Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1368.

Geschichte denken heißt, gegen sie denken

Das Brünner Symposium versucht es – in alle Richtungen

Mehrere Aspekte beinhaltete heuer das von der Ackermann-Gemeinde und der Bernard-Bolzano-Gesellschaft organisierte Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ in der mährischen Hauptstadt Brünn. Zum einen das Tagungsthema „Wie viel Vielfalt vertragen unsere Gesellschaften? Der Umgang mit Flüchtlingen in historischer und europäischer Perspektive“, zum anderen zwei Rückblicke: auf das von der Stadt Brünn im letzten Jahr ausgerufene „Jahr der Versöhnung“ und auf 25 Jahre Iglauer bzw. Brünner Symposium. Diese Faktoren veranlassten fast 300 Menschen aus Deutschland, Tschechien, Österreich, Polen und der Slowakei zur Teilnahme – so viele wie nie zuvor.

„Das Brünner Symposium hat seit langem einen festen Platz im deutsch-tschechischen Dialog“, stellte etwa Dr. Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven, der deutsche Botschafter in der Tschechischen Republik, in seinem Grußwort fest. Dass Botschafter Tschechiens, Deutschlands und Österreichs bei der Tagung präsent sind, beweist den Stellenwert, den die Veranstaltung hat. Für Martin Kastler, den Bundesvorsitzenden der Ackermann-Gemeinde, geht es bei dem Symposium vor allem darum, gemeinsam zurück und nach vorne zu schauen und damit zum Bau „unserer europäischen Gesellschaft“ beizutragen.

Die Aufgabe des Symposiums verdeutlichte aus Sicht der Ackermann-Gemeinde deren Ehrenvorsitzender Dr. Walter Rzepka. Es könne der deutsch-tschechischen Nachbarschaft wie auch Europa und den Europäern einen Dienst erweisen: erstens durch das Diskutieren von Problemen, zweitens durch das Entwickeln von Ideen zur Lösung dieser Probleme und drittens durch das Einbringen dieser Ideen in die politische Meinungsbildung. Tomáš Kafka, der Mitbegründer des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und tschechische Nationalkoordinator der Visegrád-Staaten, würdigte die Iglauer/Brünner Konferenz als „Leitfaden bzw. -bild für den tschechisch-sudetendeutschen Dialog“ bzw. für mitteleuropäische Begegnung und Zusammenarbeit.

Ein weiterer Rückblick galt dem im Jahr 2015 federführend von der Stadt Brünn organisierten „Jahr der Versöhnung“ zum Gedenken an den Brünner Todesmarsch 1945. Mit dem „Jahr der Versöhnung“ sollte, so der Brünner Oberbürgermeister Petr Vokrál, aller Opfer in Brünn während und am Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht werden – „erstmals auch der deutschsprachigen Bewohner Brünns“. Höhepunkt war, und da pflichteten ihm die Teilnehmer des eigens diesem Thema gewidmeten Podiums uneingeschränkt bei, die Wallfahrt der Versöhnung gegen die Richtung des damaligen Todesmarsches, d. h. von Pohrlitz nach Brünn. Eine Neuauflage der Wallfahrt und des Festivals mit zahlreichen kulturellen Veranstaltungen soll es heuer und in den nächsten Jahren geben – auch unter dem Aspekt „Heimatverlust – Heimat neu finden“ bzw. „Vertreibung“.

Das Hauptthema des Symposiums, „Wie viel Vielfalt vertragen unsere Gesellschaften? seite9-KK1368Der Umgang mit Flüchtlingen in historischer und europäischer Perspektive“, wurde in drei Arbeitseinheiten erörtert: Zunächst ging es um die „Reaktionen auf Zuwanderung als Spiegel unserer Gesellschaften“. Die Podiumsteilnehmer stellten fest, dass das Thema vielfach sehr emotional behandelt wird, und empfahlen mehr Rationalität. Aber auch die Besinnung auf und die Klarheit über die eigenen Werte seien wichtig. Der tschechische Kulturminister Daniel Herman erinnerte an die von Papst Johannes Paul II. initiierten interreligiösen Treffen und sprach sich für den Brückenbau zwischen den Religionen „auf Basis der uns verbindenden Dinge“ aus. Von derzeit drei Gefühlslagen in der Bevölkerung sprach der Wiener Theologieprofessor Dr. Paul Zulehner: Ärger (mit Hass als Folge), Zuversicht und – dazwischen – rationale Sorge. Er empfahl, durch Anstrengungen in der Politik, in der Pfarrgemeinde, in der Bildungsarbeit usw. Zuversicht zu vermitteln bzw. zu erzeugen. Zulehner sprach auch von einem zurzeit „schwachen“ Christentum in Europa, wünschte aber auch eine „europäische Exegese des Islam“.

Beim zweiten Podium zum Thema „Perspektivwechsel: Flucht, Aufnahme und Integration als Erfahrung“ schilderten der Ehrenvorsitzende der Ackermann-Gemeinde und frühere Generallandesanwalt Dr. Walter Rzepka, die Journalistin Ludmila Rakušanová, der Historiker Dr. Konstantinos Tsivos und der aus Afghanistan stammende, heute in München lebende Elektroinstallateur und Buchautor Hassan Ali Djan ihre persönlichen und ganz unterschiedlichen Erfahrungen mit Flucht, Aufnahme und Integration unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, während des Prager Frühlings, in den 80er bzw. 90er Jahren und im Jahr 2005 (aus Afghanistan bzw. dem Iran).

Die Teilnehmer auf dem Schlusspodium suchten Antworten auf die Herausforderungen: „Wer löst die aktuelle Flüchtlingskrise? Aktiv auf lokaler Ebene und Hoffen auf Europa?“ Die Antworten gingen in ganz unterschiedliche Richtungen: Rationalität, Klar- und Weitsicht, Mut und Dialog empfahl der aus dem Irak stammende Wiener SPÖ-Abgeordnete Omar Al Rawi. Auf Unterstützung und Hilfen in den Herkunftsländern seitens der Tschechischen Republik – und auch Solidarität – verwies Dr. Tomáš Urubek vom Tschechischen Innenministerium. Diese Strategie wiederum kritisierte die Brünner Bürgerrechtlerin Dr. Anna Šabatová, die auf aktive Ehrenamtliche aus Tschechien an der Balkanroute verwies und mahnte, dass es dem Staat nicht gelungen sei, der Bevölkerung die Angst vor den Flüchtlingen zu nehmen. Die Auswirkungen der in der Slowakei neu auftretenden radikalen Partei und auch die Einflüsse aus Ungarn nannte die slowakische Abgeordnete Magdaléna Vášáryová als Ursachen für die Stimmung in ihrem Heimatland gegenüber den Flüchtlingen. Ein Engagement auf allen Ebenen – Europa, Nationalstaat, Kommune – hält Dr. Christoph Bergner, der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, für nötig: großes zivilgesellschaftliches Engagement und staatliche Anstrengung. Aber es müsse auch verhindert werden, dass sich Mehrheiten gegen die europäischen Werte bilden. „Vertrauen schaffen!“ – so Bergners kurze Formel.

Markus Bauer (KK)

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