Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1253.

Genius loci als guter Geist

Trinationales Studentenkolloquium zum Widerstand in Kreisau

Die auf die Initiative der deutschen Hochschule Vechta, der französischen Université d’Angers und des Instituts für Germanistik der Universität Grünberg/Zielona Góra veranstalteten trinationalen Studentenkolloquien können sich schon einer 17jährigen Tradition rühmen. Alljährlich treffen sich Jugendliche in jeweils einem anderen (Universitäts-) Gastort, um über historisch-kulturelle Themen zu diskutieren, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und sie dann am letzten Seminartag im Forum zu präsentieren. Die Gastgeberrolle wurde in diesem Jahre von Germanisten aus Grünberg/Zielona Góra übernommen. Weiterhin wurde die deutsche Seite von Professor Eberhard Ockel und Professor Claus Ensberg (Vechta), die französische von Professor Manfred Gangl und Dr. Christophe Dumas vertreten. Dieses Jahr tritt Eberhard Ockel als langjähriger Kolloquiumspatron in den Ruhestand. Das Studentenkolloquium ist auch dank der finanziellen Unterstützung seitens der Universität Grünberg/Zielona Góra zustande gekommen.

Das Sujet des Seminars in Kreisau hat mit dem Veranstaltungsort hervorragend korrespondiert: „Die Widerstandsbewegungen in Deutschland, Frankreich und Polen im 20. Jahrhundert“. Das ist kein Zufall. In Kreisau wurde im Jahre 1940 ein antifaschistischer Kreis ins Leben gerufen. Die Gruppe von etwa 26 gleichgesinnten Deutschen (darunter Helmuth James und Freya von Moltke oder Peter und Marion Yorck von Wartenburg) teilte die Vision vom freien demokratischen Deutschland. Betonenswert ist ebenso das Faktum, daß hier auf dem ehemaligen Landgut der Familie von Moltke am 12. November 1989 eine Begegnung von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki mit einer Versöhnungsmesse möglich waren.

Noch vor dem Kolloquium wurden drei Diskussionsforen gebildet: „Der Kreisauer Kreis“, „Die Weiße Rose“ und „Der christliche Widerstand“. Anhand dieser Gegenstände konnte die deutsche mit der französischen und der polnischen Sicht konfrontiert werden. Für die Teamarbeit waren insgesamt 20 Stunden und eine Workshop-Form vorgesehen. Die Studierenden zeigten dabei zahlreiche historische Parallelen unter den drei Nationen auf. Erörtert wurde die Tätigkeit der Kreisauer, der Geschwister Scholl, des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, diskutiert die Rolle der Solidarnosc, des vom kommunistischen Regime 1984 ermordeten polnischen Priesters Jerzy Popieluszko, der Pfadfinder-Widerstandsgruppe „Szare Szeregi“ (Graue Reihen) und der französischen Résistance. Die Kenntnisse konnten durch entsprechende fachliterarische Texte und Filmvorführungen (Dokumentar-DVD-Material „Auf den Spuren der Kreisauer“, Margarethe von Trottas „Die Rosenstraße“ und Marc Rothemunds „Sophie Scholl – die letzten Tage“) ergänzt werden.

Am letzten Seminartag stellten die Studenten Ergebnisse ihrer viertägigen Arbeit vor. Ihrer Präsentation verliehen sie eine reizvolle Form von kurzen Theaterszenen, Minivorträgen und Musikauftritten. Dies ermöglichte auch die mit modernen Multimedien ausgestattete Aula der Stiftung Kreisau.

Das Programm jedes Kolloquiums enthält auch kulturelle Veranstaltungen. Dieses Jahr wurden den deutschen und französischen Gästen mehrere Attraktionen geboten: Besichtigung der niederschlesischen Odermetropole Breslau, Besuch im Musiktheater „Capitol“, Besuch in der Schweidnitzer Basilika St. Stanislaus und St. Wenzel und in der Friedenskirche sowie eine Führung über das Stiftungsgelände Kreisau. Der letzte Akzent wäre ohne große Hilfsbereitschaft und freundliches Entgegenkommen der Bildungsreferentin Sabine Schmalzried und der Mitarbeitergruppe nicht möglich gewesen.

Von der Tatsache, daß eine authentische Begegnung mit der Geschichte wahr werden kann, konnten sich die Kolloquiumsteilnehmer 2001 und 2004 selbst überzeugen. Vor sechs Jahren hatten die Dozenten und Studierenden die Ehre, Freya von Moltke als Gast auf ihrem Seminar zu begrüßen. Ihr Sohn Helmuth Caspar ist drei Jahre später auch auf der Veranstaltung gewesen. Deshalb besteht die Hoffnung, daß sowohl die Zusammenarbeit der drei Universitäten als auch die Ideen einer multikulturellen Verständigung erfolgreich fortgesetzt werden und die Gedanken eines Dialogs und der vielseitigen Geschichtsbetrachtung sich als fruchtbringend für nächste Generationen erweisen.

Liliana Sadowska und Izabela Taraszczuk (KK)

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