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Ausgaben: Ausgabe 1268.

Gerhart Hauptmann als Inbild, sein Tod als Sinnbild

Günter Gerstmann (Hg.): „Bin ich noch in meinem Haus?“. Die letzten Tage Gerhart Hauptmanns, berichtet und erläutert mit weiteren Texten von Gerhart Pohl. Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek, Herne 2008

Die Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek in Herne hat jetzt eine weitere Nachauflage des bewegenden Berichts von Gerhart Pohl über die letzten Tage von Gerhart Hauptmann, „Bin ich noch in meinem Haus?“, herausgebracht. Es ist die vierte seit 2003! Das spricht dafür, daß dieses bemerkenswerte Werk eines schlesischen Autors über einen anderen schlesischen Autor nicht nur bleibenden, sondern steigenden Wert besitzt.

Es ist ein großes Verdienst Günter Gerstmanns, diesen erschütternden Bericht Gerhart Pohls über das turbulente letzte Lebensjahr Gerhart Hauptmanns wieder zugänglich gemacht zu haben und präsent zu halten. Diese Ausgabe enthält eine Reihe weiterer Texte, in denen Gerhart Pohl aus seinem Wolfshauer „Waldwinkel“ freundschaftlich auf den Agnetendorfer „Wiesenstein“ schaut, wo sein bewunderter Landsmann und Kollege Gerhart Hauptmann residierte. Sie wohnten nur wenige Kilometer voneinander entfernt, und Pohl war ein vertrauter Gast bei den Hauptmanns.

So fußt denn auch sein Bericht auf einer intimen Kenntnis der Verhältnisse und einer Teilhabe an den Ereignissen. Der Autor Pohl versteht es, erlebbar zu machen, wie Hauptmann am Ende seines Lebens darum gerungen hat, seine geistige Welt in der Aura des „Wiesensteins“ zu bewahren und gegen alle Anfechtungen zu behaupten. Er fühlte sich im Kern als deutscher Dichter schlesischer Mundart und wollte auf dem „Wiesenstein“ in schlesischer Erde seine Ruhe finden. Weshalb er dann zwar noch in seinem Haus starb, aber auf Hiddensee zu Grabe getragen wurde, ist eine bewegende Geschichte, die Gerhart Pohl einfühlsam erzählt.

Er bleibt dabei nah am Geschehen, ohne viele Reflexionen. Die Begebenheiten sprechen für sich. Ob es der Untergang des geliebten Dresden, den Hauptmann erleben mußte, ob es der letzte Besuch eines NS-Repräsentanten auf dem „Wiesenstein“ oder der erste eines sowjetischen Kommandanten wie auch eines noch nicht genauer zu bestimmenden polnischen Machthabers ist: Der „Wiesenstein“ behält im Umsturz eine magische Schutzhülle – aus Respekt vor dem weltberühmten Dichter und dank plakatierter Schutzbriefe sowjetischer Kommandanten und polnischer Repräsentanten. Dennoch lauern gemeine Begehrlichkeiten nach dem nicht geringen Besitz des berühmten Mannes. Unberechenbare Gefahren drohen!

Aus Berlin kommt Johannes R. Becher mit verlockenden Offerten für Hauptmann und Pohl. Auch die Sowjets machen Angebot um Angebot – Versorgung, Ehrungen, Villa in Berlin oder Dresden. Hauptmann sollte das Land seiner Wurzelkraft freiwillig verlassen. Und der Greis zögerte bewußt, verzögerte die Zusage, zögerte die Termine hinaus. Der Tod in Schlesien war sein Ziel. Mit der gesteigerten Hellsicht der Gnade im Zerfall begriff er sich als das Sinnbild des deutschen Schicksals – nicht mehr durch sein Werk, nein, durch die fortzeugende Tat für die überlebenden und nachfolgenden Deutschen. So deutet Gerhart Pohl in einem der beigefügten Texte das letzte Wort des Dichters: „Bin ich noch in meinem Haus?“ Hauptmann klammert sich an den „Wiesenstein“ – und stirbt in Agnetendorf.

Er wurde jedoch nicht dort zur Ruhe gebettet, weil die Zeichen auf Störung dieser Ruhe mehr als deutlich waren. So entschloß sich die Witwe, das Angebot der sowjetischen Kommandantur anzunehmen, den Toten und seine Habe mit einem Sonderzug samt seinen Angehörigen, zu denen auch Gerhart Pohl zählte, auf die Insel Hiddensee zu bringen, wo er zu Grabe getragen wurde. Auch das geriet zu einem abenteuerlichen Unternehmen. Dieser Bericht macht deutlich, wie sehr der Dichter bis zum Ende mit dem deutschen Schicksal verwoben war.

Die beigefügten Aufsätze, besonders der über Gerhart Hauptmanns Verhältnis zu Griechenland, weiten die strenge und enge Verknüpfung zwangsläufig aus. Sie deuten an, daß er nicht nur ein Deutscher, sondern, wie er selbst einmal feststellte, auch ein halber Hellene war. Das Weltbürgerliche gehört zu einer Dichterpersönlichkeit Hauptmannschen Formats. Insofern war die Beifügung ab der zweiten Auflage von Gerhart Pohls „Bin ich noch in meinem Haus?“ eine Bereicherung. In seinem Nachwort deutet Günter Gerstmann an, daß dieses Werk einen besonderen, neuralgischen Punkt in einer besonderen Umbruchzeit im Leben Hauptmanns wie auch Pohls blitzlichtartig erhellt und ein einmaliges, unersetzliches Zeugnis für Gerhart Hauptmanns letzte Tage ist.

Albrecht Börner (KK)

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