dessen Freilassung und vor allem zum Auslandsbischof Jaroslav Skarvada. In der Nachkriegszeit hat er auch früh den Gründer der Ostpriesterhilfe, Pater Werenfried van Straaten, kennengelernt und ihm Hilfe bei der Organisation des Ersten Kongresses „Kirche in Not“ in Hilversum geleistet. Später war er oft in Königstein. Nach der Samtenen Revolution in Prag sei Hahn als Pensionär noch einmal richtig aufgelebt, betonte Grulich. Als 80jähriger organisierte Hahn in Holland das Symposium zur Feier des 400. Geburtstages von Jan Amos Comenius und beriet wissenschaftliche Konferenzen über Jan Hus in Bayreuth, Karlsbad, Prag und Rom.

Karl Josef Hahn starb am 13. Juli 2001 in Amerfoort. Bei der Trauerfeier am 19. Juli in Bilthoven sprachen der frühere niederländische Ministerpräsident Piet de Jong und die ehemaligen Außenminister Frans Andriessen und Pieter Kooijmans, die das europäische Engagement Hahns würdigten, der seine Arbeit für die Christliche Demokratie auf europäischer und auf Weltebene aus seinem tief verwurzelten Glauben heraus leistete.

Karl Josef Hahn hat hohe Auszeichnungen erhalten. In seiner zweiten Heimat war er Officier in de Orde van Oranje Nassau und Ridder in de Orde van de Nederlandse Leeuw. Er war Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und des Silberkreuzes der Republik Österreich. Andere Ehrungen waren die Robert-Schuman-Medaille des Europäischen Parlamentes und die Joseph-Bech-Medaille der FVS-Stiftung in Hamburg. Außerdem war er Commendatore der Republik Italien, Offizier des O’Higgins-Ordens der Republik Chile und Kommandeur des Belgischen Kronenordens.

Unter seinen Publikationen ragen Arbeiten in holländischer Sprache hervor, erläuterte Hampel. Es seien Bücher, die nach dem Krieg in den Niederlanden viel zum Verständnis für Deutschland beigetragen haben, wie „Duitsland als geestelijk probleem“ und „Konrad Adenauer. Fysionomie van een staatsman“. Hahn habe nach dem Krieg auch die Friedensarbeit des Papstes Pius XII. gewürdigt. In „Standplats Europa. Memoires van een christdemocrat“ erfahre man viel über seine Visionen für Europa. Mit August Lücker, den er 1948 erstmals bei der europäischen Konferenz christlich-demokratischer Politiker kennengelernt hatte, gab er 1987 heraus: „Christliche Demokraten bauen Europa“.

Über dem Politiker dürfe auch der Germanist Hahn nicht vergessen werden, ergänzte Grulich. Nach seinen Vorkriegsarbeiten veröffentlichte er 1949 die Studie „Rainer Maria Rilke“ und schrieb in verschiedenen Sammelbänden und im „Hochland“ sowie in holländischen, belgischen, französischen, englischen und italienischen Zeitschriften über deutsche Dichter wie Werner Bergengruen, den er persönlich kannte, und Stefan Andres, mit dem er seit 1935 Kontakt hatte, als Andres wegen seiner jüdischen Frau im Riesengebirge Zuflucht suchte. Was Hahn über den sudetendeutschen Kulturpreisträger Erwin Guido Kolbenheyer schrieb, sei auch heute wichtig für das Verständnis des oft umstrittenen Dichters und Philosophen.

(KK)

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